Politik | Ausland
03.09.2018

Krieg in Syrien: Die Mutter aller Schlachten

Vor Sturm auf die letzte Rebellenhochburg in Idlib / Sorge um neue Flüchtlingswelle

Sie springen durch Feuerreifen, robben mit nacktem Oberkörper und Stirnband durch den Sand und bauen ihre Stellungen aus – die syrischen Rebellen bereiten sich in ihrer letzten großen verbliebenen Hochburg auf die Mutter aller Schlachten vor. Denn der Sturm auf Idlib dürfte unmittelbar bevorstehen.

Aufmarschgebiet

Syriens Machthaber Bashar al-Assad hat seine Truppen in der Region massiv aufgestockt, auch mit ihm verbündete und vom Iran unterstützte Milizen sind aufmarschiert. Dazu hält Russland, das aufseiten des Damaszener Regimes eingreift, noch bis Samstag im Mittelmeer ein Militärmanöver vor der Küste des Bürgerkriegslandes ab – mit Kriegsschiffen, von denen Raketen abgeschossen werden können, zwei U-Booten und fast 30 Flugzeugen. Angeführt wird der „größte Flottenverband seit dem Eingreifen Russlands in den Syrienkrieg“, so die Zeitung Iswestija, vom Raketenkreuzer „Marschall Ustinow“. Auf der anderen Seite hat auch die Türkei, die Assads Sturz betreibt und in Idlib einzelne Milizen unterstützt, ihre Kräfte in der Region deutlich verstärkt.

Mikrokosmos des Krieges

Die kleine Provinz ist gewissermaßen der Mikrokosmos des syrischen Krieges, in dem sich alle Beteiligten auf engstem Raum gegenüberstehen. Genau das macht die Lage überaus kompliziert und gefährlich. Und auch die Tatsache, dass sich in Idlib alle Aufständischen zurückgezogen haben, nachdem sie etwa aus Aleppo oder Goutha vertrieben worden waren. An die 10.000 islamistische Kämpfer, die sich zum Teil gegenseitig aufreiben, sollen sich jetzt in Idlib aufhalten – zu allem entschlossen. In der Vorwoche hatten sie zwei strategisch wichtige Brücken gesprengt, um einen Vorstoß von Assads Truppen und seiner Verbündeten zu erschweren.

"Humanitäre Katastrophe"

Vor allem Ankara will eine Eroberung der Provinz durch syrische Einheiten mit allen Mitteln unterbinden. Denn das würde nicht nur den Einfluss Assads erweitern, es könnte auch eine neue, riesige Flüchtlingswelle Richtung Türkei (und eventuell dann weiter Richtung Europa) auslösen.

Insgesamt 2,9 Millionen Menschen befinden sich in Idlib, die Hälfte davon sind

Familien, die bereits einmal vertrieben wurden. UN-Generalsekretär Antonio Guterres warnte vor einem „wachsenden Risiko einer humanitären Katastrophe“. Sein Sondergesandter für Syrien, Staffan de Mistura, forderte schon prophylaktisch die Errichtung humanitärer Korridore, über die sich die Zivilisten in Sicherheit bringen können.

Ein kleine Chance, die Schlacht um Idlib abzuwenden, die wohl von allen Seiten erbittert geführt werden würde mit der potenziellen Gefahr einer direkten Konfrontation zwischen Russland und der Türkei, gibt es noch: Am kommenden Freitag findet in Teheran ein Syrien-Gipfel auf höchster Ebene statt – die Präsidenten der Türkei (Erdoğan), Russlands (Putin) und des Iran (Rohani) kommen zusammen. Bereits im Vorfeld gab und gibt es intensive Kontakte zwischen Ankara und Moskau.

„Eiterndes Geschwür“

Letztlich hat es der Kremlchef in der Hand, denn ohne seine Unterstützung für Assads Streitmacht ist ein erfolgreicher Feldzug gegen die Dschihadisten-Bastion unmöglich. Der russische Außenminister sagte allerdings kürzlich: Idlib sei ein „eiterndes Geschwür“, das „liquidiert“ werden müsse.