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Politik Ausland
01/05/2019

Kreuz, Bund, Riss - die Spaltung der Orthodoxie

Es tobt ein Machtkampf inerhalb der Orthodoxie. Anlass: die mit heutigem Tag vollzogene Anerkennung des Kiewer Patriarchats.

von Stefan Schocher

Es waren KirchenmĂ€nner, die den Demonstranten am Maidan in Kiew wĂ€hrend der Revolution vor fĂŒnf Jahren den Segen gaben. Es waren Kirchen und Klöster, die spĂ€ter im Laufe der Revolution zu Lazaretten wurden, als die Proteste eskalierten. Und zuletzt waren es KirchenmĂ€nner, die auf dem Maidan aufgereihte Leichen von RevolutionĂ€ren segneten, nachdem ScharfschĂŒtzen in die Menge gefeuert hatten.

Zugleich waren es aber auch ukrainische KirchenmĂ€nner, die zum landesweiten Synchron-Stoßgebet gegen die pro-europĂ€ische Revolte riefen. Und es waren KirchenmĂ€nner, die ihre GotteshĂ€user zu Bollwerken der „Russkij Mir“, der Russischen Welt machten.

Da die Ukrainisch Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats, da die Ukrainisch Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats. Was sie eint: bittere RivalitÀt.

Es ist ein Machtkampf, der mit heutigem Tag zumindest formell beendet wird. Das Kiewer Patriarchat wird heute die EigenstĂ€ndigkeit erhalten. So quasi als Geschenk zum Orthodoxen Weihnachtsfest am morgigen Sonntag. Der ukrainische PrĂ€sident Petro Poroschenko ist dazu eigens mit dem Mitte Dezember gewĂ€hlten neuen Kirchenoberhaupt des Kiewer Patriarchats, Metropolit Epifanij, nach Istanbul gereist, um dort offiziell vom Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel (so etwas wie der Dachverband der Orthodoxen Kirchen) die Autokephalie genannte EigenstĂ€ndigkeit verliehen zu bekommen. Am Samstag werden die Dokumente unterzeichnet. Am Sonntag werden sie im Rahmen der Weihnachtsfeierlichkeiten offiziell ĂŒberreicht.

Bisher hatte das Kiewer Patriarchat quasi als orthodoxe Freikirche ohne internationale Anbindung existiert. Ihre Anerkennung durch Konstantinopel ist dabei der letzte Formalakt in einem turbulenten Prozess mit diplomatischer Strahlkraft.

Polit-Streit

Denn es ist ebenso wenig ein Zufall, dass Petro Poroschenko mit dem neuen Kirchenoberhaupt nach Istanbul reist, wie die russische Kakophonie gegen den Akt. Poroschenko muss im kommenden MÀrz Wahlen schlagen. Der seit der UnabhÀngigkeit der Ukraine 1991 angestrebte Sieg auf Kirchenebene kommt mehr als gelegen.

Kirchliche und weltliche AutoritĂ€ten in Moskau hingegen schĂ€umen. Denn mit dem Schritt der Anerkennung hat das Moskauer Patriarchat innerhalb des Regelwerks des Ökumenischen Patriarchats keinerlei Recht mehr, in der Ukraine aktiv zu sein. Das Moskauer Patriarchat aber kann durchaus als kulturelle Vorfeldorganisation des politischen Moskau und mitunter auch außenpolitisches Werkzeug des Kreml gesehen werden – was in der Ukraine wiederholte Male auch schon vor der Revolution 2013/2014 zu ZerwĂŒrfnissen gefĂŒhrt hat.

Hinzu kommen zwei kirchenhistorische GrĂŒnde, die jetzt aber von beiden Seiten breit ausgespielt werden: In der Ukraine liegen einige der grĂ¶ĂŸten HeiligtĂŒmer des Moskauer Patriarchats; und von Kiew aus wurde das Reich der „Kiewer Rus“ (das erste slawische Großreich, auf das sich die Ukraine wie auch Russland beziehen) christianisiert.

Moskau wirft Kiew jetzt vor, mit kirchlichen Fragen Politik zu machen – politisiert die Frage aber zugleich selbst. Der Politikwissenschafter Tornike Metreveli von der UniversitĂ€t St. Gallen fĂŒhrt gar die Eskalation zwischen der Ukraine und Russland vor der Straße von Kertsch am 25. November 2018 auf den Kirchenstreit zurĂŒck.

Am Vortag des Zusammenstoßes zwischen russischer KĂŒstenwache und einem ukrainischen Flottenverband hatte das ukrainische Justizministerium dem Kloster Pochayiv Lavra in der Stadt Potschajiw die Registrierung entzogen. Nebst anderen möglichen AnlĂ€ssen sei der Zwischenfall viel eher als „Botschaft an die Ukraine“ zu verstehen gewesen, „zwei Mal zu ĂŒberlegen, ob man die russische Kirche in der Ukraine anfassen soll“. Dabei habe der Kreml klar gemacht, dass man das Moskauer Patriarchat „uneingeschrĂ€nkt unterstĂŒtzen“ werde.

Bruch der Orthodoxie

Auf Kirchenebene hatte der Streit den Bruch des Moskauer Patriarchats mit Konstantinopel zur Folge. Damit hat die Moskau-treue Kirche in der Ukraine nun formell jenen Stand, den das Kiewer Patriarchat zuvor hatte: Den einer Freikirche. Allerdings unter ganz anderen Vorzeichen: Denn mit der RĂŒckendeckung des Kreml treibt das Moskauer Patriarchat nun die Spaltung der Orthodoxie voran. Die Serbisch Orthodoxe Kirche hat bereits ihre LoyalitĂ€t zu Moskau erklĂ€rt, formal aber noch nicht mit Konstantinopel gebrochen. Ansatzpunkte hĂ€tte Moskau etwa auch in Armenien oder Syrien. Und nebst russischen KirchenmĂ€nnern wurden auch russische Politiker nicht mĂŒde, dem Ökumenischen Patriarchat mehr oder weniger offen mit einer Kirchenspaltung und einem offenen Machtkampf innerhalb wie außerhalb der KirchenrĂ€nge zu drohen.

Ein Machtkampf ist es auch in der Ukraine. Dabei haben die ukrainischen Behörden bereits klar gemacht, dass man die russische Orthodoxie außer Landes sehen möchte. Klöster, Wohnungen von Priestern und Popen sowie Kirchen des Moskauer Patriarchats wurden von Sicherheitsdiensten durchsucht. Die Ergebnisse solcher Untersuchungen wurden breitenwirksam den Medien prĂ€sentiert: Goldbarren, LuxusgĂŒter aller Art, Sex-Spielzeuge. Und in EinzelfĂ€llen wurde religiösen StĂ€tten auch die Registrierung entzogen.

Rein administrativ ist das einfach. Denn Formell gehören die Liegenschaften des Moskauer Patriarchats in der Ukraine dem ukrainischen Staat, der sie verpachtet. Politisch birgt das Vorgehen aber Risiken. Denn auf eines kann das Moskauer Patriarchat zĂ€hlen: Auf eine im Vergleich zum Kiewer Patriarchat zwar zahlenmĂ€ĂŸig unterlegene, aber höchst, bis in den Fanatismus motivierte AnhĂ€ngerschaft.

Hintergrund: Die Spaltung

Das Kiewer Patriarchat Seit der Christianisierung der Kiewer Rus (erstes slawisches Großreich auf das sich heute Russland wie die Ukraine berufen) 988 existierte das Patriarchat als „Metropolit Kiews und der gesamten Rus“ bis 1686. Danach war Kiew Moskau untergeordnet. 1992 grĂŒndete sich das Patriarchat als Kiewer Patriarchat ohne Anspruch Regionen außerhalb der Ukraine neu.

Das Moskauer Patriarchat Es versteht sich heute als Patriarchat Moskaus und der gesamten Rus - was im heutigen Sprachgebrauch inetwa der "russischen Welt" entspricht. Das Patriarchat existierte seit 1589, beanspruchte mit dem Aufstieg Moskaus aber bald das Erbe des Kiewer Patriarchats (Christianisierung der Rus). 1721 wurde das Patriarchat  aufgelöst, das Zarenhaus wollte den Klerus besser kontrollieren und enger an sich binden. 1917 wurde das Patriarchat neu gegrĂŒndet.

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