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Lindsey Graham: Erst verdammte er Trump, dann diente er ihm

Vom Militärjuristen zum Präsidenten-Vertrauten: Die Karriere des 71-Jährigen war geprägt von Mut, Ehrgeiz und politischer Selbstverleugnung.
Dirk Hautkapp aus Washington
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Lindsey Graham war kein Mann der geraden Linie. Er war ein Politiker der regelmäßigen Kehrtwenden und die vielleicht anschaulichste Figur dafür, was Donald Trump aus der Republikanischen Partei gemacht hat.

Der Senator aus South Carolina, der fast ein halbes Jahrhundert eine der prägendsten Figuren im politischen Betrieb Washingtons war, starb am Wochenende überraschend mit 71 Jahren nach einer „kurzen und plötzlichen Erkrankung“, wie es offiziell heißt.

Grahams Eltern führten in Central, South Carolina, das „Sanitary Cafe“: eine Gaststätte samt Bierbar samt Billardsalon samt Schnapsverkauf. Als er Anfang zwanzig war, starben beide binnen 15 Monaten. Graham wurde Vormund seiner 13-jährigen Schwester Darline und als Erster der Familie Hochschulabsolvent. Später diente er als Militärjurist der Air Force, zeitweise auch auf der Rhein-Main Air Base bei Frankfurt. 1994 zog er ins Repräsentantenhaus ein, 2002 in den Senat. Graham blieb unverheiratet und kinderlos, sein Privatleben schirmte er ab. Politisch war er nie leise. Er verteidigte den Irakkrieg, verlangte maximale Härte gegen Iran und Russland und hielt der Ukraine die Treue. Noch am Tag vor seinem Tod war er in Kiew.

Vom scharfen Kritiker zum Trump-Verteidiger

Als Trump 2015 die Republikanische Partei übernahm, gehörte Graham zu dessen schärfsten Kritikern. Er nannte ihn einen „rassistischen Hetzer, Fremdenfeind und religiösen Fanatiker“ und warnte seine Partei: „Wenn wir Donald Trump nominieren, werden wir zerstört – und wir werden es verdient haben.“

Noch am 10. Juli traf Graham Wolodimir Selenskij in Kiew.

Noch am 10. Juli traf Graham Wolodimir Selenskij in Kiew.

Wenige Jahre später saß derselbe Graham fast täglich im Oval Office, verteidigte Trump im Senat, koordinierte Mehrheiten für dessen Richterkandidaten und erklärte Journalisten regelmäßig, was der Präsident „eigentlich gemeint“ habe. Seine wieselige Beflissenheit machte ihn für viele zum Inbegriff des politischen Opportunisten, der Überzeugungen gegen Einfluss eintauschte. Für Verbündete war er der letzte Republikaner, der Trump zugleich verstand und einzuhegen versuchte. Tatsächlich war Graham oft mehr Dolmetscher als Gefolgsmann.

Kein Senator war so beharrlich in Trumps Nähe: am Telefon, auf dem Golfplatz, in Mar-a-Lago, in der Air Force One. Minister kamen und gingen, Graham blieb. Er erklärte Trumps Ausfälle, übersetzte dessen Instinkte in Gesetzgebung und lieferte Mehrheiten für konservative Richter. Nach dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 sagte Graham: „Ich bin raus. Genug ist genug.“ Wenige Wochen später stimmte er für Trumps Freispruch im Amtsenthebungsverfahren; danach stellte er sich gegen eine unabhängige Untersuchung des Angriffs. Empörung, Rückzug, Rückkehr: ein Muster in Grahams politischer Biografie.

Graham glaubte, Trump beeinflussen zu können, besonders außenpolitisch, und er genoss den Zugang. Er wollte Trump lenken. Am Ende zeigte sich, wie gründlich Trump ihn gelenkt hatte.

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