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Politik Ausland
02/19/2021

Italiens erster Covid-Patient: Seine Ärztin erinnert sich

Annalisa Malara über den ersten Corona-Fall und ihre Hoffnungen und Ängste.

von Andrea Affaticati

Genau ein Jahr ist es her, seit jenem 20. Februar, als der erste in Europa infizierte Coronavirus-Patient in Italien und somit in Europa entdeckt wurde.

Ein paar Tage davor hatte man bei einer Untersuchung im Krankenhaus von Codogno, einer Kleinstadt knapp 60 Kilometer südöstlich von Mailand gelegen, beim 38-jährigen Mattia Maestri eine leichte einseitige Lungenentzündung festgestellt. Dann hatte man ihn, angesichts seiner sonst guten gesundheitlichen Verfassung, mit Antibiotika wieder nach Hause geschickt. 36 Stunden später hatte sich sein Zustand aber so dramatisch verschlechtert, dass er doch noch einmal in die Notaufnahme fuhr.

Eigeninitiative der Ärzte

„Bei der Untersuchung stellte ich fest, dass die Entzündung mittlerweile auch den anderen Lungenflügel angegriffen hatte“, erzählt die Anästhesistin Annalisa Malara bei einer Videokonferenz mit der Auslandspresse in Italien.

Eine so rapide Verschlechterung bei einem ansonsten gesunden und jungen Mann machte sie stutzig. Zwar geisterten die Virologen damals noch durch Italiens Medien und versicherten, das Coronavirus würde nie und nimmer von China nach Europa überspringen. Malara ließ sich davon aber nicht beirren und ging den Kontakten, die der Mann in letzter Zeit gehabt hatte, nach. „Wir sprachen mit seiner Frau, die zu jener Zeit schon hochschwanger war, und erfuhren von einem Abendessen drei Wochen davor – mit einem Arbeitskollegen, der in China gewesen war.“ Und so veranlasste sie umgehend einen Abstrich.

Künstlicher Tiefschlaf

Das Ergebnis war, wie man weiß, positiv. Maestri wurde zum „Paziente numero uno“, wie man ihn hierzulande nennt. Fast zwei Wochen kämpfte der Mann um sein Leben in der Intensivstation. Dort wurde er in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt, beatmet und bäuchlings gelegt. Als er außer Gefahr war, kam er auf die subintensive Station. Das Krankenhaus durfte er erst am 23. März verlassen, gerade rechtzeitig, um bei der Geburt seiner Tochter am 7. April dabei zu sein.

Untersuchung ohne Schutz

Aus dieser Arzt-Patienten-Beziehung ist mittlerweile eine freundschaftliche zur Familie Maestri, zu der jetzt auch die kleine Giulia gehört, geworden. Wie könnte es auch anders sein, „denn so eine Erfahrung verbindet ein Leben lang“, meint Malara.

Für ihren Verdienst wurde Malara vergangenen Sommer auch von Präsident Sergio Mattarella mit einem Orden ausgezeichnet. Sie selber hebt jedoch hervor, dass die Auszeichnung allen Ärzten, dem Krankenhauspersonal, den Sanitätern und all jenen, die alles daran gesetzt haben, die Patienten zu pflegen und zu retten, gelte. „Freilich, der 20. Februar 2021 hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt“ sagt sie. Auch weil sie alle damals, sich der Gefahr noch nicht vollkommen bewusst, wortwörtlich mit bloßen Händen gegen das Virus kämpften.

Unglaubliches Glück

„Ich selber habe Mattia Maestri das erste Mal ohne Mundschutz untersucht, obwohl ich wusste, dass er eine virale Lungenentzündung hatte. Ich trug nur Handschuhe.“ Angesichts der vielen Opfer auch unter den Ärzten, besonders den Hausärzten, den Pflegern und allen anderen, die mit den Kranken in direktem Kontakt standen, habe sie unglaubliches Glück gehabt, sich bis jetzt nicht infiziert zu haben.

An die anfänglichen Fehler will sie gar nicht mehr denken, sagt sie. Als man zum Beispiel nur jene Menschen testete, die Kontakt zu Chinesen gehabt hatten oder zu Leuten, die aus China gekommen waren – oder die ein Krankheitsbild aufwiesen, das auf die Infektion zurückschließen ließ. Es dauerte eine Weile, bis man die Erkenntnis erlangte, dass auch unter asymptomatischen Menschen Infizierte sein könnten.

Das Ende des Abküssens

Heute arbeitet Malara im Mailänder Covid-Feldkrankenhaus, das während der ersten Welle auf dem Messegelände errichtet wurde. Obwohl der Tagesablauf weiter mühsam und auch gefährlich ist – ein Teil der Opfer der zweiten Welle infizierte sich beim An- und Ausziehen der Schutzkleidung – , sieht sie den nächsten Monaten doch etwas zuversichtlich entgegen. „Ich hoffe auf die Massenimpfung und auf die monoklonalen Antikörper, die im Labor hergestellt werden.“ Was sie aber auch befürchtet: Dass es auch in Italien mit dem herzlichen Umarmen und Abküssen für längere Zeit vorbei sein wird.

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