Politik | Ausland
05.03.2018

"Mitteleuropa revisited": Zwei Experten über die Zukunft Europas

Buchkritik.Ex-Vizekanzler Erhard Busek und Spitzendiplomat Emil Brix haben sich nach 30 Jahren wieder bei den Nachbarn in Nord und Ost umgesehen.

Es war im Jahr 1986, in der Zeit, als Erhard Busek Vizebürgermeister von Wien war. Der ÖVP-Politiker schrieb mit dem Diplomaten Emil Brix das Buch "Projekt Mitteleuropa". Jetzt haben Busek und Brix, der ab 1990 Generalkonsul in Krakau und bis vor kurzem Botschafter in Moskau war, ein neues Buch über diesen geografischen und politischen Raum, der die beiden so fasziniert, vorgelegt: "Mitteleuropa revisited."

Busek war einer der wenigen westeuropäischen Politiker, die damals nicht nur ihre kommunistischen Amtskollegen besuchten. Er suchte auch Kontakte zu Organisationen der Opposition. Die gab es in allen Staaten des Warschauer Paktes. Oft waren es christliche Gruppierungen, in Polen die Gewerkschaft Solidarnosc, in der CSSR die Bürgerrechtler der Charta 77.

Kein Wunder, dass es Persönlichkeiten aus diesen beiden Gruppierungen sind, die Busek im Rückblick am meisten beeindruckt haben: Tadeusz Mazowiecki (1927–2013) und Vaclav Havel (1936–2012). Der Schriftsteller Havel wurde 1989, nach der samtenen Revolution letzter Staatspräsident der Tschechoslowakei und nach der Trennung der beiden Länder slowakischer Staatschef von 1993 bis 2003.

Schon in der abgeschlossenen Welt hinter dem Eisernen Vorhang hat sich die geistige Idee einer mitteleuropäischen Perspektive abgezeichnet, erzählt Busek. Die Intellektuellen haben auf der Suche nach der Freiheit eine Alternative zur Abhängigkeit von Moskau gesucht, fern von irgendeiner Habsburger Nostalgie. Freilich, so Busek, viele seiner Gesprächspartner haben damals noch Deutsch gesprochen, diese Kenntnisse wurde inzwischen deutlich seltener. Das Buch heißt eben auch " Mitteleuropa revisited", die gemeinsame Sprache ist heute das Englische.

Nicht nur der europäische Kontinent, die ganze Welt hat sich durch den Fall der Berliner Mauer und den Zerfall der Sowjetunion verändert, auch wenn es nicht das "Ende der Geschichte" war, wie Francis Fukuyama mit einem Buchtitel spekulierte. Nun aber, so die Prognose von Busek und Brix, wird "Europas Zukunft in Mitteleuropa entschieden". Die Autoren beschreiben "den Weg der EU auf dem Weg in den Osten" – obwohl man oft das Gefühl hat, es läuft umgekehrt – und beschäftigen sich mit dem Nationalismus: eine Antwort auf Globalisierung und Flüchtlingsströme in den zum Teil jungen Staaten, wo die Grenzen zwischen Staat und Nationalität historisch bedingt oft schwierig zu ziehen waren.

Die wirtschaftliche Integration halten sie mehrheitlich für eine Erfolgsgeschichte, den grassierenden Populismus für ein Faktum.

Der Balkan, wo einige Staaten noch den Weg in die EU suchen, ist eine besonders schwierige Region. Am deutlichsten zeigen sich in Europa die Probleme von Mehrfachidentitäten auf dem Balkan, dessen bis in die letzten Kriege unversöhnlich erscheinende nationale Mythen noch durch Religionsgrenzen verstärkt werden.

Und noch etwas zeigt sich in Mitteleuropa deutlicher als anderswo: Die Einflüsse der Supermächte USA und Russland bleiben wichtig – erst recht, weil einige Staaten ihre Sicherheit oder auch Unsicherheit über die Politik Moskaus definieren.

Busek und Brix bieten viel Stoff zum Nachdenken.