Instagram-tauglich und ultra-konservativ: Japans neue Machtformel

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Premierministerin Takaichi und ihre konservative LDP sichern sich die absolute Mehrheit im Unterhaus. Für den Inselstaat bedeutet das wohl einen historischen Bruch mit seinem pazifistischen Erbe.

Der Lieblingssnack einer Regierungschefin ist in den seltensten Fällen wahlentscheidend. Anders in Japan.

Nagoya Tempura heißen die Reiswaffeln mit Garnelengeschmack von der traditionsreichen Süßwarenfirma Bankaku Sohompo. Sie sind limitiert, werden nur am Bahnhof Nagoya und nicht online verkauft. Als die japanische Premierministerin Sanae Takaichi Anfang Jänner eine solche Packung lächelnd in die Kamera hielt, sorgte das für einen extremen Nachfrageboom.

Doch es sind nicht nur Takaichis Essensvorlieben, die mittlerweile Kult sind: Ihre Handtasche ist ausverkauft; der pinke Stift, den sie verwendet, vergriffen; in den Geschäften zieren unzählige Produkte ihr Gesicht. Umfragen zufolge genießt sie bei den unter 30-Jährigen Zustimmungsraten von rund 60 Prozent – doppelt so viel wie ihre eigene Partei.

Die enorme Popularität der 64-jährigen Regierungschefin hatte sie dazu veranlasst, vorzeitig Neuwahlen für das Unterhaus auszurufen, die sie am Sonntag auch gewann – und zwar haushoch.

Die Hardlinerin hat mit ihrer konservativen Liberaldemokratischen Partei (LDP) eine deutliche absolute Mehrheit von mindestens 300 der 465 zu vergebenden Sitze erzielt. Gemeinsam mit den Sitzen des Koalitionspartners, der Erneuerungspartei, dürfte es sogar für eine Zwei-Drittel-Mehrheit reichen. Ein extremer Erfolg für die LDP, die in Japan nahezu ununterbrochen seit über 70 Jahren regiert – und der die Zukunft des Landes historisch bestimmen dürfte.

Woran liegt Takaichis Triumph?

Wahlkampf im eisigen Japan.

Wahlkampf im eisigen Japan: Sanae Takaichi in Tokyo.

Weniger daran, dass sie die erste Frau ist, die jemals den ostasiatischen Inselstaat reagierte, sondern dass sie die LDP von ihrem elitären Alt-Männer-Image zu befreien versucht. Erst im Oktober hat sie die LDP nach Skandalen und internen Grabenkämpfen übernommen; in den Jahren zuvor waren die Inflationsraten extrem gestiegen, die Bevölkerung klagt über hohe Preise. Noch im Sommer verlor die LDP bei den Parlamentswahlen die Mehrheit im japanischen Unter- und Oberhaus, stellte eine Minderheitsregierung. Viele Wähler waren zur aufsteigenden Rechtspartei Sanseitō gewechselt.

"Japan first"-Politik

Neben der perfekten Inszenierung in den sozialen Netzwerken – mit dem südkoreanischen Regierungschef spielte sie im blauen Jogginganzug Schlagzeug zu "Dynamite" von den K-Pop-Stars BTS –, sind es auch die extrem konservativen Inhalte, die Takaichi so hohe Beliebtheitswerte bescheren. Sie verspricht einen außenpolitischen Kurswechsel, weg vom seit dem Zweiten Weltkrieg geltenden Pazifismus im Land, und eine Stärkung der nationalen wirtschaftlichen und militärischen Autonomie.

Trotz einer Staatsverschuldung von 230 Prozent des BIP will sie die staatlichen Ausgaben deutlich erhöhen und Geld in Schlüsselindustrien und Aufrüstung stecken. Angesichts des jetzigen Wahlergebnisses ist es auch wahrscheinlich, dass Takaichi die Verfassung revidiert. Die verbietet ein kriegsfähiges Militär und beschränkt den Einsatzbereich auf "Selbstverteidigungskräfte" – den Rechtskonservativen ist das seit je ein Dorn im Auge.

Doch angesichts der geopolitischen Unsicherheiten, dem selbstbewussten Auftreten Chinas im Südchinesischen Meer und der Unzuverlässigkeit des wichtigsten Bündnispartners, den USA unter Donald Trump, stößt sie damit bei vielen Japanern auf Unterstützung. Noch dazu bei den jungen Wählern, die mit dem Nachkriegspazifismus wenig anfangen. Verteidigungsminister Shinjiro Koizumi erklärte am Sonntag gegenüber Reportern, er wolle die Stärkung der japanischen Verteidigung "zügig" antreiben, und gleichzeitig den Dialog mit China fortsetzen.

Takaichis Kultstatus hat unter jungen Wählern längst einen eigenen Namen: Sanakatsu. Darunter verstehen sie einen praktischen Modestil und eine hohe Arbeitsmoral. Angesprochen darauf zitiert Japan Today die Regierungschefin: Sie fühle sich ein bisschen unter Druck gesetzt. Trotzdem freue sie sich, wenn es dazu beitrage, dass junge Leute sich mehr für Politik interessieren.

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