Politik | Ausland
23.07.2018

Nach Prager Frühling 1968: Die Flucht nach Österreich

Nach dem Einmarsch der Sowjets in der Tschechoslowakei fällt der Eiserne Vorhang wieder. Zeitzeugin Jana Patsch erinnert sich.

Im Jänner 1969 formiert sich vor dem Burgtor am Wiener Michaelerplatz ein Demonstrationszug. Mit Kerzen in den Händen gedenken die Teilnehmer des tschechischen Studenten Jan Palach. Er hatte sich am 16. Jänner in Prag aus Protest gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die ČSSR selbst angezündet und war einige Tage später qualvoll gestorben.

Auch ich nehme an der Kundgebung teil. Ich weiß nicht, wer sie organisiert hat, aber die Anteilnahme der Wiener ist beeindruckend. Es ist ein langer Schweigemarsch durch die Innenstadt.

Die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ hat eine große Fluchtwelle aus der ČSSR ausgelöst. Allein in Wien sind 100.000 Tschechen und Slowaken vorübergehend gestrandet. Ich selbst gehöre auch dazu, habe meine Heimat am 20. 11. ’68 verlassen, als das noch möglich war.

Wir Flüchtlinge haben unsere alte Existenz aufgegeben, haben Hab und Gut zurückgelassen, Familien und Freundschaften wurden auseinandergerissen. Meist nur mit der Geburtsurkunde und den Schulzeugnissen in der Tasche, haben viele das Weite gesucht. Andere, die die neue Reisefreiheit zu einem Besuch im Westen genutzt hatten, sitzen jetzt in Wien fest und überlegen, ob sie heimkehren sollen.

Anteilnahme

Empfangen werden die Geflüchteten und Gestrandeten vorwiegend mit Sympathie und Anteilnahme. In Wiener Schulen werden Pritschen aufgestellt, Privatpersonen spenden Kaffee und Kuchen. Der ORF strahlt die wichtigsten Nachrichten auch auf Tschechisch aus. So können sich die Menschen in all ihrer Unsicherheit auf dem Laufenden halten. Viele wollen weiterziehen. Von Wien-Schwechat aus starten wöchentlich Charterflüge für Flüchtlinge nach Kanada, Südafrika und Australien.

Einige von uns – so wie ich – haben bei Verwandten Unterschlupf gefunden. Es ist nicht das erste Mal, dass Tschechen und Slowaken aus politischen Gründen ihre Heimat verlassen müssen. Nach dem KP-Putsch von 1948 sollen es 60.000 gewesen sein. In Wien treffe ich viele Bekannte vom „Pressburger Korso“, der Flaniermeile durch die Altstadt, wieder. Da ich Deutsch spreche, helfe ich als Dolmetscherin, etwa bei der Antragstellung an der Botschaft Südafrikas. Dort müssen Fluchtwillige die Apartheid anerkennen. Wir haben kaum Ahnung, was das bedeutet.

Mehrmals werde ich auch gebeten, Trauzeugin zu sein. Einige Paare wollen den Weg in die unsichere Zukunft wenigstens gemeinsam als Eheleute antreten.

Geheimdienst

Wer sein altes Leben zurücklässt, wird oft von Heimweh geplagt. Viele lindern es, indem sie sich vorwiegend mit Landsleuten treffen, gemeinsam singen oder tschechische Filme anschauen. Ich meide diese Treffen, weil mit klar ist, dass der tschechoslowakische Geheimdienst sie unterwandert und Meldung erstattet. Wenigstens meine Familie und Freunde zu Hause sollen wegen meiner Flucht keine Probleme bekommen.

In der besetzten ČSSR wird die „Normalisierung“ ausgerufen. Das heißt, alle Reformen des „Prager Frühlings“ – wie Presse- und Reisefreiheit – werden zurückgenommen. Das Regime kehrt zum Totalitarismus zurück. Der Eiserne Vorhang rasselt wieder herunter. Ich fahre nach Hainburg, um vom Hundsheimer Berg nach Pressburg zu schauen. Danach habe ich meist Albträume: Ich bin in Bratislava und kann nicht mehr zurück nach Wien.

Einige Jahre später – ich bin schon längst österreichische Staatsangehörige – bietet sich die Gelegenheit, meinen Aufenthalt in Österreich durch die ČSSR legalisieren zu lassen. Die damit verbundene Erlaubnis, meine Verwandten gelegentlich besuchen zu dürfen, lässt sich das kommunistische Regime teuer abkaufen. Offiziell heißt es, mit dem Geld würde ich die Kosten meines Studiums ersetzen.

Schock

Der erste Besuch in der alten Heimat ist ein Schock. Ich erkenne Bratislava kaum wieder. Die halbe Altstadt ist der neuen Donaubrücke zum Opfer gefallen. Der Fischplatz mit den denkmalgeschützten Biedermeier-Häusern, von denen eines meiner Familie gehört hat, ist abgerissen, genau wie das Judenviertel samt Synagoge. Wenige Meter vom Dom entfernt wurde eine breite Straße gebaut. Am rechten Donauufer ragt eine Plattenbau-Siedlung für 80.000 Menschen in den Himmel – ohne Infrastruktur, ohne Kino oder Gasthaus.

Da die kosmopolitischen Pressburger als wenig regimetreu gelten, wurden hier Menschen aus dem Osten des Landes angesiedelt. Die Einwohnerzahl von Bratislava – mittlerweile slowakische Hauptstadt innerhalb der neuen Föderation – hat sich verdoppelt. Der Charakter der einst dreisprachigen Stadt ist verloren. Lange schaue ich mich am Schauplatz meiner Kindheit und Jugend nicht um.

Ich bin hier eine Fremde. Begegne ich einem Bekannten auf der Straße, so wechselt er auf die andere Seite. Jeder hat Angst. Von Schulfreunden werde ich angefleht, mich nicht mehr blicken zu lassen, denn sie müssten nach jedem Kontakt mit einem Westler dem Staatssicherheitsdienst berichten. So reise ich wieder heim – diesmal nach Wien.