Politik | Ausland
04/16/2019

Junge Iraner: "Ich gehe, mir ist das Land egal"

Die iranische Jugend lebt längst in einer Parallelwelt ohne Kleidervorschriften, hat das Mullah-Regime satt und will nur weg.

Unter Jubel wechselt die Telegram-Playlist von Makarena zu persischer Rhythmik. Hände wirbeln nach oben. Ali gießt Tonka-Bohnen-Sirup in das Plastikglas mit Nemirovskaya Wodka. „So stellst du Schichten her“, erklärt Reza, bevor er es kippt. Die Devise „Regeln sind da, um gebrochen zu werden“, ist omnipräsent im Iran, aber geheim, versteht sich.

Viele junge Iraner streben danach, ihr Land zu verlassen. Reza ist einer von ihnen. „Ich bin fertig mit diesem Land, ich gehe weg und werde nicht zurückschauen“, zeigt er seine Entschlossenheit. „Der Iran ist eines der wenigen Länder, in denen man in die Zukunft sieht, wenn man in die Vergangenheit schaut“, meint der Informatikstudent. Die Restriktionen der Islamischen Republik können zwar hinter verschlossenen Türen, wie hier in einer Wohnung im Norden Teherans, umgangen werden, jedoch weiß heute jeder, mit welchen Freiheiten Menschen im Westen leben.

Wilde Partys mit Wodka

„Saris“ (Dealer für Alkohol und andere Drogen) kennen – und sind – hier viele. Ein Anruf, und kurz danach ist Ali mit einer neuen Flasche Nemirovskaya zurück. Der Preis gleiche sechs Mahlzeiten, sagt Reza. Besonders an dem steigenden Fleischpreis spürt jeder die Inflation. „Viele Lokale müssen zusperren, manche ändern ihre Speisekarte“, sagt Reza und nennt das Café Richard in Universitätsnähe, in dem es früher gute Burger gab. Auch die Sanktionen treiben die Preise in die Höhe, nur die Löhne bleiben gleich.

Die Folgen können auf der Straße beobachtet werden. Buben verkaufen Kaugummis, Mädchen warten hinter Personenwaagen auf Kunden, die für ein bisschen Geld ihr Gewicht erfahren können. Männer mit schlechten Zähnen sitzen auf Kartons hinter zusammengerollten Kabeln, die sie feilbieten. Mit „befarma“, zu Deutsch „nach Ihnen“, wird man zur Ware gebeten. Denn auch wenn sich die Lage der Iraner stetig verschlechtert, ihre kulturell verankerte Gastfreundlichkeit verlieren sie nie.

Die Party geht weiter. Junge Frauen und Männer tanzen zusammen: haram – verboten im Iran. Im öffentlichen Raum werden die Geschlechter so gut es geht getrennt, in Schulen, Universitätskantinen, Bussen. Reza erzählt, wie ein Studienassistent seines Professors sich beschwerte, dass Studenten und Studentinnen auf der Uni zusammen gelernt hatten. „Er musste sich dafür entschuldigen, nachdem sich viele darüber aufgeregt hatten“, sagt Reza über den kleinen Erfolg eines Widerstandes.

Auch die Diskussion über den verpflichtenden Hijab, das Kopftuch für Frauen, ist eine lautere geworden. „Die Leute in unserem Land, die an den Hijab glauben, glauben auch, dass sie das Recht hätten, über die Kleidung anderer Frauen zu entscheiden“, kritisiert Sara, eine Studienkollegin von Reza.

Sara erzählt von einer Bewegung – die international als „Girls of Revolution Street“ bekannt geworden ist – und im Vorjahr zu Verhaftungen von Frauen geführt hat, die ihr Kopftuch abnahmen und öffentlich in der Luft schwenkten. Die Anwältin dieser Frauen und renommierte Menschenrechtsaktivistin Nasrin Sotoudeh wurde laut ihrem Ehemann zu 38 Jahren Haft und 148 Peitschenhieben verurteilt. „Die nächste Revolution wird eine der armen Leute sein“, sagt Hussein, Elektrotechnikstudent, überzeugt. „Ich gehe weg, mir ist das Land egal“, sagt er im Namen derer, die ihr Leben nicht auf der Straße riskieren.

Aber nicht alle haben die Möglichkeit oder den Willen, den Iran zu verlassen. Auch hier auf der Party seien viele, die nicht alles, Familie und Freunde, hinter sich lassen könnten. Hussein meint, die, die bleiben, würden irgendwann auf die Straße gehen.

Angst vor Hardlinern

Ein Universitätsprofessor, dessen Name nicht genannt werden kann, sieht das anders. „Ich glaube, eine neue Revolution würde nur zu noch mehr Chaos führen“, sagt er. „Mindestens 40 Prozent der Iraner würden die Macht wieder in die Hände der Geistlichen legen“, schätzt er. „Sehen wir uns die Realität auf der Straße an, vielleicht bin ich die Mehrheit, aber ich gehe nicht auf die Straße, ich bin zu Hause bei meinen Kindern“, sagt er und zieht den Kontrast zu den religiösen „Revolutionären“: „Sie hingegen sind bereit, auf die Straße zu gehen, für ihre Wahrheit zu kämpfen, sie sind bereit, zu sterben und zu töten.“

Es ist etwa Mitternacht und die Party geht zu Ende. Sara und die anderen jungen Frauen ziehen sich ihre Kleider und Röcke zu straßenkonformer Kleidung um. Die jungen Männer verlassen, bis auf den leichten Schwips mancher, unverändert das Haus. Sara bedeckt noch schnell ihre brünette Lockenmähne mit einem Tuch.

Der Kontrast zwischen dem Lebensstil, der sich im rechtlichen Rahmen des Landes abspielt und dem, der gelebt wird, sei nirgends so extrem wie im Iran, ist sich Reza sicher. Er spricht für die moderne Jugend, Städter mit wenig Bezug zu Religion.

- Anna Katharina Wiesinger, Teheran