© Joseph Johnson/Getty Images

Porträt
10/15/2021

Zauber verflogen: Neuseeland entlässt den letzten staatlichen Magier

Der 88-jährige Ian Brackenbury Channell gilt als Kultfigur, für seine Dienste erhielt er rund 14.000 Euro pro Jahr. Nun muss er gehen - auch wegen seines problematischen Frauenbildes.

von Johannes Arends

Es gibt Berufe, die erkennt man sofort an der Uniform. Polizisten gehören etwa dazu, oder Feuerwehrleute. Doch auch wenn er der letzte seiner Art sein soll: Wenn sich Ian Brackenbury Channell seine dunkle Robe überstreift und den spitzen Hut aufsetzt, dann weiß jedes Kind, welcher Tätigkeit der inzwischen 88-Jährige nachgeht - er ist der letzte staatlich beauftragte Magier der Welt.

Der gebürtige Brite mit dem langen grauen Bart ist schon seit Jahrzehnten eine Kultfigur in Neuseeland. 1990 wurde er schließlich vom damaligen Premierminister Mike Moore gebeten, in den Staatsdienst zu treten. "Ich beobachte mit Sorge, dass Sie Ihre Zauberkünste nicht der gesamten Nation zur Verfügung stellen", schrieb Moore einst in seiner Einladung. Und weiter: "Ohne Frage wird der Staat Ihre Zaubersprüche, Segen, Flüche und anderen übernatürlichen Fähigkeiten in Belangen benötigen, die die Kompetenz eines einfachen Premierministers übersteigen".

Seither erhält der Magier für öffentliche Auftritte und Verdienste wie Regentänze, Segen und Wetter-Zauber (so soll er etwa laut eigenen Aussagen erst vor zwei Jahren eine gewaltige Nebelbank hinfortgezaubert haben) pro Jahr rund 14.000 Euro aus der Staatskasse. Sogar einen Schüler unterrichtet er aktuell.

Streit mit "Café Latte schlürfenden Bürokraten"

Doch nicht mehr lange, denn The Wizard of New Zealand - wie Brackenbury Channell offiziell heißt, seit er 2009 die Verdienstmedaille der britischen Königin verliehen bekommen hat - wurde in den vergangenen Tagen vom Stadtrat seiner Heimatgemeinde Christchurch gekündigt. Mit Jahresende wird sein übernatürlicher Regierungsauftrag nach 23 Jahren enden. Der Zauberer das alles andere als gut aufgefasst.

NZEALAND-ATTACK-MOSQUE

"Das impliziert, dass ich langweilig und alt geworden bin, doch es gibt sonst niemanden wie mich. Die Leute mögen mich", erklärte der Zauberer dem britischen Guardian. "Es sind nur langweilige und alte Bürokraten, die mich nicht mögen."

Der Stadtrat bezeichnete den Schritt in einem Statement als "schwierige Entscheidung", der Zauberer werde aber "für immer ein Teil der Geschichte von Christchurch sein". Die Kündigung sei aber die Folge eines neuen Tourismuskonzepts, das aus Christchurch "eine lebendigere, modernere Stadt" machen soll.

Oder, in den Worten des Zauberers: "Sie wollen ein Stadtbild zeichnen, in dem nur noch Café-Latte-schlürfende Bürokraten auf den Straßen herumlaufen."

"Allem Anfang wohnt ein Zauber inne", oder: Geld für die Vietcong

Der gebürtige Brite besitzt einen Abschluss in Psychologie und Soziologie. Mystisch wurde es erst, als er in den Sechziger Jahren nach Australien auswanderte und begann, an der Melbourne University als unbezahlter Dozent für "Kosmologie und schamanistische Künste" zu lehren. Er finanzierte sich über Spenden. Dort rief Brackenbury Channell auch mehrere Kunstinitiativen ins Leben und überzeugte den Direktor der Nationalgalerie in Victoria, seinen Körper als "lebendes Kunstwerk" ausstellen zu dürfen.

Er verlor seinen ehrenamtlichen Job an der Universität schließlich, weil die Studienleitung erfahren hatte, dass Brackenbury Channell all seine gesammelten Spenden an die kommunistische vietnamesische Guerilla-Armee Vietcong gespendet hatte.

1974 zog der Magier schließlich weiter nach Neuseeland, wo er damit begann, auf einer Leiter am Kathedralenplatz in Christchurch zu predigen. Zunächst versuchten die Behörden noch, gegen seine Predigten vorzugehen - doch waren seine unterhaltsamen Predigten in der Gemeinde schnell so beliebt geworden, dass man ihn gewähren.

Problematisches Frauenbild

Zu der Wahrheit gehört aber auch, dass das Kulturgut der Zauberer-Predigten oftmals gespickt ist mit problematischen Bemerkungen gegenüber Frauen. Darauf angesprochen, erklärte er bei einem aufsehenerregenden Fernsehauftritt im April: "Ich liebe Frauen, ich vergebe ihnen die ganze Zeit. Ich habe auch noch nie eine geschlagen." Und weiter: "Man darf Frauen überhaupt nicht schlagen, denn erstens einmal bekommen sie viel zu leicht blaue Flecken. Außerdem erzählen sie ihren Freunden und Nachbarn davon - und dann gibt es Ärger."

Der Zauberer hat immer noch viele Anhänger, die ihn als Comedian und seine vielen problematischen Aussagen als Scherze ansehen. Doch er hat auch Feinde: So wurde 2003 etwa sein Holzhaus mitsamt einer gewaltigen Büchersammlung in einem Feuer zerstört. Die Behörden ermittelten lange wegen Brandstiftung, ein Täter wurde aber nie gefasst. Auch das "Wizardmobil", ein aus den Frontseiten zweier VW-Käfer zusammengebauter Wagen, wurde bei dem Feuer schwer beschädigt.

Auch ohne Gehalt will der 88-jährige, dessen öffentliche Auftritte in den letzten Jahren immer seltener wurden, als Zauberer weitermachen. Sein Zorn auf den Stadtrat äußerte sich bisher auch noch nicht in Form eines Fluches. "Ich bevorzuge es, zu segnen statt zu verfluchen", so der künftige Ex-Zauberer. "Zum Beispiel, indem ich Kindern Gesundheit und schöne Träume wünsche - und Bürokraten etwas mehr Menschlichkeit."

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