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84 Tote
07/15/2016

Was wir über den Attentäter von Nizza wissen

Mittlerweile ist die Identität des Attentäters von Nizza bekannt. Den Geheimdiensten war der vorbestrafte Tunesier nicht bekannt.

Wer ist der 31-jährige Tunesier Mohamed Lahouaiej-Bouhlel, der am französischen Nationalfeiertag mindestens 84 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt hat? Nach dem Anschlag in Nizza werden immer mehr Details über den Attentäter bekannt.

2005 nach Frankreich gekommen

Am 31. Jänner 1985 in Msaken am Rand der tunesischen Stadt Sousse geboren, war er laut der Zeitung La Presse im Jahr 2005 nach Frankreich gekommen. Dort heiratete er eine Franko-Tunesierin aus Nizza, mit der er drei Kinder hatte, wie Anwohner der Nachrichtenagentur AFP berichteten. Gemeinsam lebte das Paar, das stets westlich gekleidet war und nicht als religiös galt, in der zwölften Etage eines Wohnblocks in einem Vorort im Norden von Nizza.

Die Ermittler untersuchen laut der Staatsanwaltschaft noch immer, ob der Attentäter allein oder in einer Gruppe gehandelt hat. Niemand habe sich bekannt, aber vieles deute auf eine Terrorgruppe. Das Attentat von Nizza entspreche "exakt den ständigen Mordaufrufen" der Jihadisten.

"Nie in der Moschee gesehen"

"Er unterwarf sich nicht Gott, ich habe ihn niemals in der Moschee gesehen", versicherte ein Besucher des Restaurants neben der örtlichen Moschee. Drei praktizierende bärtige Muslime bestätigten dies. Andere Bewohner des Viertels sagten, Lahouaiej-Bouhlel habe regelmäßig Bier getrunken.

Von Geheimdiensten nicht als Islamist geführt

Auch Staatsanwalt Francois Molins sagte, der junge Mann sei den Geheimdiensten "vollkommen unbekannt" gewesen. Er sei auch in keiner Datenbank wegen möglicher Radikalisierung oder als Gefähreder geführt worden.

Bewährungsstrafe

Dafür war er aber laut Molins Polizei und Justiz seit 2010 wegen zahlreicher Drohungen, Gewalttaten, Diebstähle und Sachbeschädigung bekannt. Erst im März wurde Lahouaiej-Bouhlel, der als Lieferant arbeitete, zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt wegen eines gewaltsamen Streits nach einem Verkehrsunfall im Jänner. Dabei soll er nach Angaben der französischen Behörden eine Holzpalette auf seinen Kontrahenten geworfen haben. Nachbarn berichteten zudem, dass er teilweise sehr aggressiv gewesen sei und seine Frau misshandelt habe.

Nachbar vermutet psychisches Problem als Motiv

Ein Nachbar sagte sogar, er vermute weniger politische Motive hinter der Tat als psychische Probleme. "Ich glaube überhaupt nicht an ein Problem der Radikalisierung, ich glaube eher, dass das eine Frage der Psychiatrie ist", sagte der Nachbar. Nach einem gewaltsamen Streit habe seine Frau die Scheidung beantragt. "Er hatte Krisen. Als er sich von seiner Frau trennte, defäkierte er überall hin, stach auf den Teddy seiner Tochter mit einem Messer ein und schlitzte die Matratzen auf."

Valls: "Kontakt zum radikalen Islam"

Der Attentäter von Nizza hatte Ministerpräsident Manuel Valls zufolge vermutlich "in der einen oder anderen Form" Kontakt zum radikalen Islam. Dem Sender France 2 sagte er Freitagabend, bei dem Angriff handle es sich um einen Akt des Terrors.

Heftige Streits mit Ex-Frau

Der Pförtner des Wohnblocks, in dem der Attentäter bis zu seinem Auszug vor 18 Monaten infolge der Trennung von seiner Frau lebte, sagte, Lahouaiej-Bouhlel sei ihm wegen der "sehr heftigen Streits mit seiner Frau" bekannt gewesen. Diese wurde als eher schüchtern und freundlich beschrieben. Laut den Nachbarn brachte sie nach der Trennung von Lahouaiej-Bouhlel ihr drittes Kind zur Welt. Am Freitag wurde sie von der Polizei zur Befragung mitgenommen.

Einzelgänger

Andere Nachbarn berichteten, der Mann sei verschlossen und schweigsam gewesen. Im Aufzug habe er nie ein Wort gesagt und im Flur nie gegrüßt. Nach der Trennung von seiner Frau zog er in ein vierstöckiges Wohnhaus im Osten von Nizza.

Ermittler durchsuchten am Freitag die Wohnung des Attentäters. Die Straße wurde abgesperrt. Nur hundert Meter entfernt wurde wenig später ein verdächtiges Paket von Spezialkräften gesprengt.

"Nicht offensiv religiös"

Ein Nachbar sagte, der 31-Jährige sei nicht offensiv religiös aufgetreten, er habe häufig Shorts getragen. Nachbarin Alexia, die in der selben Etage wohnt, wechselte nur ein einziges Mal ein paar Worte mit dem Mann - als er versehentlich den falschen Stromzähler abgestellt hatte. Eine Mieterin des Erdgeschosses sagte, der 31-Jährige sei "ein gut aussehender Mann" gewesen, der ihr aber ein Dorn im Auge war, weil er ihre Töchter "zu sehr angesehen" habe.

Was ihn zu dem Angriff auf der Strandpromenade brachte, bei dem mindestens 84 Menschen getötet wurden, ist weiter unklar. Er selbst kann dazu keine Auskunft mehr geben. Er wurde am Steuer des Lastwagens von der Polizei erschossen.

Lkw bis 13. Juli gemietet

Das Fahrzeug habe Bouhlel am 11. Juli gemietet. Er sei allein mit dem Fahrrad gekommen und habe den Lkw, den er am 13. Juli zurückbringen sollte, in einem Viertel von Nizza abgestellt. Am 14. Juli sei er gegen 22.30 Uhr aufgetaucht und habe dann den Anschlag verübt. Das Fahrrad sei im Laderaum des Lkw sichergestellt worden, so der Staatsanwalt.

Nach dem Feuerwerk zum französischen Nationalfeiertag am Donnerstagabend war der Attentäter mit einem Lastwagen in die Menschenmenge auf der Strandpromenade gerast. Mindestens 84 Menschen wurden getötet und mehr als 200 weitere verletzt, bevor Polizisten den Attentäter erschossen. Seine Ausweispapiere wurden in dem Lkw gefunden.

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