Flucht vor dem Krieg: Österreicherin hilft Kindern im Libanon

Israels Angriffe und die Flucht von Hunderttausenden haben eine neue Flüchtlingskrise im Libanon ausgelöst. Eine Helferin des Österreichischen Roten Kreuzes erzählt über ihre Begegnungen mit den Heimatlosen.
Flüchtlingsunterkunft in einem Fußballstadion in Beirut: Das Rote Kreuz hilft

In Friedenszeiten laufen die Kinder hier in Fußballdressen über den Rasen. Jetzt kauern sie in Gruppen unter den Tribünen, versuchen, sich mit Plastikplanen vor dem Frühlingsregen zu schützen. Das Jugend-Fußballstadion unweit des Flugplatzes von Beirut ist zu einem der größten Flüchtlingslager der libanesischen Hauptstadt umfunktioniert worden.

In einem ersten Schub hat man rund 1.000 Flüchtlinge hier untergebracht, in Zelten unter den Zuschauerrängen. Tausende weitere werden in den kommenden Tagen folgen. „Wir kümmern uns vor allem um die Sanitäranlagen“, erzählt Magdalena Penninger vom Österreichischen Roten Kreuz. Die Menschen sollen endlich Gelegenheit bekommen, sich wieder regelmäßig zu waschen. Es gibt Mahlzeiten, ärztliche und psychologische Betreuung.

Hilft im Libanon fürs Rote Kreuz: Magdalena Penninger

Auch viele meiner Kollegen erzählen, dass ihre Häuser im Dorf zerstört, ihre Familien auf der Flucht sind

von Magdalena Penninger

Österreichisches Rotes Kreuz

Denn viele, die es hierher ins Stadion und in die Betreuung des Roten Kreuzes geschafft haben, haben zuvor Tage und Wochen auf der Straße verbracht, in improvisierten Zeltstädten, die sich auf vielen freien Flächen in Beirut ausgebreitet haben.

Eine Million Menschen haben ihre Häuser verlassen

Als Israel vor rund vier Wochen mit verstärkten Angriffen auf den Süden des Libanons und auf die Terrormilizen der Hisbollah begann, hat sich eine riesige Flüchtlingswelle in Bewegung gesetzt. Rund eine Million Menschen mussten ihre Dörfer, aber auch die südlichen Vorstädte von Beirut verlassen, strandeten irgendwo in dem ohnehin von Jahren des Krieges und des politischen Chaos gezeichneten Land. „Viele dieser Flüchtlinge haben nicht zum ersten Mal in diesen Jahren alles zurücklassen müssen“, erzählt die Österreicherin von ihren Begegnungen bei Hilfseinsätzen: „Sie sind nicht nur verzweifelt, sie sind auch müde von so vielen Jahren Krieg.“

Flüchtlingskolonnen auf den Straßen nach Beirut

Gerade im Süden des Landes hat die israelische Luftwaffe viele Dörfer in Trümmer gelegt. Einige von Penningers Kollegen vom Libanesischen Roten Kreuz haben selbst Hab und Gut verloren, ihre Familien sind auf der Flucht. Tagelang hätten sich die Autos der Flüchtlingskolonnen auf den Straßen nach Beirut gestaut, erzählt die Österreicherin, viele Menschen seien bei Verwandten untergekommen, viele seien auf der Straße gestrandet. Dort versucht das Rote Kreuz, sie zumindest mit dem Nötigsten zu versorgen.

Hilfe im Süden ist lebensgefährlich geworden

In den Dörfern des Südens Hilfe zu leisten, ist dagegen lebensgefährlich geworden. Ein Rot-Kreuz-Kollege sei erst vor wenigen Tagen Opfer eines israelischen Angriffs geworden.

Notunterkunft statt Schule

Dieser Krieg, der seit 2024 – damals begann Israel mit seiner Offensive im Südlibanon – kein Ende zu nehmen scheint, trifft vor allem die Kinder. Penninger: „Das sind viele darunter, die in den vergangenen Jahren nie irgendeine Art von Alltag erlebt haben.“ Die meisten Schulen sind zu Flüchtlingsunterkünften geworden. Auch Kinder, die noch ein Zuhause haben, haben keinen Schulunterricht mehr.

Israelische Kampfjets durchbrechen im Tiefflug die Schallmauer

Auch in Beirut gehört der Krieg zum Alltag. Israels Kampfjets donnern täglich über die Hauptstadt, durchbrechen mit ohrenbetäubendem Knall die Schallmauer, das Surren der Drohnen erfüllt ständig die Luft.

"Täglich neue Herausforderungen"

Israels jüngste Drohung, einen 60 Kilometer breiten Streifen im Süden des Libanon zur Pufferzone zu erklären und dort die gesamte Bevölkerung zu vertreiben, schürt Ängste vor der nächsten Flüchtlingswelle. Noch lasse sich die Versorgung der Heimatlosen logistisch einigermaßen bewältigen, schildert die Österreicherin die täglichen Herausforderungen, „aber die Preise steigen dramatisch.“ Wie lange die Lieferketten noch funktionieren, ließe sich nicht abschätzen: „Hilfe hier zu leisten, stellt einen täglich vor neue Herausforderungen.“

Es sei schwer, den Menschen irgendeine Perspektive zu bieten. Viele von ihnen lebten schon seit Jahren zwischen Zerstörung und Flucht: „Es ist wirklich frustrierend, dass sie dieses Schicksal immer und immer wieder erleben müssen. Wenn sie kommen und im Zeltlager erst einmal von ihrer Flucht erzählen, meinen sie am Ende oft: ,Hoffentlich ist es das letzte Mal.’“

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