Stellvertreterkrieg? Iran auf der einen, Saudi Arabien auf der anderen Seite

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Politik | Ausland
12/18/2015

Jemen: Der geduldete Krieg

In Jemen tobt ein Stellvertreterkrieg zwischen Huthis (vom Iran unterstützt) und der Regierung (mit Hilfe der Saudis). Etliche Städte sind zerstört.

6000 Tote, 2,3 Millionen im Land Vertriebene, 170.000 ins Ausland Geflüchtete, 73.000 zerstörte Häuser, 140 zerstörte Schulen. Das ist die Bilanz der nun fast 300 Tage andauernden Luftangriffe einer von Saudi Arabien geführten Allianz gegen die Huthi-Rebellen im Jemen. Seit neun Monaten ist die Bevölkerung dem Bombenhagel ausgesetzt. Jetzt werden an einem geheim gehaltenen Ort in der Schweiz Friedensverhandlungen abgehalten. Am Dienstag trat zu diesem Zweck im Jemen ein einwöchiger Waffenstillstand in Kraft – der allerdings nicht einmal einen Tag hielt. Weiter wird um die Stadt Taiz und die wichtige Meeresenge Bab al-Mandeb gekämpft. Weiter sterben Menschen. Viele davon sind Zivilisten. Etliche andere haben ihre Häuser verloren, fast sieben der 21 Millionen Jemeniten leiden Hunger, 82 Prozent der Bevölkerung sind laut UNO von der Armut bedroht – von Bomben aus der Luft ebenso.

Auswirkungen

Auch wenn der Jemen auf der Landkarte weit entfernt ist, könnten die Folgen des Konflikts auch in Europa merkbar sein. Spätestens wenn sich immer mehr Jemeniten unter den Flüchtlingen befinden, oder wenn der Ölpreis steigt, was bei Instabilitäten in der wichtigen Meeresenge Bab al-Mandeb – die 3,8 Millionen Barrel Öl passieren müssen – realistisch ist.

Doch wie hat der Konflikt, der im März eskaliert ist, eigentlich begonnen?

Die Huthis, auch Ansar Allah genannt, ist ein zaiditisch-schiitischer Stamm aus dem Nordjemen. Der schiitische Iran gilt seit einiger Zeit als dessen "Schutzmacht". Lange Zeit war der Stamm wirtschaftlich marginalisiert und stand daher in Konflikt mit der sunnitischen Zentralregierung, auch schon unter Präsident Saleh (der mittlerweile an der Seite der Huthis steht).

Als dieser sich im Zuge des Arabischen Frühlings, der 2011 begonnen hatte, zurückziehen musste, wurde Abed Rabbo Mansur Hadi als international unterstützter Interimspräsident eingesetzt. In dem Machtvakuum rund um den Präsidentenwechsel begannen sich die Huthis gewaltsam vom Norden des Landes aus auszubreiten bis es ihnen sogar im September vergangenen Jahres gelang, die Hauptstadt Sanaa zu besetzen. Präsident Hadi rettete sich zunächst in die südliche Hafenstadt Aden, und als ihm die Huthis folgten, weiter in den Schutz Saudi Arabiens. Dort rief er die Golfstaaten um Hilfe gegen die Rebellen.

"Entschlossenheit"

Seit März fliegt eine von Saudi Arabien angeführte Allianz aus mehreren Staaten, darunter Bahrain, Kuwait, Katar und die Vereingten Arabischen Emirate Luftangriffe im Jemen. Vielfach kritisiert, vor allem von Amnesty International, weil ein Großteil der Opfer Zivilisten sein sollen. Die NGO spricht von Kriegsverbrechen.

Saudi Arabien taufte die Operation "Sturm der Entschlossenheit". Das Ziel ist einerseits die Wiedereinsetzung von Hadi als Präsident, die Golfstaaten werden dabei auch vom Westen unterstützt – etwa USA, Großbritannien und Frankreich. Hadi gilt als Garant für die USA, weiter Drohnenangriffe auf mutmaßliche Terroristen fliegen zu können.

Stellvertreterkrieg

Doch viele sagen Riad noch eine zweite Motivation nach, diesen Krieg zu kämpfen: Riad will mit allen Mitteln verhindern, dass der schiitische Erzfeind Iran, der den Huthi-Vormarsch 2014 angeblich militärisch unterstützt haben soll, weiter an Einfluss im Nachbarland gewinnt.

Doch Kommentatoren mahnen, nicht in die Falle zu treten, einen weiteren Religionskonflikt zwischen Schiiten und Sunniten/Wahabiten hinter dem auch vom Westen "geduldeten" Krieg zu vermuten. Der bitterarme Jemen sei ein Land, in dem bisher Schiiten und Sunniten gemeinsam in den Moscheen beteten.

Söldner

Im Moment tobt ein erbitterter Kampf um die Stadt Taiz und um die Kontrolle der strategisch wichtigen Meerenge Bab al-Mandeb am Roten Meer. Nachdem eine Huthi-Rakete ein Lager der Saudi-Allianz getroffen hat, seien laut Rebellen 146 Leichen nach Aden gebracht worden. Darunter seien zumindest 42 Ausländer gewesen. Die meisten waren Kolumbianer, aber angeblich auch Männer aus Großbritannien und Frankreich. Wie die New York Times vor mehreren Jahren aufdeckte, bauen die Vereinigten Arabischen Emirate mithilfe einer amerikanischen Sicherheitsfirma eine Söldnerarmee auf, die den schwächelnden Golf-Armeen in kritischen Situationen unter die Arme greifen soll – etwa auch bei einem möglichen Aufstand gegen das Regime zuhause. Die Lateinamerikaner werden für ihren Einsatz für ihre Verhältnisse reichlich entlohnt. Jetzt dürften rund 450 Söldner, die zu einem großen Teil aus Kolumbien kommen, im Jemen eingesetzt werden.
Die Söldnerarmee ist nur ein weiterer Puzzlestein in dem Chaos, das zu allem Überfluss einen willkommenen Nährboden für Extremisten bietet. Die El Kaida auf der Arabischen Halbinsel, ein Arm der Terrorgruppe, hatte sich bereits in den Jahren nach den Aufständen von 2011 im Südosten des Landes eingebettet.

Und die Terrormiliz "Islamischer Staat" wird immer stärker. Zuletzt tötete eine IS-Bombe den Gouverneur der Provinz Aden. Mehrere Dutzend der 6000 Opfer gehen auch auf das Konto der Dschihadisten.