Politik | Ausland
24.04.2017

Kanzler Kern in Israel: "Dieser Kampf ist nie zu Ende"

Der Kanzler erzählte erstmals über seine erste Konfrontation mit dem Holocaust.

Am Anfang der ersten Israel-Reise von Kanzler Christian Kern steht einmal mehr ein Video. Diesmal spielen nicht Fast Food, sondern ein Kleidungsstück und Reise-Accessoires die Hauptrolle. Israels rührige Botschafterin in Wien, Talya Lado, platzierte einen Zwei-Minuten-Videoclip vor Abreise des Kanzlers Samstagnacht nach Tel Aviv mit "ein paar Reise-Tipps" auf Twitter.

Tipp 1:"In Israel sind wir sehr stolz auf unsere Startup- und Hightech-Szene. Vergessen Sie daher nicht ihr Smartphone und ihren Laptop mitzunehmen." Tipp 2: "In Israel scheint die Sonne. Eine coole Sonnenbrille darf daher im Koffer nicht fehlen." Tipp 3: "Auf Etikette legen wir nicht sehr viel Wert, wir nennen unseren Premierminister beispielsweise beim Spitznamen, Bibi. Weil es sich aber um einen offizielle Reise handelt, sollten Sie eine Krawatte einpacken."

Christian Kern, der großen Wert auf seine äußere Erscheinung legt, hätte selbstredend von sich aus alles mit dabei. Beim ersten Termin mit Staatspräsident Reuven Rivlin präsentiert er sich einmal mehr wie aus dem Ei gepellt.

Persönlicher Bezug

In seine Rede verpackt er zwei sehr persönliche Geschichten, die illustrieren sollen, wie er und Österreich aus dem Holocaust gelernt haben. Seine Mutter habe ihm als Kind wiederholt ein einschneidendes Erlebnis erzählt: Sie hatte als Teenager ein altes jüdisches Ehepaar gemeinsam mit Kerns Großmutter, die dort aus Haushälterin arbeitete, betreut. Anfang der 40er Jahre musste sich das Paar am Dachboden verstecken. Eines Tages stand die Gestapo vor der Tür und die beiden waren über Nacht nicht mehr am Dachboden, sondern für immer verschwunden – ermordet von den Nazis in einem der Konzentrationslager.

Als ÖBB-Chef habe er daher großen Wert darauf gelegt, proklamiert Kern, dass auch Bahn-Lehrlinge von Anfang an in die Aufarbeitung der Rolle der Reichsbahn beim Transport der Juden Richtung Massenvernichtung eingebunden waren.

Beim Shoa-Gedenken

Sichtlich berührt ist Kern dann auch beim Besuch von österreichischen Holocaust-Überlebenden, die sich dreimal die Woche in Jerusalem und Tel Aviv in einem Klub treffen und diesmal den Kanzler an ihren Geschichten teilhaben lassen. Der 94-jährige Sprecher des Zentralkomitees der "Juden aus Österreich in Israel", Gideon Eckhaus, wünscht sich, "dass die Shoah für alle Zeiten als Warnsignal für die Menschheit dient", warnt aber eindringlich vor dem Wiederaufleben des tödlichen Hasses: "Es gehen wieder Menschen auf die Straße und schreien antisemitische Floskeln, unterstützen Terror und verbreiten Hass."

Der abendliche Höhepunkt von Kerns Besuch in Israel ist einer Mischung aus Zufall und Planung geschuldet: Die Staatsvisite sollte bereits Ende Jänner über die Bühne gehen. Sie wurde kurzfristig abgesagt, weil der SPÖ-Kanzler damals nächtelang mit der ÖVP, aber auch mit der eigenen Parteien, um die Frage Neuwahl oder Neustart rang.

Symbolträchtiger Auftritt

Der neue Reisetermin wurde besonders symbolträchtig arrangiert. Drei Monate danach sitzt so erstmals ein österreichischer Bundeskanzler am wichtigsten Gedenktag Israels mit den Spitzen des Landes in der ersten Reihe: dem Staatsakt in Yad Vashem am Vorabend des heutigen Holocaust-Gedenktages. Kern: "Die Teilnahme an der Zeremonie ist eine gute Geste und eine echte Auszeichnung für unser Land."

Der Kanzler einer Täter-Nation war heute auch als einziger ausländischer Regierungschef mit dabei, als um 10 Uhr das ganze Land für zwei Minuten still stand, die Sirenen heulten, die Menschen ihre Autos mitten auf der Straße stehen ließen, um gemeinsam des Unfassbaren zu gedenken: Der Ermordung von sechs Millionen Juden.

"Es gibt Kämpfe, die sind nie zu Ende", sagt Kern am Weg zum Holocaust-Gedenken nachdenklich: "Beim nächsten Mal sind es vielleicht nicht die Juden, sondern andere."

Kranz für Arafat

Die Besuchstermine bei der palästinensischen Führung in Ramallah wurden auf Sonntag vorverlegt, um die Gastgeber nicht damit zu brüskieren, den obligaten Kranz am Grab von Yassir Arafat ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag niederzulegen.

Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas stand nicht am Terminkalender, eine Vorhut des Palästinenserchefs ist bereits in den USA, wo er nächste Woche erstmals mit Donald Trump konferiert.

Der Kanzler trifft auf eine israelische Regierung, deren Selbstbewusstsein neu gestärkt wirkt. Die israelischen Medien sind voll von freundlichen Berichten über den ersten Besuch des wichtigsten Mannes fürs Israels Sicherheit im Team des US-Präsidenten, Verteidigungsminister James Mattis. Der als "Mad Dog" verschriene neue Hausherr im Pentagon hatte sich vor Amtsantritt auch in Israel einen zweifelhaften Ruf erworben. James Mattis hatte noch 2013 die Siedlungspolitik Israels in den Palästinensergebieten heftig kritisiert und vor einem Abrutschen Israels in Richtung Apartheid-Staat gewarnt.

Neue Achse des Bösen

Bei seiner ersten Israel-Visite als neuer US-Verteidigungsminister war davon mit keinen Wort mehr die Rede. Im Gegenteil, im offiziellen Israel werden seine neuen martialischen Töne nun gerne gehört. Auch ein in der Ära Bush hochgehaltenes Feindbild ist wieder da – neu ist nur ein Teil der Besetzung. "Es gibt eine Achse des Bösen", proklamierte Mattis, "von Nordkorea über Teheran bis Damaskus und bis zur Hisbollah in Beirut."

Gern gehört wird in Israel vor allem die wieder schärfere Tonart gegenüber dem Mullah-Regime. Mattis: "Das wichtigste Glied in dieser Kette ist der Iran, der seine Verbündete gegen Israel in Stellung bringt."James Mattis und sein Amtskollege Avigdor Lieberman unterzeichneten ein neues Abkommen für Militärhilfe bis 2028 im Ausmaß von 38 Milliarden Dollar.

Nüchternes erstes Resümee Christian Kerns am Abend des ersten Israel-Tages: "Man reist nicht mit viel mehr Optimismus ab als man angekommen ist."