„Rehana“ wurde zur Ikone des Kurden-Kampfes hochstilisiert

© /Foto: Twitter / PawanDuran

Syrien
11/04/2014

Kobane: Gefeierte Heldin war nur Hilfskraft

Neue Recherchen werfen neues Licht auf den gefallenen "Engel von Kobane".

von Walter Friedl

Blond-brünettes Haar, lachende Augen, Zeige- und Mittelfinger zum Victory-Zeichen gespreizt – mit der kurdischen Kämpferin, die unter dem Namen Rehana bekannt geworden war, bekam der Widerstand in der nordsyrischen Stadt Kobane ein Gesicht. Mehr noch: Der "Engel von Kobane", wie die Frau bald genannt wurde, wurde zum Symbol des Freiheitsdranges der Kurden. 100 Extremisten des "Islamischen Staates" (IS) soll sie eigenhändig getötet haben, ehe sie in die Hände des Feindes gefallen und enthauptet worden sei. So die Story, wie sie in Medien weltweit verbreitet worden war. Doch BBC-Recherchen ergaben nun: Hier wurde weit über das Ziel geschossen, der "Engel von Kobane" ist ein Mythos.

Nicht an der Front

Der schwedische Journalist Carl Drott hatte die Frau bereits am 22. August in Kobane getroffen. Dort nahm sie an einer Zeremonie mit Freiwilligen teil. Die Aufgaben dieser damals neu gebildeten Einheit "Home Guards", die nicht zu den Kampfverbänden der Kurdenmiliz zählt: Unterstützung der Fronttruppen, etwa bei Straßensperren im Hinterland. Tags darauf erschien das siegesgewisse Lächeln der Kurdin erstmals auf der Seite bijikurdistan.tumblr.com, die für die Kobane-Verteidiger Stimmung macht.

So richtig los brach der Hype um die Frau aber erst, als ein Twitter-User aus Saudi-Arabien mit 200.000 Followern am 5. Oktober ein Foto ins Netz stellte, das zeigen sollte, dass IS-Dschihadisten eine kurdische Kämpferin enthauptet hätten. Schnell wurde eine Verbindung zu der jungen Uniformierten hergestellt. Als ihr dann der indische Blogger Pawan Durani den Namen Rehana gab und behauptete, sie habe 100 selbst ernannte Gotteskrieger getötet, war eine neue Heroin geboren – die jetzt entzaubert wurde.

"Nur im schlimmsten Fall werden diese wenig ausgebildeten Freiwilligen an die vorderste Front geschickt", schreibt Carl Drott, "ich bezweifle, dass selbst die fähigsten Scharfschützen in Kobane seit Beginn des Krieges hundert Feinde getötet haben." Und weiter: "Unglücklicherweise gibt es keine Ikone."

IS foltert Jugendliche

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erhebt schwere Vorwürfe gegen die IS-Extremisten. Diese hätten Jugendliche entführt und gefoltert. Etwa 250 junge Kurden seien Ende Mai auf dem Heimweg von der Schule verschleppt und dann wiederholt mit Kabeln geschlagen worden. Zudem hätten sie sich Videos von Köpfungen ansehen müssen. Das gehe aus Zeugenbefragungen hervor. Die Entführten seien dann in Etappen bis Ende Oktober freigelassen worden. Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte befinden sich aber immer noch mindestens 70 andere Geiseln in der Hand der Terroristen.

In Australien ist indes ein Muslim vor einem schiitischen Zentrum vor den Augen seiner Frau und den vier Kindern angeschossen und schwer verletzt worden. Premier Tony Abbott macht Sympathisanten des sunnitischen IS für die Bluttat verantwortlich. Die "apokalyptische und extremistische Ideologie", so der konservative Regierungschef, habe sich auch in Down Under breitgemacht.

Deutscher Islamist in Enthauptungsvideo zu sehen

Der frühere Berliner Rapper und Radikalislamist Denis Cuspert ist in einem mutmaßlichen Enthauptungsvideo der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zu sehen. Ein am Dienstagabend im Internet aufgetauchtes Video zeigt Cuspert gemeinsam mit anderen IS-Kämpfern, die mehrere Männer umbringen. Es ist nicht zu erkennen, ob Cuspert selbst Opfer tötete. Er hält aber einen abgeschnittenen Kopf in der Hand.

Die Echtheit des Films konnte zunächst nicht bestätigt werden. In dem Video ist zu sehen, wie mindestens ein Mann erschossen und einem weiteren der Kopf abgeschnitten wird. Insgesamt sind drei Tote erkennbar. Cuspert sagt in deutscher Sprache, es habe sich um Gegner des IS gehandelt. "Deshalb haben sie die Todesstrafe bekommen". Ein weiterer Mann sagt auf Arabisch, es handle sich um Mitglieder des syrischen Al-Shaitat-Stammes.

Verbindung nach Österreich

Der 39-jährige Cuspert ist mit seiner Mutter und seinem Stiefvater, einem US-Soldaten, als Sohn eines Ghanaers in Berlins sozialen Brennpunkten aufgewachsen. Als Jugendlicher saß er mehrere Haftstrafen ab. 2002 begann Cuspert als "Deso Dogg" zu rappen. Wenige Jahre später konvertierte er zum Islam. 2010 beendete er seine Musikkarriere, um als Prediger durchs Land zu touren. In Kampfliedern sang er u.a. "Scheich Osama, der schönste Märtyrer dieser Zeit". Mit dem österreichischen Dschihadisten Mohamed M. gründete Cuspert 2011 die später verbotene Gruppierung "Millatu Ibrahim". Er hatte auch Kontakt zum deutschen Hassprediger Pierre Vogel, der immer wieder die Nähe zu Rappern sucht.

Nach einem Haftbefehl verließ Cuspert 2012 seine schwangere Freundin und reiste nach Syrien, wo er sich schließlich dem IS anschloss. Mittlerweile gilt Abu Talha al-Almani, so sein Kampfname, als treibende Kraft des "Al Hayat Media Centers", verantwortlich für die Propaganda des IS.

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