Politik | Ausland
10.04.2017

Mord an Jüdin in Pariser Migrantenviertel

Der Täter gilt als Irrer, aber das Opfer wurde schon lange als Jüdin gemobbt. Bei einer Trauerdemo äußerten Juden Angst und Wut.

Ein besonders grausamer Mord wühlt die jüdische Bevölkerung in den volkstümlichen Vierteln von Paris auf, während zumindest bisher Frankreichs Medien das Ereignis weitgehend ignoriert haben. Am vergangenen Dienstag wurde eine 67-jährige orthodoxe Jüdin, Lucie Halimi, in ihrer Wohnung, in einem Sozialbau im Pariser Migranten-Viertel Belleville, von einem Nachbarn Nachts aus dem Bett gezerrt, geschlagen und aus Fenster in den Tod geworfen.

Der Täter, ein 27 jähriger, mehrfach vorbestrafter Drogensüchtiger, entstammt einer muslimischen, franko-afrikanischen Familie, die im selben Haus wohnt. Knapp vor der Tat war er mit seiner Familie in Streit geraten und in eine Nachbarswohnung eingedrungen. Von dort war er über einen Balkon in die Wohnung von Halimi hochgeklettert. Nach seiner Festnahme wurde er in die psychiatrische Anstalt der Polizeipräfektur eingeliefert.

Der Staatsanwalt wollte bisher „antisemitische Beweggründe“ weder bestätigen noch ausschließen. Aber der Sohn des Mordopfers, der nach Israel ausgewandert ist, erklärte, seine Mutter und seine Schwester seien „seit Jahren“ vom Täter und weiteren Angehörige seiner Familie im Stiegenhaus als „dreckige Juden“ beschimpft und bedroht worden.

Nicht das erste Mal

Es ist nicht das erste Mal, dass bei einem Mord an einem Juden, der Täter schon zuvor durch ein gestörtes Verhalten aufgefallen war. Begonnen hatten die antijüdischen Gewalttaten in Frankreich im November 2003, als in einem Sozialbau, nicht weit vom jetzigen Tatort, ein junger Muslim, der ebenfalls unter psychotischen Schüben litt, seinen jüdischen Nachbarn und Kindheits-Freund erstach und sein Gesicht anschließend auch noch mit einer Gabel entstellte. Der Täter sagte danach vor Zeugen: „Ich komme ins Paradies, ich habe einen Juden getötet“. Die Justiz erklärte ihn für unzurechnungsfähig. Seither wurden wurden in Frankreich weitere neun Juden, bei Einzelmorden oder Terrorattacken, von Muslimen getötet.

Auch etliche der dschihadistischen Massenmörder, wie etwa der Mann, der das Massaker von Nizza im Juli 2016 verübte, waren zuvor bereits verhaltensauffällig gewesen. Tatsächlich zieht die dschihadistische Propaganda, so wie alle menschenverachtenden Ideologien, gestörte Persönlichkeiten in ihren Bann. Und der Islamismus, der diese Personen umgibt, befeuert den mörderischen Hass auf Juden.

Spannung bei Trauermarsch

Ein Trauermarsch in Belleville am Sonntag fand in gespannter Stimmung statt. Während jüdische Würdenträger weiße Blumen hielten, kochte bei anderen Teilnehmern die Wut über die Gewalttaten und Demütigungen, die Juden manchmal in Vierteln erleiden, in denen junge Muslime eine Art Vorherrschaft ausüben. „Wir kommen nur mehr zusammen, um Tote zu betrauern“, meinte ein Demonstrant.

Ein Trupp jüdischer Demonstranten verfolgte eine Gruppe arabisch-stämmiger junger Männer, die, so die Gerüchte, den Kundgebungsteilnehmern Drohungen zugerufen hätten. Es gab aber keine Verletzte, behelmte Polizisten nahmen Aufstellung. Die Demo löste sich vor dem Wohngebäude der Ermordeten mit Diskussionen zwischen den Teilnehmern auf: einige meinten, das Zusammenleben mit den meisten Muslime verliefe weiterhin gut, der Täter sei ein isolierter Irrer. Andere sind überzeugt, dass die Bedrohung zunehme und die Behörden hilflos wären.