John F. Kennedy und seine Schattenseiten

John F. Kennedy
Foto: AP John F. Kennedy

Er wurde durch seine Politik, sein Privatleben und durch seinen tragischen Tod zum Mythos. Der KURIER bringt aus Anlass seines 100. Geburtstags ein neues HISTORY Magazin heraus.

Was für ein Präsident! Daran denkt man unweigerlich wenige Wochen nachdem Donald Trump ins Weiße Haus gezogen ist. John F. Kennedy war sich als besonnener Politiker seiner großen Verantwortung bewusst. Auch wenn er persönlich alles andere als ein Heiliger war: Er hat dem amerikanischen Volk seinen schlechten Gesundheitszustand verschwiegen und einen liebevoll treuen Ehemann vorgespielt. Das wäre in der heutigen Medienlandschaft unmöglich, aber JFK lebte in einer Zeit, als das Privatleben prominenter Persönlichkeiten wirklich noch privat war.

Charme & CharismaJohn F. Kennedy schafft es mit viel Talent, Charme, Charisma und Papas Millionen als erster Katholik ins Weiße Haus. Der 35. Präsident der USA ist der Hoffnungsträger einer jungen Generation von Amerikanern, der er in den finsteren Zeiten des Kalten Krieges Zuversicht vermitteln kann.Er ist jung, reich, erfolgreich und mit einer wunderschönen Frau verheiratet. John F. Kennedy und Jacqueline sind das erste global von den Medien gefeierte Traumpaar des 20. Jahrhunderts. Und seine Popularität hält bis heute an. John F. Kennedy Foto: AP/Uncredited

1036 Tage

Kennedy wird nur knapp drei Jahre – genau 1036 Tage – regieren, doch in dieser Zeit leistet er Außergewöhnliches. In der Kubakrise bewahrt er die Welt vor der Katastrophe eines Atomkrieges. Und er beendet die Anfang der 1960er-Jahre in vielen Bundesstaaten der USA bestehende Rassentrennung und Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung, womit er die Voraussetzungen schafft, dass knapp ein halbes Jahrhundert später mit Barack Obama ein schwarzer Amerikaner Präsident der USA werden kann.Doch das wird John F. Kennedy nicht erleben. Er fällt 1963 in Dallas/Texas einem Mordanschlag zum Opfer. Der Tod des 46-jährigen Politikers schockiert die Welt und macht ihn zur Legende. "Jack", wie man ihn nannte, kommt am 29. Mai 1917 als eines von neun Kindern eines ehrgeizigen, steinreichen und skrupellosen Vaters im Bundesstaat Massachusetts zur Welt. Joseph Kennedy sen. – Enkel armer irischer Einwanderer – wird durch Bank-, Börsen- und nicht immer ganz saubere Geschäfte Millionär. Nebenbei besitzt er eine Filmproduktion, die dem notorischen Fremdgeher Gelegenheit zu Affären mit Hollywoodstars wie Gloria Swanson gibt. Und er vererbt diese Seite seines Charakters an seine vier Söhne, in erster Linie wohl an Jack. Vor allem aber fordert der Vater unter den Brüdern einen beinharten Wettbewerb: "In dieser Familie wollen wir nur Gewinner. Zweiter oder Dritter zählt nicht: Ihr müsst siegen!" Der kränkliche John sollte an diesen Anforderungen fast zerbrechen und litt in seiner Jugend unter seinem älteren Bruder Joseph: "Er hatte eine kampfeslustige Persönlichkeit. Es war ein Problem, als ich ein kleiner Junge war."Nachdem Joseph jun. 1944 als Bomberpilot über dem Ärmelkanal abstürzt, ist es an John "Erster" zu werden. Gemeint war damit, an die Staatsspitze zu gelangen. Voraussetzung dafür ist eine perfekte First Lady, die JFK findet. Es ist die ebenfalls aus reichem Haus stammende Jacqueline Bouvier. Die zeitlose Schönheit ist in den Augen von Joseph sen. die optimale Partie für den künftigen US-Präsidenten, als den er Jack seit Anfang der 1950er-Jahre sieht.

"Nicht eifersüchtig"

Schon bald nach der Hochzeit im Herbst 1953 macht sich Jackie keine Illusionen über die eheliche Treue ihres Mannes. Zur ersten Krise kommt es, als sie eine Fehlgeburt erleidet, während sich Jack mit einer Blondine auf der Jacht eines Freundes im Mittelmeer vergnügt. Nur mit Mühe kann er die Ehe retten. Erst die Geburten von Tochter Caroline und Sohn John jun. werden das Verhältnis wieder bessern. Und Jackie arrangiert sich: "Wie er seine Familie liebte, so liebte er auch seine Mitarbeiter, seine Umgebung", sagt sie, bereits als Witwe, zu Arthur Schlesinger, einem engen Berater ihres Mannes, der ihr Leben aufzeichnete. "Und wissen Sie, ich bin nicht eifersüchtig. Jacks Leben bestand aus lauter verschiedenen Bereichen. Und wir alle liebten einander."

John F. Kennedy geht in die Politik, doch er macht sich nicht für Seinesgleichen stark, sondern für die kleinen Leute. Schon als demokratischer Kongressabgeordneter und als Senator von Massachusetts setzt er sich für die Erhöhung der niedrigsten Einkommen ein und fordert ein Aktionsprogramm für die Stärkung der Wirtschaft. Kopie von Jacqueline Kennedy, John F. kennedy Foto: AP

1960 ist es soweit, Kennedy nimmt – gedrängt von seinem Vater – den Kampf um den Einzug ins Weiße Haus auf. Und schafft es als strahlender Vertreter eines völlig neuen Politikertyps seinen republikanischen Konkurrenten Richard Nixon in den ersten Fernsehdiskussionen der Geschichte alt aussehen zu lassen. John F. Kennedy ist aber nicht nur der telegenere Präsidentschaftskandidat, er hat auch die richtigen Argumente, wenn er etwa die Anhebung des Mindestlohns fordert. Er reist in den Kohle- und Stahlgürtel der USA und spricht mit Kumpeln und Stahlarbeitern über die Verbesserung ihrer Lebenssituation. Und macht im Mai 1961 sein Wahlversprechen wahr, als er als Präsident das Gesetz zur Anhebung des Mindeststundenlohnes auf 1,25 Dollar unterzeichnet.

Nicht zuletzt durch seinen tragischen Tod ist Kennedy zum Idol, zu einem Mythos des 20. Jahrhunderts geworden. Und das, obwohl er sein Land immer tiefer in den Vietnamkrieg verstrickte, der fast 60.000 Amerikanern das Leben gekostet und die Nation in ein tiefes Trauma gestürzt hat.Im Juni 1961 trifft JFK in Wien mit Nikita Chruschtschow zusammen. Damals ging das freundliche Lächeln der beiden mächtigsten Männer der Welt und ihrer Ehefrauen um die Welt, doch heute wissen wir, dass der Kreml-Chef den US-Präsidenten in Wien vor einem Atomkrieg warnte. Und dass der Kalte Krieg noch kälter wurde: Wochen nach der Begegnung in Wien begann die DDR mit dem Bau der Mauer und die Sowjets starteten Nukleartests. Im Jahr darauf war der Welfriede einmal mehr in Gefahr, als die USA in Kuba Abschussrampen russischer Atomraketen entdeckten.

Die junge First Family

Mit den Kennedys hat eine junge, attraktive First Family das Weiße Haus bezogen. Die Fotos der Kinder, die zu Füßen ihres Vaters im Oval Office spielen, sind nicht nur Teil einer sorgfältigen Inszenierung, sondern täglich gelebte Realität. Auch in Krisenzeiten nimmt sich der Präsident Zeit für Caroline und John jun., und Jackie sorgt dafür, dass sie möglichst normal aufwachsen. Sie eröffnet sogar einen Kindergarten im Weißen Haus, wo sie mit Gleichaltrigen spielen können.

Doch selbst als Präsident kann er seine Sexsucht nicht zähmen. Unter den von seinen Biografen errechneten 57 außerehelichen Liebschaften sticht Marilyn Monroe hervor, mit der er sich ein Jahr lang heimlich traf. Die Überzeugung, nicht enttarnt zu werden, war so groß, dass die Monroe am 19. Mai 1962 im New Yorker Madison Square Garden vor Tausenden Menschen für den Präsidenten im engen Glitzerkleid und mit erotischem Timbre "Happy Birthday" hauchte. John F. Kennedy Foto: ap

Die Monroe-Affäre

Obwohl sie viele Affären mitbekam, belastete Jackie diese mehr als jede andere. Nach Darstellung des JFK-Schwagers Peter Lawford habe die Monroe einmal Mrs. Kennedy angerufen und über die Beziehung informiert. "Marilyn, heirate Jack nur", reagierte Jackie, "ziehe ins Weiße Haus ein und übernimm die Pflichten der First Lady, und ich ziehe aus und du hast dann all die Probleme."

Ein großer Präsident

Doch man wird Kennedy nicht gerecht, ihn über die Anzahl seiner Amouren zu beurteilen. In der kurzen Zeitspanne, die ihm gegeben war, setzte er sich für soziale Gerechtigkeit, für Frieden und die Gleichberechtigung aller Rassen ein. John F. Kennedy war – bei all seinen Schwächen – ein großer Präsident.

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Attentat

Dallas/Texas, 22. November 1963: Der Tag, an dem John F. Kennedy ermordet wurde

Man schreibt den 22. November 1963. John F. Kennedy trifft zu einem Besuch in der texanischen Stadt Dallas ein. Mehr als 200.000 Menschen säumen die Straßen, als die Präsidentenlimousine im Schritttempo vom Dealey Plaza in die Elm Street einbiegt, wo Kennedy eine Rede halten soll. Doch wenige Meter vor dem geplanten Stopp fallen drei Schüsse. Es ist 12.30 Uhr Ortszeit. 30 Minuten später können die Ärzte des Parkland Memorial Hospitals nur noch den Tod des Präsidenten feststellen. Bis zu den nächsten Wahlen war noch ein Jahr Zeit, aber es galt keineswegs als sicher, dass Kennedy wiedergewählt würde. Gerade hier, in den Südstaaten der USA, missbilligten viele sein Bekenntnis zu den Bürgerrechten der Schwarzen. Um den Wählern möglichst nahe zu kommen, lässt der Präsident an diesem sonnigen Freitag das Verdeck des dunkelblauen Ford Lincoln Continental abnehmen. Doch ohne Dach ist er seinem Mörder schutzlos ausgeliefert.

Das Risiko war bekannt

John F. Kennedy selbst war sich des Risikos bewusst, sagte er doch, ehe er in den offenen Wagen stieg, geradezu prophetisch zu seiner Frau: "Wenn mich jemand vom Fenster aus erschießen will, dann wird das niemand verhindern können."Auch die Sicherheitsleute nahmen die Gefahr, dass der Präsident im Cabrio durch Dallas fährt, ernst, doch sie begingen den Fehler, sich bei ihren Überprüfungen nur auf radikal rechte Kreise zu konzentrieren. Und die Ultralinken außer Acht zu lassen. Sonst hätten sie wohl auch den 24-jährigen Lee Harvey Oswald beobachtet, der sich als Leninist bezeichnete, das kapitalistische System der USA ablehnte, Fidel Castro verehrte, drei Jahre in der Sowjetunion gelebt und eine Russin geheiratet hatte.

Lee Harvey Oswald hatte an diesem Tag ein italienisches Carcano-Repetiergewehr nach einer Konstruktion des Österreichers Ferdinand Mannlicher an seinen Arbeitsplatz, einem Schulbuchlager am Dealey Plaza, mitgenommen und vom fünften Stock aus drei Schüsse abgefeuert: Der erste Schuss schlug fehl, der zweite verursachte eine Wunde am Hals und der dritte war der tödliche Treffer am Kopf des Präsidenten.

Lee Harvey Oswald wurde zwei Tage später vom Nachtklub-Besitzer Jack Ruby erschossen, der bei der Überführung des Tatverdächtigen ungehindert in das Staatsgefängnis von Dallas eindringen konnte. Durch Oswalds Tod konnte es zu keiner eingehenden Einvernahme des Täters kommen.

Fingerabdrücke

Auch wenn für die Polizei klar war, dass Oswald Kennedys Mörder ist – immerhin wurde die Tatwaffe mit seinen Fingerabdrücken in dem Lagerhaus gefunden – entstanden zahllose Verschwörungstheorien, denen zufolge Oswald kein Einzeltäter war.

Nicht nur die USA waren nach der Ermordung ihres populären Präsidenten in einer Ausnahmesituation: Die ganze Welt stand unter Schock, zeitweise schien sogar der Friede in Gefahr, da sich die Gerüchte häuften, dass Kennedy im Auftrag von Geheimdiensten getötet worden sei: Steckte Fidel Castro hinter dem Mord? Die amerikanische CIA oder der sowjetische KGB? Oder die Mafia, zu der Jack Ruby Kontakte hatte? Wollte Ruby mit seiner Tat verhindern, dass Oswalds Auftraggeber auffliegen?

"Keine Verschwörung"

Fragen über Fragen, die Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson veranlassten, eine Kommission unter Vorsitz des Obersten Bundesrichters Earl Warren ins Leben zu rufen, die der Todesursache des Präsidenten nachgehen sollte. Der in zehnmonatiger Untersuchung erstellte Bericht der "Warren-Kommission" stützt sich auf Einvernahmen von 500 Zeugen und enthält mehr als 3.000 Beweisstücke. "Es gab keine Verschwörung", heißt es hier, "Lee Harvey Oswald hat drei Schüsse aus dem fünften Stock eines Lagerhauses auf Präsident John F. Kennedy abgefeuert und ihn dadurch getötet".

(kurier) Erstellt am
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