Joe Biden (mit Kamala Harris) hat schon nach der ersten Debatte verloren

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Politik Ausland
06/28/2019

Joe Bidens Ende: "Egal, meine Zeit ist abgelaufen"

US-Demokraten: Wie sich der Favorit Joe Biden vor laufender Kamera von einer Frau in die Enge treiben ließ.

von Dirk Hautkapp

Für einen Moment schaut Joe Biden wie ein entgeisterter Rentner drein, dem eine jüngere Frau in der Straßenbahn gerade frech den letzten Sitzplatz wegnimmt. Verständlich. Kamala Harris, Kaliforniens ehemalige Generalstaatsanwältin und heutige Senatorin, hatte dem Ex-Vizepräsidenten soeben den Fehdehandschuh hingeworfen. Jenem als Partei-Fossil geltenden Politiker (76), der in Umfragen seit Wochen als Favorit der Demokraten für das Duell ums Weiße Haus 2020 gilt. Vor den Augen ihrer acht Mitstreiter und einem Millionen-Publikum an den Fernsehern.

Das geschah mit einer Unerbittlichkeit, die bei der ersten von mindestens drei TV-Debatten am Donnerstag in Miami symptomatisch andeutete, was bis zum offiziellen Start der Vorwahlen im Februar nächsten Jahres ansteht: Ambitionierte Frauen schicken alte, weiße Männer zum Spießrutenlaufen.

Der Anlass: Biden verkauft sich als der einzige Brückenbauer im auf 25 Personen angeschwollenen Feld jener Demokraten und Demokratinnen, die Donald Trump verdrängen wollen. Als Nachweis für seine Gabe, mit den Republikanern Kompromisse finden zu können, rühmte sich Biden neulich salopp seiner guten Kontakte zu zwei Senatoren, die Anhänger der Rassentrennung von Schwarzen und Weißen waren. Für die dunkelhäutige Harris (54), Tochter von Einwanderern aus Indien und Jamaika, eine Steilvorlage für eine sorgfältig vorbereitete Demontage.

„Schmerzhaft“

Sie nannte Bidens Worte zur Segregation „schmerzhaft“ und ging den Parteikollegen so scharf an, dass kurzzeitig die Luft auf der Bühne zu brennen schien. Biden reagierte mit verdatterten Rechtfertigungen. Fast resignativ endete der Mann, der vor kurzem noch damit prahlte, Donald Trump „hinter der Turnhalle zu verprügeln“, mit einem Satz, den ihm die Gegenseite in Video-Montagen um die Ohren hauen wird: „Egal, meine Zeit ist abgelaufen.“ Gemeint: die ihm zustehende 30 Sekunden Konter-Redezeit.

 

Schon am Vortag, als die anderen zehn demokratischen Möchtegern-Trump-Herausforderer zwei Stunden lang um Sympathien für sich buhlen durften, war es eine Frau, die den nachhaltigsten Eindruck hinterließ: Elizabeth Warren. Die 70-jährige Senatorin aus Massachusetts, eine leidenschaftliche Streiterin gegen die wachsende Einkommensungleichheit, strahlte in ihrer weniger prominent besetzten Runde Ruhe und Themensattelfestigkeit aus. Was sie zum Kampf gegen Korruption, über die Vorteile einer staatlichen Krankenversicherung nach europäischem Vorbild oder den toxischen Einfluss des großen Geldes auf die US-Politik zu sagen hatte, klang authentisch, durchdacht und frisch.

Was vor allem Bernie Sanders sorgen muss. Der 77-Jährige, der 2016 parteiintern Hillary Clinton gefährlich nahe kam und jetzt hinter Joe Biden an zweiter Stelle in den Umfragen rangiert, propagiert immer noch die große Revolution gegen Groß-Konzerne, Pharma-Industrie und den „militärisch-politischen Komplex“. Sein Auftritt wirkte im Rückblick wie das hundertste Abspielen einer LP, die alle schon kennen.

Elizabeth Warren hat mit ihm große thematische Schnittmengen, wirkt jedoch unverbrauchter. Sie darf sich zu den Gewinnern des politischen Schaulaufens zählen.

Ausnahmslos alle Kandidaten und Kandidatinnen wollen in den Bereichen Steuern, Wirtschaft, Klimaschutz, Einwanderung, Gesundheit, Militär und Auswärtiges die Politik des Amtsinhabers, der vereinzelt als größte Gefahr für den Weltfrieden titulierte wurde, an breiter Front zurückdrehen.

Favoriten-Verschiebung

Vor der zweiten TV-Debatte in vier Wochen rechnen Analysten damit, dass sich im vor dem Rest liegenden Fünferfelde die Akzente in den Umfragen verschieben werden: Joe Biden, Bernie Sanders, Kamala Harris, Elizabeth Warren und Pete Buttigieg (37-jähriger Bürgermeister von South Bend/Michigan). Zu Lasten der Oldies Biden und Sanders, die zusammen 153 Jahre auf die Waagschale bringen. Zum Vorteil von Kamala Harris und Elizabeth Warren.