Befürworter der Unabhängigkeit Kataloniens mit ihrer Fahne, der "estelada", in Barcelona.

© AP/Emilio Morenatti

Spanien
09/27/2015

Katalanen entscheiden heute ihre Zukunft

Heute ist Schicksalstag für die 7,5 Millionen Bewohner Kataloniens.

von Josef Manola

Mit „Independencià“-Rufen unterbricht die Menge den Redner immer wieder. Der katalanische Regierungschef peitscht seine Zuhörer in der Abschluss-Veranstaltung für die Regionalwahlen immer wieder an: „Wir werden am Sonntag die Freiheit erlangen“.

Für die begeisterten Fans ist Artur Mas (59) eine Lichtgestalt – der Mann, der Katalonien aus dem Griff Spaniens befreien und in die Souveränität führen kann. Für seine Gegner ist er ein angeschlagener Politiker, der mit einem für ganz Spanien riskanten Manöver der drohenden Niederlage zu entgehen versucht.

2016 am Ziel

Immerhin brachte der Konservative ein Wahlbündnis mit Links-Republikanern zustande: Die ungleichen Partner treten unter dem Namen „Gemeinsam für das Ja“ an und verfolgen dabei ein einziges Ziel: Am heutigen Wahltag möglichst viele Ja-Stimmen für die Loslösung von Spanien zu sammeln. Die Regionalwahl soll zum verbindlichen Referendum werden, das Madrid den Katalanen immer wieder verweigert hatte. Sollte die von Mas entworfene Liste „Junts pel Si“ mehr als die Hälfte der Parlamentssitze erreichen, ist Mas sicher: „Die Selbstständigkeit Kataloniens können wir noch im Jahr 2016 erreichen.“

Jacobo und Luis besuchen die Deutsche Schule von Barcelona. Für Jacobo, der sich zu gleichen Teilen als Katalane und Spanier fühlt, wäre die Trennung „ein Fehler, weil Katalonien als Teil Spaniens besser fährt.“ Luis ist anderer Meinung. „Zu oft“, erzählt der 17-Jährige, „hat Madrid uns in der Vergangenheit schlecht behandelt. Das vergisst man nicht, dafür werden sich die Katalanen revanchieren.“ Von offenen Rechnungen und alten Feindschaften ist in Barcelonas Straßen viel die Rede.

„Fühlen uns gegängelt“

Rosa Planas ist Informatikerin, Anfang 50. Sie gehört zum Heer von Helfern, die für die Organisation ANC (Nationalversammlung Kataloniens) arbeiten und Informationsmaterial verteilen. Sie stellt klar: „Wir fühlen uns von Spanien gegängelt, ausgenommen und unterdrückt.“ Dass Katalanisch längst Unterrichtssprache sei und Lehrer aus anderen Teilen Spaniens eine Eignungsprüfung ablegen müssen, lässt sie nicht gelten; „Wir haben uns von der Idee anstecken lassen, dass Katalonien als eigenständiges Land Zukunft hat.“
Diese Idee flattert seit Jahren durchs Land, wie die republikanischen Flaggen. Der rotgelb-gestreifte „Estelada“ ist für die Verkäufer aus Fernost zum großer Renner geworden.

Für den Fall einer einseitigen Loslösung haben sich viele Spanier bereits eine Formel zurechtgelegt: „Wenn sie nicht bei uns bleiben wollen, dann sollen sie ihr Glück alleine versuchen.“ Nachsatz: Dann müsse auch der FC Barcelona schauen, in welcher Liga er spielen kann.

Nach der Krise ist Katalonien neben Madrid der Motor der Erholung Spaniens. Ministerpräsident Mariano Rajoy drohte, gedeckt durch EU-Abkommen, dem abtrünnigen Landesteil mit dem Ausschluss aus der EU. Internationale Betriebe im Großraum von Barcelona wälzen bereits Umzugspläne. Ein Austritt aus dem Euro hätte Schließungen zur Folge.

Militär kann eingreifen

An Schlimmeres will man derzeit nicht denken. Notstandsparagrafen, die im Fall eines flagranten Missbrauchs eine Amtsenthebung der Regionalregierung erlauben und deren Durchsetzung der Polizei oder dem Militär überlassen, wurden bisher nicht ernsthaft ins Spiel gebracht.

„Die Spanier sollten sich in Zurückhaltung üben“, empfiehlt Wirtschaftsexperte David Ros (65), der im Auftrag des ANC alle ökonomischen Szenarien durchgespielt hat. Er zeigt sich gelassen: „Am Tag nach der Separation würde Kataloniens Wirtschaft normal funktionieren.“ Die durch internationale Spitzenpolitiker bekräftigte Warnung vor einem Alleingang schlägt er in den Wind. Immerhin hatte Spaniens Regierung für die Wahlkampagne von Obama und Juncker Unterstützungserklärungen für das geeinigte Spanien erhalten. Ros: „Katalonien steht für 20 Prozent der Wirtschaftsleistung Spaniens, darauf wird niemand in der EU verzichten wollen.“

Durch direkte Verhandlungen mit Brüssel wird die sezessionistische Regierung Kataloniens EU-Mitgliedschaft garantieren: Mit der Ankündigung löst Artur Mas neue „Indenpendencià“-Sprechchöre aus. An diesem Sonntag, sind seine heiseren Anhänger am Ende der Kundgebung sicher, wird Kataloniens Zukunft entschieden.