Politik | Ausland
03.08.2017

Krisen führen zu neuem Wir-Gefühl in Europa

Noch nie gab es europaweit höhere Zustimmung zur EU, belegt die jüngste Eurobarometer-Studie.

Umso turbulenter die Wirrnisse "draußen", desto sicherer fühlt man sich in der eigenen Umgebung: Dieses Motto scheint auch im großen, europaweiten Kontext zu gelten, dies legen die gestern präsentierten Ergebnisse der jüngsten Eurobarometer-Studie nahe. Demnach ist die Verbundenheit der Europäer mit der EU so hoch wie nie zuvor. 68 Prozent der 512 Millionen Einwohner der 28 EU-Staaten identifizieren sich mit der EU und fühlen sich als Bürger der Union.

Ein "Ich-bin-ein-Europäer"-Rekordwert, den die Bevölkerung Luxemburgs mit einer Zustimmungsrate von 89 Prozent anführt. In Österreich erleben sich 73 Prozent als EU-Bürger. Selbst in Ungarn, dessen eurokritischer Premier Viktor Orban keine Gelegenheit auslässt, über die EU herzuziehen, schätzt man die EU: 70 Prozent fühlen sich als EU-Bürger. Und sogar im EU-austrittsbereiten Großbritannien bezeichnen sich laut Eurobarometer noch 54 Prozent als Bürger der Union.

Nur in einem EU-Staat ist die Stimmungslage in der Mehrheit der Bevölkerung anders: 52 Prozent Griechen erleben sich nicht als EU-Bürger – eine Folge der Wirtschaftskrise und der harten, von der EU diktierten Sparmaßnahmen.

Äußere Bedrohung

Generell aber sind die Krisenjahre nach 2008 überstanden. Der Euro ist gerettet, in der gesamten EU wächst die Wirtschaft wieder – im zweiten Quartal 2017 immerhin um 2,2 Prozent. Der Grund für die wachsende Zustimmung zur EU (siehe Grafik) sei aber dennoch nicht bei den positiven Wirtschaftsdaten zu suchen, meint Paul Schmidt, Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik. Vielmehr gehe dies, so Schmidt gegenüber dem KURIER, "auf den internationalen Kontext zurück: Je unsicherer die internationale Entwicklung – Stichwort Kriege im Nahen Osten, Trump, Brexit –, desto stärker wird der innere Zusammenhalt." Der Imagegewinn der EU gehe also weniger auf die eigenen Leistungen der EU zurück, sagt Schmidt, sondern auf die äußeren Umstände.

Dazu zählt er auch den Brexit. Dieser sorgte zunächst für ein Stimmungstief in der EU – nie zuvor hatte ein EU-Staat die Union freiwillig verlassen wollen. Doch dem Knick im Selbstvertrauen der EU folgte der Beschluss, als EU-27 den Austritt der Briten geschlossen zu meistern. "Dieses gemeinsame Vorgehen gegenüber London hat Vertrauen geschaffen", sagt Schmidt, "und je mehr man ahnt, auf welches Chaos die Briten nach dem Brexit zusteuern, umso mehr bestärkt es das Gefühl, in einer EU sicher zu sein."

Migrationskrise

Als größtes Problem innerhalb der EU ermittelte Eurobarometer den Terror: 44 Prozent der EU-Bürger sehen darin die größte Herausforderung. Nicht so in Österreich, schildert der Pressesprecher der EU-Kommission in Österreich, Heinz-Rudolf Miko. "Hier wird die Migrationskrise als das größte Problem innerhalb der EU wahrgenommen." 34 Prozent der Österreicher sehen dies so, in Deutschland liegt die Quote bei 40 Prozent, bei den Ungarn sind es 60 Prozent. Die wirtschaftliche Lage in der EU sehen nur 18 Prozent der EU-Bürger als ihre dinglichstes Anliegen.