Politik | Ausland
07.07.2018

Migrationsexpertin Sunjic: "Sie kommen trotzdem"

Wenn es um Schlepper und Fluchtgründe geht, kann man Melita Sunjic nichts vormachen. Europa setze an der falschen Stelle an.

Rund 43.000 Menschen haben 2018 den Weg über das Mittelmeer nach Europa auf sich genommen, sechsmal weniger als 2016. Rund 30 Prozent davon sind laut Eurostat tatsächlich schutzbedürftig. Die EU will mit ihrem Asylkompromiss von Ende Juni „den Schleppern“ das Handwerk legen. Wenn es um Schlepper und um Fluchtgründe geht, dann kann man Melita Sunjic nichts vormachen. Die Migrationsexpertin hat zunächst im Rahmen der UNHCR und mittlerweile auf selbständiger Basis (transcultural.at) mehrere Länder bereist, aus denen die meisten Flüchtlinge nach Europa kommen und mit Flüchtenden, Fluchtwilligen, der Diaspora in Europa sowie mit Schleppern gesprochen. Sie berät auch diverse europäische Regierungen, die EASO (Europäisches Unterstützungsbüro für Asylfragen), macht etwa Trainings und Workshops. Hat vor allem in den Communities der Eritreer, Somalier, Iraker, Syrer, Afghanistan, Nigerianern geforscht. Also unter den Hauptherkunftsländern.

„Nach Europa kommt ihr nicht so leicht“, soll die Botschaft der neuen EU-Politik sein. Kommt diese Message an?

Es gibt die „Kognitive Dissonanz“ – man nimmt nur das auf, was man hören will. Als voriges Jahr via „CNN“ breit publik wurde, dass es in Libyen Sklavenhandel gibt, hat es in vielen Herkunftsländern in Afrika eine Debatte gegeben, dass das erfunden wurde, um abzuschrecken. Die Information allein ist es nicht. Die Quelle muss glaubwürdig sein.Das können nicht die „reichen Weißen“ sein, sondern die eigenen Leute, die die Reise nach Europa schon getan haben. Die Information muss ankommen, bevor sich die Leute von der Schlepperpropaganda verführen lassen.

Die Menschen, die schon in Europa sind, melden aber nicht immer die Wahrheit zurück?

Wir sehen und die Länder an, die Erwartungen, die Rückmeldungen. Die Frage ist, wie die in Europa mit dem Erfolgsdruck aus der Heimat zurechtkommen. Oft hat ja die ganze Großfamilie gezahlt, Schulden gemacht, damit sie herkommen können. Da beschönigen auch viele.

 

Was fehlt ihnen in der aktuellen Debatte? 

Ich vermisse die Unterscheidung zwischen Flüchtlingen und Migranten. Es ist ein grundsätzliches Menschenrecht, Asyl zu bekommen, wenn man verfolgt wird. Das ist auch Teil der politischen DNA Europas. Europa wäre nicht mehr Europa, wenn wir das aufgeben. Wer Schutz sucht und dazu berechtigt ist, muss diesen Schutz bekommen.

Jetzt sollen sie ja außerhalb der EU um Asyl ansuchen. Oder - geht es nach manchen Politikern - dort bleiben und gar nicht um EU-Asyl ansuchen... 

Ja, aber das widerspricht dem Völkerrecht. Ich kann jemandem nicht verbieten, einen Asylantrag zu stellen. Das Verfahren muss feststellen, ob er zum Schutz berechtigt ist. In Wahrheit muss man in gute, schnelle Asylverfahren investieren.

Zurück zu der Unterscheidung: Wie sieht es mit Migranten aus. Also jene, die keines Schutzes bedürfen?

Obwohl es in Europa den Bedarf nach Arbeitskräften gibt, haben wir keinen legalen Immigrationsmechanismus hierher. Leute, die eigentlich kein Asyl wollen, sondern eigentlich ein paar Jahre arbeiten, haben gar keine Möglichkeit. Doch das ist in Afrika durchaus üblich, dass junge Männer für ein paar Jahre weggehen, Geld verdienen und danach wieder zurückgehen und eine Familie gründen. Diese Menschen werden dann auch in den Asylkanal gedrängt. Dadurch wird einerseits das Asylsystem überlastet und andererseits verliert das Asylsystem überhaupt an Glaubwürdigkeit. Man sagt pauschal: „Das sind ja alles nur Betrüger!“

 

Angela Merkel hat ja schon mehrfach davon geredet, dass man Partnerschaften mit Afrika aufbauen sollte. Auch beim Gipfel wurde dieser Punkt besprochen. Ist da wirklich ein politischer Wille da?

Staatsmänner und -frauen sind von Populisten leicht zu unterscheiden: Man muss nur schauen, ob sie auf komplexe Probleme einfache Antworten geben oder nicht. Und gerade in der Migrationsdebatte kommen die Leute mit ganz einfachen Antworten. Wir sperren die Grenzen, wir lassen niemanden rein, wir schicken alle zurück. Tatsache aber ist, dass man ein so komplexes Problem wie die globale Migration nur auf ebenso komplexe Weise managen kann. Das heißt ich muss schauen wer kommt, warum kommen sie, eigentlich banale Dinge. Viele Länder brauchen auch das Geld, das diese Migranten zurückschicken. Diese Länder sind teilweise gar nicht dagegen, dass ihre Leute emigrieren. Da muss man sich sozial was überlegen, politisch, wirtschaftlich. Man muss entlang der Routen das Schlepperunwesen systematischer bekämpfen. Niemand kann mir einreden, dass es nicht möglich ist, die Geldflüsse zu stoppen.

Welche Geldflüsse?

Das Geld, das an die Schlepper gezahlt wird. Das wird ja meistens elektronisch überwiesen, in Afrika oft telefonisch. Das muss doch zu kappen sein.

Weil man auch weiß, wer diese Schlepper sind?

Ja. Ich habe mit Kollegen vor zwei Jahren ein Projekt begonnen, bei dem wir geschaut haben, was diese Schlepper auf Facebook posten.

Die sind so präsent?

Ja. Da sind Namen – ob es Klarnamen sind, weiß ich nicht – da sind Telefonnummern, Adressen. Diese Liste wurde später von EASO übernommen und erweitert. Die Daten sind auch an Interpol und Europol weitergegeben worden. Es ist nicht so, dass das alles im Geheimen wäre – eh klar: Die Kunden müssen es ja finden.

Funktioniert das denn in Subsahara Afrika auch so?

Weniger über Facebook. Sondern über lokale Agenten.

Was bedeuten Schlepper eigentlich in den bestimmten Gesellschaften? Gibt es da große Unterschiede?

Das ist eine Frage des Bildungs- und Informationsniveaus in den Ausgangsländern. In Afghanistan, wo sehr viele junge Burschen weggeschickt werden, damit sie nicht von den Taliban oder vom IS zwangsrekrutiert werden. Das sind Gesellschaften, die isoliert leben, in denen seit zwei oder drei Generationen keine Schule besucht wurde. Da kommt einer und sagt: „Ich kann deinen Sohn nach Europa bringen und da wird er es gut haben.“ Und der Vater hat keine Vorstellung, wie weit das weg ist, dass nicht jeder hier bleiben darf usw. Der Schlepper erzählt vom „European Dream“, der Vater will das Beste für sein Kind und dann beginnt die Kette der Ausbeutung. Wenn die Familie nicht genug Geld hat – also 10.000 bis 12.000 Dollar – dann schlägt der Schlepper etwa vor, die Tochter zu verheiraten oder Land zu verkaufen (weit unter dem Marktpreis natürlich). Dort müsste man mit der Aufklärung schon ansetzten.

Also die Plakate, die etwa von der österreichischen oder deutschen Regierung in Afghanistan angebracht worden sind, setzen zu spät an?

Zu spät und außerdem bei Leuten, die lesen und schreiben können – und ein iPhone haben. Das sind nicht die, die kommen. Die kann man nur über lokale Strukturen, über Radio, über lokale Shuras, über die Gemeinschaften erreichen.

Dieses Gerücht, dass Familien den stärksten oder ältesten Sohn von Anfang an für die Reise nach Europa aufziehen, ist da was dran?

Nicht in Afghanistan. Die Söhne sind da sehr viel wert. Doch wenn der Vater sieht, dass sie zwangsrekrutiert, zum Kampf gezwungen werden - auch etwa junge Afghanen im Iran, die in Syrien in den Krieg geschickt werden - dann denkt man sich, Europa wäre besser. Zum Schutz. Als Nebeneffekt kommt auch Geld zurück. Man hat ja auch irre Summen investiert. Und was ein Bauer in Afghanistan nicht versteht, ist, dass der Junge hier nicht so einfach arbeiten kann wie dort, als Taglöhner. Dass er eine Ausbildung braucht, einen Abschluss, die Sprache können muss.

Wie sieht es mit Schleppern in Syrien aus? 

Syrer und Iraker – vor allem die, die nach Europa kommen – sind gebildet. Analphabeten kommen eher nicht. Die informieren sich. Sie wissen, dass die Schlepper ein Business machen. Sie misstrauen ihnen. Aber sie brauchen die Dienste. Das ist ein Milliardenbusiness.

Reden wir von Mafiastrukturen, oder von Einzelkämpfern?

In einer Studie konnte ich nachweisen, dass nach dem Abschließen des EU-Türkei-Deals sich das Schlepperunwesen in wenigen Monaten von einem opportunistischen Geldverdienen – etwa Fischer, die halt Boote hatten – zu einer voll entwickelten internationalen organisierten Kriminalität entwickelt hat. 

Mit denselben Akteuren?

Mit neuen Akteuren. Früher kamen die Angebote sehr unprofessionell, plötzlich werden Flugreisen angeboten, gefälschte, gestohlene Papiere, Visa. Die haben Netzwerke auf Flughäfen, in Botschaften, in Europa. Oft werden bestehende Schmugglernetzwerke, etwa für Waffen oder Drogen genutzt.

Sagen Sie, je restriktiver die Politik in Europa geworden ist, desto organisierter wird das Schleppergeschäft?

Ja und desto teurer und gefährlicher werden die Fahrten. Deshalb kann man nicht einfach sagen: „Wir sperren die Routen.“ Die kommen trotzdem. Es werden halt die kommen, die es sich leisten können, bzw. werden sie sich noch mehr verschulden. 

Je restriktiver die Politik in Europa, desto professioneller die Schlepper, desto gefährlicher und teurer die Fahrt.

Melita Sunjic

Sagen die Schlepper dann tatsächlich Dinge wie: „Ihr werden eh nur kurz im Boot sein, dann kommen die NGOs und retten euch“?

Ja. Deshalb wurden dann auch die Boote immer seeuntauglicher und billiger und völlig überfüllt. Sie müssen ja nicht lange durchhalten. Aber die Alternative kann nicht sein, sie nicht zu retten.

Kennen die Fluchtwilligen in den Subsahara-Gebieten Europa? Sagen die dort schon, sie wollen nach Deutschland oder Österreich?

Das würde ich gern genauer untersuchen, aber was ich bis jetzt gehört habe, wird das oft erst unterwegs entschieden. Oder weil man schon wen kennt, oder weil man die Sprache schon kann. Etwa Französisch.

Angela Merkel und ihre Willkommenskultur war schon ein Pullfaktor, glauben Sie nicht?

Die waren doch schon unterwegs – am Balkan, in Ungarn! Merkel hat das doch nicht ausgelöst. Man muss sich den zeitlichen Ablauf ansehen. Sie wurde aber danach in den arabischen Communities hochstilisiert als Beschützerin der Flüchtlinge, aber das ist ja durchaus ein Ehrentitel. Wann ist „guter Mensch sein“ denn zu einem Schimpfwort geworden?

Was stört Sie an der aktuellen Debatte am meisten?

Die Kurzsichtigkeit und der Populismus. Außerdem: Wovon reden wir? 43.000 Menschen sind gekommen. In Europa ist ein Konglomerat von einer halben Milliarde der reichsten, gebildetsten Menschen der Welt. Dass die nicht schaffen, diese Menschen ordentlich zu behandeln, das glaube ich nicht. Für Hysterie ist wirklich kein Anlass. Und man vergisst auch oft: 85 Prozent der Migranten bleiben ja in der Region.