Politik | Ausland
10.06.2018

Irgendwo drin – Österreicherin

Nach Israel ausgewandert: Warum drei junge Jüdinnen Wien doch hinter sich ließen

Zwei sind in Wien geboren, eine kam mit acht Jahren an die Donau – und alle Drei zogen sie weiter. Nach Israel. Sie sind Jüdinnen, doch nicht der wachsende Antisemitismus in Europa trieb sie fort. Den haben sie auch kennengelernt. Vor ihm geflüchtet sind sie nicht. Da war – neben vielen anderen – schon eher das Wetter ein Motiv: Nicht der Regen in Österreich, sondern die Sonne in Israel.

Debbie Hartman, Anfang 30, wurde in Wien geboren – gegen den Strom der Geschichte. Ihr Großvater mütterlicherseits floh vor Hitler nach Palästina, kehrte aber in den 1950-er Jahren zurück in sein Wien. „Irgendwie wusste ich immer, dass ich auch in Strandnähe zum Mittelmeer hätte geboren werden können.“ Nach dem Studium arbeitete sie am Jüdischen Museum in Wien. „Dort war mein Jude sein ständig Thema.“ Immer sprachen Besucher sie darauf an. „Das wirkt sich auf die Selbstwahrnehmung aus. Am Ende bist du nur noch Jude.“

Der Umzug nach Israel brachte beruflich keine große Veränderung. Sie arbeitet heute an der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Wo an einer Internationalen Schule Pädagogen aus aller Welt lernen, den Holocaust zu lehren. In Israel darf sie nicht Jude sein. Sie ist es einfach. „Was aber niemanden interessiert.“

Österreicherin bleibt sie auch. – „Irgendwo drinnen“. Bei Worten wie Heimat und Zuhause kann und will sie nicht trennen. „Ich bin in Wien und Jerusalem zu Hause.“ Für die politisch bewusste Pädagogin wird in Österreich zurzeit „Erinnerungskultur überstrapaziert“. Die FPÖ-Versuche der Selbstreinwaschung versteht sie als Mittel zum Zweck. „Doch glaube ich als Pädagogin auch an eine zweite Chance für Strache.“ Die der aber nicht nutzt. Wichtigstes Indiz: „Wenn Strache es wirklich ernst meinte, würde er sich unmissverständlich von den Burschenschaften abgrenzen.“

Weanerisch und Hebräisch

Nur in Yad Vashem das Burschenschafter-Käppi mit Hut vertauschen genügt nicht. Aufsetzen schon gar nicht. Taly V. wurde auch vor über drei Jahrzehnten in Wien geboren. Auch ihr Großvater kehrte nach dem Holocaust nach Wien zurück, als über den in Wien noch keiner redete. Die Familie ihres Vaters aber kam aus Nordafrika nach Israel. Auch Abba musste noch Deutsch lernen. Was ihr ein Heranwachsen auf Weanerisch und Hebräisch ermöglichte. In Wien. „Wer mit zwei Kulturen aufwächst, lernt die Vorteile beider zu nutzen.“ Ihre Entscheidung nach Israel zu ziehen, reifte über Jahre. Die Idee begleitete sie von klein auf, aber zum Plan wurde sie dann kurz nach dem Studium.

Auch sie wanderte nicht aus Wien aus, sondern nach Israel ein. Das war keine Absage an das gutbürgerliche Wien, sondern die Suche nach Distanz. „Israels Gesellschaft ist dynamischer, spannender. Nicht etwa leichter, sondern sogar rauher. Eine Herausforderung, die anzieht.“ Vor allem, wenn Tel Aviv zum neuen Heim wird. Wer wie Taly in der IT-Branche arbeitet, kann einfach nur in die Seifenblase für Digital-Denker am Meer.

Auch sie spricht vom Normalsein in Israel, was ihr als Jüdin in Wien nie selbstverständlich war. „Ich hab hier ja Familie und Israel war zwar anders, aber nicht fremd. Aber auch Juden, die allein nach Israel kommen, haben hier das Gefühl zu einer Familie zu gehören.“ Vom Wetter ganz zu schweigen. „Was brauch ich Urlaub, wenn ich jeden Morgen am Strand joggen und die Happy Hour mit Blick auf Sonnenuntergang genießen kann.“ Wobei eine urbane Legende behauptet, „echte“ Tel Aviver gingen nicht an den Strand.

Die Legende aber sagt auch, dass Einwanderer zu Eingesessenen werden, wenn sie Heimweh zu ihrem Herkunftsland spüren. Taly gibt offen zu: „Was sehne ich mich manchmal nach diesem knöchernen Typ in der Wiener Amtsstube. Der aber genau weiß, welches Formular nötig ist. Hier sitzen 5 nette Beamte und jeder sagt was anderes.“

Auf den Besuch von Kanzler Kurz ist sie gespannt. Die FPÖ- Versuche einer Annäherung an Israel sieht sie skeptisch. „Die glauben an einen gemeinsamen Feind: Den Islam. Als hätten die Israelis nicht schon genug Feinde...“

Von der Donau zum Jordan

Tamar Morali ist gerade erst in die Zwanziger gekommen. Geboren als Piefke in Karlsruhe, aber seit ihrem achten Lebensjahr in Wien sozialisiert. Ursprünglich ist ihre Familie sogar aus Georgien, lebte auch kurz in Israel, kam dann erst an den Rhein und später an die Donau. In Wien gab es koschere Geschäfte, jüdische Schule. In Wien gibt es alles. Weshalb Tamar Morali sich bis Heute als Jüdin und Wienerin versteht – mit einem Migrationshintergrund vom Kaukasus bis zu den Alpen, von der Donau bis zum Jordan.

Tamar studiert Kommunikation. „ In meinem Fachbereich sitzen Studenten aus 86 Ländern.“ Tamar kennt sich aus. Als Karlsruherin schaffte sie es bis zur Finalistin der Miss Germany-Wahl – als Publikumsliebling mit Sonderbeifall. Auch in Wien sorgte sie auf dem Laufsteg für Aufsehen In Tel Aviv ist sie vorerst nicht so bekannt, „was sich aber gerade ändert.“

Antisemitismus? Sie hält ihn aus ihrem Blickwinkel für völlig überschätzt. Sicher kein Grund auszuwandern. „Juden leben in Europa immer noch normal.“ Antisemitismus kann bekämpft werden. Und wird auch bekämpft. „So ist das Leben. Da sind ständig Kämpfe. Immer und überall. In Israel etwa nicht?“ Manche Juden ziehen weg aus Europa. Stimmt. „Manche Juden ziehen aber auch nach Europa. Was ist mit all den jungen Israelis in Berlin und Wien? Zählen die nicht?“