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Politik Ausland
11/01/2019

Mein Moskau: Vom Billigparfum zum Glaspalast

Moskau hat sich zur boomenden Metropole gewandelt. Revue einer KURIER-Redakteurin, die die Stadt seit Jahrzehnten kennt.

Von Jana Patsch

Ich bin in der kommunistischen Tschechoslowakei aufgewachsen und konnte als Jugendliche von Reisen nach Wien oder Paris nur träumen. Wenn schon nicht in den Westen, dann eben in den Osten, dachte ich mir damals und fuhr im Frühjahr 1965 erstmals nach Moskau. Unsere Studentengruppe wurde vor Ort von Mitgliedern des Komsomol (KP-Jugend) betreut. Obwohl wir aus einem Bruderland kamen, wurden wir ständig überwacht, Fraternisieren mit den Gastgebern war unerwünscht.

Auf einem Tanzabend fragte mich ein junger Moskowiter im Flüsterton: „Stimmt es, dass es außer dem Marxismus-Leninismus noch andere Philosophien gibt?“ Moskau präsentierte sich Grau (Menschen) in Grau (Fassaden). Die Skyline wurde von Stalin-Bauten dominiert. Außer den Kathedralen im Kreml waren keine Zwiebel-Türme zu sehen. Die meisten Gotteshäuser hatten keine Kuppeln mehr und wurden als Lager oder Werkstätten genutzt.

Auf den Fundamenten des nicht realisierten, achten Stalin-Hochhauses wuchs gerade das größte Hotel der Welt, das „ Rossija“ mit 3.170 Zimmern, in den Himmel (siehe Bild oben, im Hintergrund). Schön war Moskau nur unter der Erde.

Saufkumpanen

Die Metro beeindruckte uns mit ihren prächtigen Stationen. Die Züge verkehrten – so wie heute noch – im Minutentakt. Die meisten Passagiere lasen in einem Buch – während der Fahrt, aber auch auf der Rolltreppe.

Bei den Eingängen waren Automaten für Sodawasser aufgestellt, entweder pur oder mit Himbeersirup. Das Trink-Glas war stationär, man konnte es kurz kalt abspülen. Ein zweiter Automat gab nach Einwurf einiger Kopeken einen Spritzer billigen Parfüms auf Brusthöhe ab. WC gab es in den Metro-Stationen nicht. Im Bolschoi-Theater fand man die Sanitäranlagen nach dem Geruch. Statt Toilettenpapier wurden alte Zeitungen benutzt, die nach Gebrauch in einen Behälter geworfen wurden.

Bettler waren auf den Straßen nicht zu sehen, dafür viele Alkoholiker. Vor Lebensmittelgeschäften lümmelten Männer herum, die sich zwei Finger an die Brust hielten. Damit signalisierten sie: „Suche Saufkumpan für Wodka“. Nach dem Erwerb einer Halbliter-Flasche verschwand das jeweilige Duo im nächsten Hauseingang. Mit dem Daumen markierte der Erste die Mitte der Flasche und trank sie auf einen Zug bis dorthin aus, der Zweite erledigte den Rest.

Wenn ein Milizionär eine Metro-Station betrat, setzten Passanten rasch alle Alkoholleichen auf. Denn wer am Boden lag, wurde auf die Polizeistation mitgenommen und in der Ausnüchterungszelle mit kaltem Wasser traktiert.

Olympia-Propagandareise

1968 floh ich vor den Russen nach Wien. Erst zwölf Jahre später konnte ich Moskau wieder besuchen. 1980 richtete die russische Metropole die ersten Olympischen Spiele im Osten aus. Aus Protest gegen den Einmarsch der UdSSR in Afghanistan wurden sie von vielen Staaten boykottiert. Doch österreichische Sportler nahmen teil.

Im Vorfeld lud die Sowjetunion westliche Reiseveranstalter zu einer Besichtigung der Austragungsorte ein. Ich konnte mich einer solchen Propagandareise anschließen. Wir bekamen in Moskau die ersten Hotels mit westlichem Standard zu sehen. Einheimischen war das Betreten dieser Luxusherbergen verboten. In den Lobbys warteten russische Edel-Prostituierte auf Kundschaft.

Die Versorgung der Bevölkerung funktionierte damals noch halbwegs. Fleisch wurde im Ganzen angeliefert und in den Geschäften mit der Hacke zerteilt. Aussuchen war nicht möglich – ob man Lungenbraten oder Hufe mit nach Hause nehmen konnte, war russisches Roulette.

Als ich in einem Geschäft laut nach Kaviar fragte, erstarrten die Wartenden, die Verkäuferin wandte sich ab. Sie vermutete in mir eine Provokateurin.

Schnapsbrennerei

Als Michail Gorbatschow (1985–1991) an die Macht kam, sagte er dem Alkoholismus den Kampf an. Prompt verschwand der Zucker aus den Regalen, weil überall schwarz Schnaps gebrannt wurde. Auch sonst gab es wenig zu kaufen. Die „Perestroika“ sollte Abhilfe schaffen, kleiner Privathandel wurde erlaubt: Auf den Straßen wurden Früchte und Blumen aus dem eigenen Garten, selbst gestrickte Pullover, ausgedientes Spielzeug, alte Bücher, selbst gebackene Piroggen angeboten. Später kamen Verkaufsbuden ohne Genehmigungen dazu.

Ganze Armeen von Schmugglern setzten sich in Richtung China und Polen in Bewegung. In riesigen rot-weiß-blau karierten Plastiktaschen schafften sie Tonnen von Mangelware herbei.

Mit dem politischen Wandel im größten Land der Erde nahmen meine beruflichen Einsätze in Moskau zu. Die Eröffnung des ersten McDonald’s am Twersky-Boulevard wurde das Ereignis des Jahres 1990. Die Fleischlaberln wurden zum Kultessen.

Trotz Kakerlaken im Zimmer stieg ich gerne im Hotel „Rossija“ ab, wegen seiner zentralen Lage und der Nähe zu den Duma-Abgeordneten aus den Regionen, die einen eigenen Trakt bewohnten. Und wegen der Kaviarbrötchen im Buffet auf jeder zweiten Etage, die extrem günstig waren.

Ich war dabei, als der rechtsextreme Wladimir Schirinowski im Konzertsaal des „Rossija“ seinen 50. Geburtstag feierte. Der stets polternde Politiker saß in seiner roten Fantasie-Uniform auf einem Thron auf der Bühne und nahm Huldigungen und Geschenke entgegen. Unter den Gästen befanden sich Jean-Marie Le Pen, eine Delegation der FPÖ und fast alle in Moskau vertretenen Botschafter.

Zügelloser Kapitalismus

Unter Präsident Boris Jelzin (1991–1999) brach Anarchie aus. Zügelloser Kapitalismus regierte den Staat, die Korruption wuchs atemberaubend. Selbst Handelsdelegierte rieten Geschäftsleuten, der Mafia Schutzgelder zu zahlen – als eine Art Versicherung. Die Reichen parkten ihre Hummer auf den Gehsteigen und Busfahrbahnen. Der Verkehr stand still, und die Polizei wagte nicht einzuschreiten.

Vor den Kirchen, die wieder Kuppeln trugen, wurden Suppenküchen für Heerscharen von Bettlern eingerichtet. Auch aus dem Westen kam humanitäre Hilfe. Einmal waren es kalorienarme Lebensmittel zum Abnehmen, wie mir Einheimische empört erzählten.

Die UdSSR war zwar Geschichte, die Kontakte zwischen den Unionsrepubliken hatten aber Bestand. Wein aus Georgien wurde in Tankwägen herangekarrt und im Moskauer Park Sokolniki mit dem Schlauch in mitgebrachte Einmachgläser und Töpfe abgefüllt – vorbei an Zollamt und Steuerbehörde.

Autostopp war die meistgenutzte Fortbewegungsart, da städtische Busse reine Glückssache waren. Auf der Straße die Hand heben, Preis verhandeln, einsteigen – auf diese Art bin ich einmal sogar mit einer Limousine aus dem Fuhrpark von Bürgermeister Juri Luschkow mitgefahren.

Wolkenkratzer und Büropaläste

Kürzlich habe ich Moskau wieder besucht. In 35 Minuten fuhr ich mit dem neuen Expresszug vom Flughafen Scheremetjewo ins Zentrum. Neu ist auch der 140 Kilometer lange S-Bahn-Ring um Moskau, der die Verkehrssituation spürbar entspannt. Obwohl die Gehsteige verbreitert wurden, gibt es auf den Hauptverkehrsadern kaum Staus. Im Vorjahr wurden 17 neue Metro-Stationen errichtet, sie halten in puncto Architektur mit den schönen alten mit. Es gibt WC-Anlagen und viele englische Aufschriften.

Im Zentrum dominiert das neue Geschäftsviertel Moskau City mit vielen Wolkenkratzern das linke Flussufer. Das höchste Gebäude ist der Föderationsturm mit Aussichtsplattform, im Preis inbegriffen ist Eiscreme so viel man will. Die renovierten Kirchenkuppeln verschwinden wieder, diesmal im Schatten der Büropaläste.

Das Hotel „Rossija“ wurde abgerissen und stattdessen ein Landschaftspark mit einer schwebenden Brücke und der neuen Philharmonie gebaut. Das neue Gulag Museum ist gut besucht, das Keller-Theater „doz“ mit einem Putin-kritischen Stück ausverkauft.

Ich habe mit keinem einzigen Moskowiter gesprochen, der zuletzt von seinem Wahlrecht Gebrauch gemacht hätte. Und auch keinen einzigen Moskowiter gesehen, der niedrige Dienste verrichtet hätte. Kirgisen, Tadschiken, Georgier, Moldawier und vor allem Ukrainer sind als Bauarbeiter, Taxifahrer, Regalschlichter, Kellner und Hausbesorger im Einsatz. „Eigentlich sollte Europa den Russen dankbar sein, dass sie uns hier arbeiten lassen und wir nicht weiterziehen müssen“, sagte ein Gastarbeiter aus Nord-Kirgistan zu mir.

Moskau hat sich in den letzten 55 Jahren in eine bunte, boomende Metropole verwandelt. Doch die Erinnerungen an all die Umbrüche und harte Zeiten lassen sich nicht so schnell entfernen wie die alten Gebäude.

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