People sit in front of a water cannon truck in Istiklal Avenue in Istanbul, Turkey, Tuesday, July 9, 2013. Gezi Park remained open for the night after thousands of anti-government protesters broke their fast for the holy month of Ramadan by sitting down for a meal along a main Istanbul pedestrian street for a makeshift Ramadan banquet that stretched some 500 meters (yards) toward the city's landmark Taksim Square. (AP Photo/Vadim Ghirda)

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Istanbul
07/11/2013

Jugend setzt auf kreativen Protest

Auch nach dem gewaltsamen Vorgehen der Polizei geben die Demonstranten nicht klein bei.

In dieser heißen Juli-Nacht ist dies die letzte Fähre, die über die Bosporus-Gewässer vom europäischen Teil der türkischen Millionen-Metropole Istanbul zum asiatischen Teil gleitet. Das Schiff ist überfüllt – überwiegend junge Männer haben sich hineingepresst. Sie waren wieder einmal bei den täglichen Protesten am Taksim-Platz dabei und fahren nun nach Hause.

Tränengas, Wasserwerfer und Gummikugeln, so berichten Augenzeugen, habe die Polizei eingesetzt. Die Protestierenden auf der Fähre sind immer noch aufgeregt. „Weg mit der Regierung!“, skandieren sie. Dann, als das Schiff beim Haydapascha-Bahnhof anhält, fangen sie an zu rufen: „Haydarpascha gehört uns und steht nicht zum Verkauf!“

Haydarpascha wurde 1908 als Ausgangspunkt für die Eisenbahn von Istanbul in den asiatischen Teil der Türkei errichtet. Zwei deutsche Architekten – Otto Ritter von Kühlmann und Hellmuth Cuno – haben das Projekt geplant. Ende 2010 brannte das Dach des Gebäudes ab, und obwohl es immer noch für den Zugverkehr genützt wird, hat die Regierung beschlossen, dass man es nun zu einem Hotel und Einkaufszentrum umbauen soll.

„Die Proteste richten sich nicht nur gegen die Regierung“, sagt Gülcü Atilgan vom Istanbuler Institut Infakto Research Workshop zum KURIER. „Es gibt so viele Probleme in so vielen Gemeinden“, so der Politologe. Was er damit meint ist, dass man in der Türkei lange das Gefühl hatte, man könne gegen die Behörden nichts machen.

Kreativer Protest

In Istanbul sind viele alte Holzhäuser Geschichte geworden. Man baut lieber schnell ein Wohnhaus, ein Hotel oder ein Einkaufszentrum, anstatt alte Bauten zu restaurieren. Ästhetik wird oft zum Opfer der Profite, und die Einwohner haben dem einfach zugeschaut. Der Gezi-Park habe das aber nun geändert, so Atilgan. „Das ist das wichtigste Ergebnis dieser Proteste“, ist er überzeugt.

Dass viele junge Menschen, die an den Protesten teilnehmen, findet er auch interessant. „Man hat diese Generation immer beschuldigt, apolitisch zu sein“, sagt Atilgan. Nun habe sich herausgestellt, dass sie nicht nur politisch engagiert, sondern auch sehr kreativ sei. Ständig komme sie auf neue, kreative Formen des Protests.

So hat ein Mann, der Aktionskünstler Erdem Gündüz, nach den brutalen Einsätzen der Polizei gegen die Demonstranten einen passiven Protest gestartet, indem er sich eines Abends auf den Taksim-Platz stellte und – ohne ein Wort zu sagen – stundenlang einfach dastand. Viele folgten diesem Beispiel auch in anderen türkischen Städten.

Während der Besetzung des Gezi-Parks dekorierte man die Bushaltestellen im Umkreis mit Pölstern und Vorhängen und verwandelte sie so zu gemütlichen Ruheplätzen. Weil ein Nachrichtensender zu Beginn der Proteste eine Dokumentation über Pinguine zeigte, statt über die Massendemonstrationen zu berichten, begannen Demonstranten wie Pinguine zu marschieren. Aus der Beschimpfung Erdogans, sie seien alle „Lumpen“, wurden Lieder. Das Wort steht nun auf T-Shirts.

Bei einem Protest-Konzert im Istanbuler Bezirk Kadiköy dieser Tage – es trug den Titel „Gasmann-Festival“ – parodierten Demonstranten die Polizeieinsätze, spritzten mit Wasserpistolen und fuhren mit der Attrappe eines Wasserwerfers, wie ihn die Polizei regelmäßig gegen die Demonstranten einsetzt, spazieren.

Vor einigen Wochen tauchte dann mitten im Gefecht auf dem Taksim-Platz ein Mann mit einem Piano auf und spielte 14 Stunden lang. Diesmal war es der deutsche Musiker Davide Martello.

Zu friedlich

Dem 28-jährigen Emir, ein Theaterschauspieler, der von sich selbst sagt, er sei ein Anarchist, ist das alles aber zu friedlich. Er ist seit Anfang bei den Demonstrationen dabei und wird weiterhin auf den Taksim gehen, um den Rücktritt von Premier Recep Tayyip Erdogan zu verlangen. „Mit den Protesten können wir aber nichts verändern, weil diese friedlich sind“, meint er.

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