UKRAINE-RUSSIA-CONFLICT

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Lagebericht
03/06/2022

Evakuierungsversuche von Mariupol gestoppt, Exodus nimmt dramatische Formen an

Tag 11: Humanitäre Lage in Mariupol "katastrophal". Selenskyj: Russen bereiten Bombardierung von Odessa vor.

Tag 11 des Krieges in der Ukraine: Mit der Fortdauer des Kriegs müssten nach Angaben des ukrainischen Präsidialamtes mehrere Hunderttausend Ukrainerinnen und Ukrainer sofort aus ihren Städten evakuiert werden. Es gebe bereits mehrere Dutzend Städte in acht Regionen im Land, in denen die humanitäre Situation katastrophal sei, berichtete die ukrainische Internetzeitung "Ukrajinska Prawda" am Sonntag. Zuvor war ein zweiter Versuch gescheitert, 200.000 Menschen aus der belagerten Hafenstadt Mariupol zu bringen.

"Inmitten verheerender Szenen menschlichen Leids in Mariupol ist heute ein zweiter Versuch, mit der Evakuierung von rund 200.000 Menschen aus der Stadt zu beginnen, gestoppt worden", erklärte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) am Sonntag. "Die gescheiterten Versuche gestern und heute" zeigten, dass es keine detaillierte und funktionierende Vereinbarung zwischen den Konfliktparteien gebe, hieß es in der Erklärung weiter. Die Stadtverwaltung bestätigte das Scheitern der Evakuierung und fügte an, ein Konvoi mit Zivilisten könne wegen russischen Beschusses die Stadt nicht verlassen.

Der russische Präsident Wladimir Putin machte dagegen bei einem Gespräch mit dem französischen Staatschef Emmanuel Macron die Ukraine verantwortlich, die sich nicht an die vereinbarte Feuerpause halte, wie der Kreml am Sonntag in Moskau mitteilte. Macron äußerte sich laut dem Pariser Präsidialamt nach dem Telefonat besorgt über einen möglicherweise kurz bevorstehenden Angriff auf die Hafenstadt Odessa.

Ukrainische Nationalisten hätten nicht zugelassen, dass die Menschen aus Mariupol und aus Wolnowacha in Sicherheit gebracht werden können, hieß es aus dem Kreml. Die Feuerpause sei vielmehr genutzt worden, damit sich die ukrainischen Streitkräfte neu positionieren könnten. Dem französischen Präsidenten sei nahegelegt worden, auf die ukrainische Führung einzuwirken, damit diese sich an das internationale humanitäre Recht halte.

"Humanitäre Blockade"

Nach mehr als einer Woche Krieg hatten Russland und die Ukraine schon am Samstag eine zeitweilige Waffenruhe für die südukrainische Hafenstadt Mariupol und eine Kleinstadt der Umgebung vereinbart, um Menschen fliehen zu lassen. Doch wurde die Feuerpause auch beim ersten Mal gebrochen, die Evakuierung scheiterte. Mariupols Bürgermeister Wadym Boitschenko sprach danach im ukrainischen Fernsehen von einer "humanitären Blockade" durch russische Einheiten. Er flehe um die Errichtung eines Korridors, um Ältere, Frauen und Kinder aus der Stadt mit rund 440.000 Einwohnern zu bringen.

Neben Mariupol sieht der ukrainische Generalstab den Hauptfokus der russischen Angreifer weiter in der Umzingelung der Hauptstadt Kiew, der Millionenmetropole Charkiw im Osten und der Stadt Mykolajiw im Süden. Russische Einheiten versuchten, in die südwestlichen Außenbezirke von Kiew einzudringen und näherten sich der Autobahn nach Boryspil, wo Kiews internationaler Flughafen liegt. Russland plane zudem die Einnahme des Wasserkraftwerks Kaniw rund 150 Kilometer südlich von Kiew am Fluss Dnipro.

In der Ostukraine wurde nach Angaben lokaler Behörden eine Gasleitung nach russischem Beschuss beschädigt. Dies schränke die Versorgung im Südosten ein, teilte der Gouverneur der Region Donezk, Pawlo Kyrylenko, mit. In der Großstadt Charkiw wurde zudem nach ukrainischen Angaben der Fernsehturm bei einem russischen Angriff beschädigt. Dadurch fiel die Fernsehübertragung vorübergehend aus, hieß es.

2.200 zerstörte Objekte militärischer Infrastruktur?

In Moskau meldete das Verteidigungsministerium den Vormarsch der russischen Armee und der von ihr unterstützten Separatisten im Osten der Ukraine. Russische Streitkräfte und prorussische Separatisten brachten demnach mehr als ein Dutzend Ortschaften unter ihre Kontrolle. Zugleich meldete die russische Seite ukrainische Angriffe auf die selbst erklärten Volksrepubliken Luhansk und Donezk. Die Angaben beider Seiten können nicht unabhängig überprüft werden.

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte als Ziel der am 24. Februar begonnenen Invasion genannt, die Gebiete Donezk und Luhansk vollständig einzunehmen. Putin spricht von einer "militärischen Spezial-Operation". Russland hat nach eigenen Angaben mehr als 2.200 Objekte militärischer Infrastruktur zerstört, aber auch Hunderte getötete Soldaten in den eigenen Reihen eingeräumt.

Kampf um Kiew

"Raketen auf Odessa? Das wird ein Kriegsverbrechen sein"

Der ukrainische Präsident Selenskyj forderte seine Landsleute in einer neuen Videobotschaft zum Widerstand gegen die russischen Truppen auf. "Wir müssen nach draußen gehen! Wir müssen kämpfen! Wann immer sich eine Gelegenheit bietet." Die Menschen sollten wie in Cherson, Berdjansk oder Melitopol nach draußen gehen "und dieses Übel aus unseren Städten vertreiben".

Die russischen Truppen bereiten nach den Worten Selenskyjs auch die Bombardierung von Odessa vor. Die Stadt liegt am Schwarzen Meer westlich der von Russland annektierten Halbinsel Krim. "Raketen auf Odessa? Das wird ein Kriegsverbrechen sein", sagte Selenskyj.

Telefonate ohne Erfolg

Internationale Vermittlungsversuche scheinen in dem Krieg derzeit wenig zu fruchten. Israels Ministerpräsident Naftali Bennett war am Samstag zu dreistündigen Gesprächen mit Putin in Moskau und anschließend beim deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz in Berlin. Danach erklärte der deutsche Regierungssprecher Steffen Hebestreit aber nur, das gemeinsame Ziel bleibe es, den Krieg in der Ukraine "so schnell wie irgend möglich" zu beenden. "Daran werde man mit aller Kraft arbeiten."

Am Sonntag teilte Bennetts Büro mit, der Regierungschef habe zum dritten Mal binnen 24 Stunden mit Selenskyj telefoniert. Details gab es nicht. Als Vermittler bietet sich auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan an, der am Sonntag mit Putin telefonierte. Bundeskanzler Scholz wollte sich am Sonntag mit EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen beraten.

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