Politik | Ausland
25.02.2015

Lunacek für Visafreiheit für Kosovaren

Der Flüchtlingsstrom verebbt. Caritas-Kosovo-Chefin erklärt die "Illusion, dass anderswo alles besser ist".

Die große Welle an kosovarischen Flüchtlingen, die nach Westeuropa wollen – sie ist nahezu verebbt. Verschärfte Grenzkontrollen, Informationskampagnen in den kosovarischen Medien und die ersten, wieder in ihre Heimat abgeschobenen Migranten haben den daheim Gebliebenen vor Augen geführt, dass die Chancen auf Asyl in einem EU-Staat so gut wie bei Null liegen. Bis zu 50.000 Menschen sollen das kleine Balkanland seit September verlassen haben.

Auf die ersten mehr oder weniger freiwilligen Rückkehrer werden demnächst Tausende weitere folgen, erwartet auch die Caritas im Kosovo. "Viele, die jetzt zurückgeschickt werden, besitzen weniger als vorher. Sie haben ihr Hab und Gut, ihr Vieh verkauft, weil sie den Lügen der Menschenhändler geglaubt haben", schildert Caritas-Kosovo-Chefin Violeta Ferati dem KURIER. Bisher hat die Menschenrechtsorganisation im jüngsten Staat Europas an die 100 Rückkehrer pro Jahr betreut. Ab sofort wird es um ein Vielfaches mehr an Bedürftigen werden, denen die Caritas Unterstützung bei der kompletten Reintegration bietet – vom Förderunterricht für Schulkinder bis zur Bereitstellung von Möbeln, von wirtschaftlicher Beratung für eine Unternehmensgründung bis hin zum Kauf von Medikamenten.

"Das ist eines unserer großen Probleme", sagt Ferati, "es gibt im Kosovo keine Krankenversicherung. Alles muss man selbst zahlen, vom Arztbesuch bis zur Operation. Und wenn dann einer Krebs bekommt, ist bald die ganze Familie pleite."

Traumbild korrigieren

Auch die völlig darniederliegende Gesundheitsversorgung sei ein Grund, warum so viele Kosovaren gegangen sind, glaubt die Caritas-Leiterin – gebündelt mit der "Illusion, dass anderswo alles viel besser ist". Dieses Traumbild könne man leicht zurechtrücken, vermutet die junge, in Deutschland aufgewachsene und nun wieder im Kosovo lebende Violeta Ferati, wenn man den Kosovaren Visa-Freiheit gewähre. "Dann würden sie schnell sehen, dass nicht alle mit offenen Armen auf sie warten und dass vieles anders ist, als sie es sich vorstellen."

Auch die Kosovo-Berichterstatterin und Vizepräsidentin des EU-Parlaments, Ulrike Lunacek, ist überzeugt: "Wenn es eine Visa-Liberalisierung gäbe, würden sich nicht so viele Kosovaren auf den Weg machen." Derzeit ist der Kosovo das einzige Balkanland, dessen Bewohner für Reisen in den Schengenraum ein Visum benötigen. Lunaceks gestern präsentierten Bericht hat der Auswärtige Ausschuss des EU-Parlaments mit klarer Mehrheit angenommen. Darin wird die EU-Kommission aufgefordert, stärker auf eine Umsetzung für eine Visaliberalisierung für Kosovaren hinzuarbeiten. Wobei, so Lunacek zum KURIER, auch die Regierung in Pristina erhebliche Aufgaben zu bewältigen habe. "Ich hoffe, dass diese Tausenden Kosovaren, die weggegangen sind, so etwas wie ein Weckruf für die Regierung waren."

Dem kann Ferati nur beipflichten. "Ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Kosovaren ihre Heimat verlassen will. Man hat so lange für die Unabhängigkeit des Landes gekämpft. Wenn es für die Menschen ein stabiles Einkommen gäbe, würden sie bleiben."