Politik | Ausland
25.03.2018

Teenager versprechen im Kampf gegen Waffen einen langen Atem

Mehr als 500.000 junge Menschen beim "Marsch für unsere Leben" in Washington. Die Wähler von morgen wollen nicht aufgeben

Cameron Kasky ist seine Nervosität anzumerken, als er auf die Bühne in der Nähe des Kapitols in Washington tritt. Eine solche Menschenmenge hat der 17-Jährige, der das Schul-Massaker an der Douglas High School in Parkland/Florida vor gut sechs Wochen überlebt hat, noch nicht vor sich gehabt. „500.000 mindestens“, schätzt ein Polizist.

„Willkommen zur Revolution“, schreit Kasky, „wir sind der Wandel!“. Die 17 To ten von Parkland „werden unser Land verändern“.

Volksvertretern, die das hohe Lied der Waffen-Lobby NRA singen und strengere Gesetze verhindern, prophezeit er das politische Ableben. „Entweder ihr repräsentiert das Volk oder ihr seid raus.“ Prompt antwortet die Menge mit „Wählt sie ab! Wählt sie ab!“. Der Wunsch nach Veränderung, er hat seinen Schlachtruf gefunden.

Marathon

Die Kids von heute – sie sind in Washington wie zeitgleich an 800 anderen Orten zwischen Los Angeles und New York in der Mehrheit – versprechen einen langen Atem. „Das hier ist der Beginn eines Marathons“, sagt der 17-jäh rige Jaden Crocker aus Baltimore/Maryland dem KURIER. „Wir wollen leben und wir werden nicht eher Ruhe geben, bis die Politiker reagiert haben.“

Den Älteren im Publikum wird plötzlich klar: „Da ist seit dem Schul-Massaker von Co lumbine 1999 eine ganze Generation mit der täglichen Angst vor dem Tod groß ge worden. Und jetzt haben sie genug.“

Emma González (Bild unten), der weibliche Star der Protest-Bewegung, sagt es zunächst ohne Worte. Minutenlang, so lang wie Nikolas Cruz in Parkland zum Töten brauchte, schweigt sie. Gänsehaut-Mo ment. Später wünscht sich die 18-Jährige, dass „sich ganz viele von uns in die Wäh ler-Register eintragen“. Wenn es das Alter hergibt, soll schon bei den Zwischenwahlen im Kongress im November „ein Zeichen gesetzt werden“. Die Demonstranten wollen nur noch Abgeordnete nach Washington entsendet wissen, die Sturmgewehre und überdimensionierte Munitions-Magazine verbieten, welche massenhaftes Tö ten binnen Minuten erst möglich machen.

„Menschen töten“

Alles Dinge, die der Kongress und Präsident Trump nicht anpacken wollen. Weil die NRA mit dem Groll von (angeblich) fünf Millionen Mitgliedern droht. Zwei von ihnen, Jack Kersey und sein Bruder David, sind aus Richmond/Virginia in die Hauptstadt gereist. „Waffen töten niemanden“, steht etwas schief geschrieben auf ihrem Plakat, „Menschen töten.“ Das Recht auf Waffenbesitz, sagen sie, kann man nicht einfach allen Amerikanern wegnehmen, nur weil „ein Irrer übergeschnappt ist“. Kann man nicht?

Linda Calderon (17) aus Kentucky weiß, dass laut Umfragen eine satte Mehrheit der Amerikaner für strikte Hintergrund-Checks beim Kauf von Waffen ist und einem Verbot von halb automatischen Schnellfeuergewehren keine Träne nachweinen würde. „Trump sollte das nicht ignorieren“, sagt sie. An die Abgeordneten richtet sie eine Warnung: „Macht euch gefasst, wir wählen euch raus, wenn ihr euch nicht bewegt.“

Gwendolyn Powers, eine Psychologin aus Bethesda, die mit ihren Töchtern (14 und 12) zur Demonstration gekommen ist, war am Anfang skeptisch. Zu oft sei Protest bisher versandet, sagt die 55-Jährige. Nach zweieinhalb Stunden „Marsch für das Leben“ hat sie neue Hoffnung. „Das hier ist ein Erweckungserlebnis.“ Als sie das sagt, singt Jennifer Hudson gerade den Bob Dylan-Hit: „ The Times They are A Changin’.“ Die Zei ten, sie ändern sich…

D. Hautkapp, Washington