Politik | Ausland
12.09.2018

Katalonien: Die Separatisten sind gespalten

Nationalfeiertag wurde mit Massenaufmärschen für die Unabhängigkeit zelebriert. Wie die aussehen soll, darüber wird gestritten.

 

1...7...1...4 –  die Zahlenkombination zum Öffnen der zentralen Hoteleingangstür löst beim ahnungslosen Touristen keinerlei besondere Reaktion aus. Doch die katalanische Begleitung zögert keine Sekunde, verdreht genervt die Augen und sagt: „Wieder so ein Zeichen.“

Jeder Katalane kennt diese Zahlen. Aneinandergereiht stehen sie für das Jahr 1714, in dem die stolze Region eine finale Niederlage hinnehmen musste.  Am 11. September jenes Jahres kapitulierten  die  Katalanen  vor den bis nach Barcelona vorgedrungenen spanisch-französischen Truppen. Das Sagen in Katalonien hatte fortan wieder der König aus Madrid.

Gigantische Feier

Die Herrscherfamilie im Palacio Real gibt es immer noch (wenngleich sie  nur noch repräsentative Aufgaben übernimmt). Und Katalonien? Das soll es auch bald wieder geben – zumindest wenn es nach der Überzeugung der Separatisten geht, die den 304. katalanischen Nationalfeiertag, die Diada, am gestrigen Dienstag als gigantische Feier für die Unabhängigkeit zelebrierten. Die pro-katalanischen Parteien vermeldeten mehr als 400.000 offizielle Anmeldungen für die Kundgebung, die um 17.14 Uhr im Herzen Barcelonas ihren Höhepunkt fand. Die Gegner zählten naturgemäß deutlich weniger.

Ebenso uneinig wie über die exakte Teilnehmerzahl sind sich die Katalanen   in diesem Sommer über die Grundidee ihrer Bewegung, die vor ziemlich genau einem Jahr ihren Höhepunkt fand. Am 1. Oktober 2017 hatte die   Regionalregierung unter Carles Puigdemont zu einem   weltweit beachteten Referendum über die Unabhängigkeit aufgerufen.  90 Prozent stimmten dafür, allerdings war nur   rund jeder vierte Wahlberechtigte auch  zur Urne gegangen. Wie so oft erkannten darin beide politischen Lager eine Bestätigung für ihr Handeln.

Wieder Volksabstimmung?

Geeint hat die Katalanen damals immerhin noch die Verachtung für den spanischen Ministerpräsidenten. Doch der konservative Mariano Rajoy ist nach einem Misstrauensvotum ebenso Geschichte wie  Puigdemont. Der im Brüsseler Exil lebende Politiker hatte zuletzt selbst von einem „Klimawandel“ im Verhältnis zu Madrid gesprochen.

Adressiert  waren die Worte an Rajoy-Nachfolger Pedro Sánchez. Der Sozialist benötigte die Unterstützung der katalanischen Unabhängigkeitsparteien, um  überhaupt erst an die Macht zu kommen. Nun will er die Katalanen erneut abstimmen lassen – allerdings nur über mehr Zugeständnisse bei der Selbstverwaltung.

Denn die ist den Katalanen allerspätestens seit dem Ende der Franco-Diktatur, wo bis weit in die 1970er-Jahre alles Katalanische verboten war, heilig.  So leistet man sich etwa zu den zwei bundesweiten Polizeieinheiten  noch eine zusätzliche regionale, in den Schulen ist Katalanisch  alternativlos die Unterrichtssprache Nummer eins. Selbst im nicht minder stolzen Baskenland haben die Kinder beziehungsweise deren Eltern die Wahl zwischen Spanisch und Baskisch.

Heiß bleibt der Herbst in Spanien allemal. Bald sollen die Prozesse gegen die vom Zentralstaat verhafteten katalanischen Politiker beginnen. Ihnen wird Rebellion im Zuge des Referendums   vorgeworfen. Die gestrige Diada galt vorwiegend ihnen. Den Protest gegen die Inhaftierungen stellen die Katalanen mit gelben Schleifen  zur Schau.

Nur noch deutlicher wird die Systemkritik  an der Bar des zu Beginn erwähnten Hotels. Damit es ja auch jeder Tourist versteht, steht auf einem Schild geschrieben:  „Katalonien ist nicht Spanien.“