Politik | Ausland
06.08.2017

Löwens Zug in die Zukunft: Eine Stadt ohne Treibhausgase

Nachhaltig. Kein Smog, kein Kohlendioxid, keine Energieverschwendung – die belgische Universitätsstadt peilt an, bis 2030 klimaneutral zu sein.

Dass Mohamed Ridouani die sieben Kilometer zwischen seinem Zuhause und Büro täglich mit dem Fahrrad absolviert, ist für den Vizebürgermeister von Löwen (Leuven) mehr als nur Gewohnheit. Es ist Pflicht für einen, der allen Ehrgeiz darin setzt, die alte belgische Universitätsstadt in eine neue Ära zu begleiten: in eine Zukunft ohne Treibhausgase. "Leuven2030" – liest man auf Transparenten gleich nach der Ankunft am Bahnhof.

In 13 Jahren soll es also so weit sein: Kein Smog, keine Abgase, kein Kohlendioxid. Wie soll das gehen in einer modernen, höchste Lebensqualität bietenden europäischen Stadt mit rund 100.000 Einwohnern? Nur wenn möglichst alle mitziehen, meint der junge Vize-Chef der Stadt: Wirtschaft, Stadtverwaltung, private Haushalte, Vereine, die Alten bis hin zu den Schülern. "Aber Spaziergang ist das keiner", schildert Ridouani dem KURIER. Heftiger Widerstand schlug dem für Umweltfragen zuständigen Stadtrat entgegen, als Löwen im Vorjahr daran ging, die erste Stufe des ehrgeizigen Projektes umzusetzen – Verkehrsberuhigung.

Keine Autos in der Altstadt

Seit einem Jahr darf in die historische Altstadt nur noch auf wenigen Straßen zu beschränkten Zeiten zugefahren werden. Befürchtungen der Geschäftsleute, dass die Umsätze einbrechen würden, haben sich nicht bewahrheitet. Die Besucherfrequenz blieb hoch. Statt privater Pkw fahren jetzt vermehrt Elektrobusse und um ein Drittel mehr Radfahrer als früher. Wo früher Parkplätze waren, entstehen neue Grünflächen. Die Messdaten der Stadt wiesen diesen ersten Kraftakte mit zehn Prozent weniger Treibhausgasen aus.

"Wir haben Erfolg, aber wir reduzieren unseren Schadstoffausstoß zu langsam", gibt Katrien Rycken zu bedenken, "bis 2030 werden wir es nicht schaffen, klimaneutral zu sein. Aber um 70 Prozent weniger Treibhausgase als heute, das ist ein realistisches Ziel." Bei Rycken laufen die Fäden des Klimaprojektes in Löwen zusammen. Sie leitet die von der Stadt gegründete Nicht-Regierungsorganisation "Leuven2030" (www.leuven2030.be), wo Ideen, Projekte und Bedenken ebenso aufgenommen wie die Stadtbewohner informiert, beraten und geschult werden. Ein Schwerpunkt der Bemühungen liegt auf der Steigerung von Energie-Effizienz: "Wir schicken unsere Leute gerade in die Restaurants und zeigen den Köchen, dass man etwa mit nur 80 Prozent der Leistung des Dunstabzuges bis zu 50 Prozent Energie sparen kann."

Motiv: Geld sparen

Solche und unzählige ähnliche Tipps, neue Messgeräte und Apps, die den eigenen Energieverbrauch analysieren, sollen Geschäftsleuten und privaten Haushalten näher gebracht werden. Ein grüner (E-)Bus tourt durch die Stadt. Wer den "Energie-Coach" sieht, kann ihn anhalten, bekommt alle Informationen und Hilfestellungen, wie der Energieverbrauch gesenkt werden kann. "Viele Leute interessieren sich nicht für Klima- oder Energiefragen", weiß Rycken, "aber fast alle wollen wissen, wie man sparen kann".

Nur ein Viertel der Treibhausgase in der Stadt stammen aus dem Verkehr, noch viel weniger von der Industrie. Den weitaus größten Teil, nämlich 60 Prozent, emittieren hingegen die Gebäude. Als größter Grund- und Gebäudebesitzer der Stadt spielt die altehrwürdige Universität denn eine entscheidende Rolle bei Löwens Zug in eine klimaneutrale Zukunft. "Wir verwalten eine Million Quadratmeter bebauter Oberfläche, darunter fast alles denkmalgeschützte Gebäude und über 100 jahrhundertealte Monumente", sagt Vize-Rektorin Katlijn Malfliet. Aufgabe der Uni sei es nun, sagt die Historikerin und Slawistin, "diese Gebäude so zu renovieren, dass sie alle Normen der Nachhaltigkeit erfüllen und gleichzeitig ihr historisches Erbe bewahren". Bis 2030 sollen laut Plan alle Gebäude der Stadt in Richtung Energie-Effizienz nachgerüstet sein.

Nachhaltige Renovierung

Dafür nimmt die Stadt viel Geld in die Hand, holt Kredite bei der EU ein, fördert den Ausbau von Solarpaneelen und klimagerechte Renovierungen, auch in privaten Haushalten. Für das bereits in Bau befindliche Immobilienprojekt Sky One werden erstmals alle Materialien auf dem Wasserweg bis zur Baustelle transportiert. Daran beteiligt ist auch die belgische Tochter von Wienerberger. "Wir wollen beweisen, dass man auch in einer alten Stadt wie Löwen viel tun kann, um energieeffizienter zu sein", sagt Nadine Cielen, kaufmännische Leiterin von Wienerberger Belgien.

Für ihre Bemühungen wurde die Stadt Löwen heuer mit dem "European Green Leaf"-Preis der EU ausgezeichnet. "Unser gesamtes Denken in Richtung Nachhaltigkeit wird sich ändern. Was wir jetzt machen, ist erst der Anfang", ist Vize-Rektorin Malfliet überzeugt. "Kein Student wird die Uni künftig verlassen, ohne zu wissen, was nachhaltiges Leben bedeutet". Ein von der Uni entwickelter Fahrplan legt fest, welche Schritte Löwen wann umsetzen muss, um die angepeilte Freiheit von Treibhausgasen zu erreichen. Dafür wird die Uni demnächst alle Postsendungen per E-Bike zustellen – und somit jährlich 240.000 Autokilometer einsparen. Alle Mitarbeiter, die nicht weiter als 20 Kilometer von der Uni entfernt wohnen, sind angehalten, künftig mit E-Bikes zur Arbeit zu pendeln.

Das muss nicht jeder mögen, gibt Vizebürgermeister Ridouani zu. Und nicht jeder Bewohner Löwens teilt die Begeisterung in Richtung Klimaneutralität. "Vielen Leuten ist der Klimawandel egal", sagt er. "Aber alle Schritte, die wir jetzt setzten, sollten irreversibel sein. Und dann ist hoffentlich eines Tages alles, was wir jetzt noch als Veränderung und Anstrengung empfinden, das neue Normale."