Israels Krieg im Libanon: "Es gibt Parallelen zum Gazastreifen“
Zeltstädte in Beirut: Viele Menschen aus dem Südlibanon haben im Krieg alles verloren.
Nabatieh, das war einst eine aufstrebende Stadt im Süden des Libanon: ein regionales Zentrum für Handel und Landwirtschaft, umgeben von Olivenhainen und Ackerfeldern und Heimat von rund 250.000 Menschen.
Heute ist das anders. Wer kann, hat die Stadt verlassen. Geschäfte sind geschlossen, viele Gebäude stehen leer oder liegen in Ruinen. Auf der nahegelegenen Burg Beaufort weht nach 26 Jahren inzwischen wieder die israelische Fahne.
Seit mehr als drei Monaten ist im Libanon der Krieg zurück. Damals, am 2. März 2026, feuerte die schiitische Hisbollah-Miliz aus Solidarität mit dem von den USA und Israel angegriffenen Iran Raketen auf den südlichen Nachbarn ab. Israel reagierte mit einer umfassenden Luft- und Bodenoffensive im Zedernstaat.
Seit dem 16. April gilt zwar offiziell ein Waffenstillstand, den allerdings weder die Hisbollah noch Israel einhalten. „Vor allem für den Süden des Libanon ist es seitdem sogar schlimmer geworden“, sagt Magdalena Penninger zum KURIER. Sie ist als Länderrepräsentantin des Österreichischen Roten Kreuz in Beirut im Einsatz.
Israel rückt weiter vor
Die israelische Bodenoffensive geht unentwegt weiter, Luft- und Drohnenangriffe stehen an der Tagesordnung – nicht nur entlang der Grenze, wo Israel eine kilometertiefe Pufferzone eingerichtet hat, sondern auch weiter Richtung Norden und in der östlichen Bekaa-Ebene. „Über die gelbe Linie hinaus gibt es fast täglich Evakuierungsanordnungen bis zum Litani- und dann weiter bis zum Sahrani-Fluss und auch in den Vororten von Beirut“, so die Oberösterreicherin. Ganze Dörfer und Landstriche wurden dem Erdboden gleichgemacht.
Ende Mai veröffentlichte das israelische Militär die erste Evakuierungsanordnung für Nabatieh. Seitdem ist die Frontlinie immer näher an die Stadtgrenze gerückt; israelische Streitkräfte sollen sich heute nur wenige Kilometer vom Zentrum entfernt befinden. Entsprechend groß ist die Sorge, dass sich die Armee auf eine Einnahme der Stadt vorbereiten könnte.
"Es gibt keine Bunker. Die Menschen sind bei Angriffen unter freiem Himmel, erzählt Magdalena Penninger vom
Österreichischen Roten Kreuz.
Mittlerweile ist bereits ein Fünftel des Libanon von Israel besetzt. Mehr als 3.600 Menschen wurden im Krieg getötet, über 10.000 weitere verletzt und 1,2 Mio. Menschen vertrieben. Die meisten fliehen in den Norden und nach Beirut.
Humanitäre Lage ist prekär
Das Rote Kreuz hilft bei der Betreuung der Vertriebenen. Die humanitäre Lage werde immer prekärer, schildert Penninger: „Es fehlt an allem – Nahrung, Wasser, medizinische Versorgung, Blutspenden.“ Für Hilfsorganisationen werde es immer schwieriger, Einsatzorte zu erreichen, da Infrastruktur wie Brücken zerstört sei. Vor allem aber gibt es zu wenige Unterkünfte – im ganzen Land sind es nur 630, in denen derzeit 136.000 Vertriebene untergebracht sind.
„Der Rest wohnt bei Verwandten, Bekannten oder – wer es sich leisten kann – in teuren Mietwohnungen.“ Viele seien jedoch obdachlos. In der Hauptstadt sind ganze improvisierte Zeltstädte entstanden – ohne Zugang zu Sanitäranlagen, Wasser oder Nahrung.
In Beirut selbst hat es zwar seit einigen Wochen keine israelischen Luftschläge mehr gegeben. Dennoch seien nahezu rund um die Uhr Drohnen über der Stadt zu hören. Ein Luftalarmsystem existiert nicht; Evakuierungsanordnungen erfolgen (wenn überhaupt) über soziale Medien. „Es gibt auch keine Bunker oder Sicherheitsräume. Die Menschen sind bei Luftangriffen einfach unter freiem Himmel.“
Spitze des Eisbergs
Die aktuelle Eskalation ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Der Krieg begann bereits 2024; schon damals wurden weite Gebiete im Süden verwüstet und viele Menschen vertrieben. Seit 2019 steckt der Libanon in einer tiefen Wirtschaftskrise, 2020 folgten die verheerende Hafenexplosion und die Pandemie.
Die Menschen seien von der Dauerkrise erschöpft, viele hätten jegliche Zukunftsperspektive verloren, so die Helferin. „Auch in Gebieten, wo die Häuser noch stehen, gibt es keine Strom- oder Wasserversorgung. Der Boden ist massiv kontaminiert. Es wird (geächtetes, Anm.) weißes Phosphor verwendet. Menschen, die von der Landwirtschaft lebten, können nicht weitermachen.“
International wird die Kritik am Vorgehen Israels lauter – auch, weil es viele an den Gazakrieg erinnert. „Es gibt auf jeden Fall Parallelen“, sagt Penninger. „Große Landstriche werden zerstört, auch Wohngebiete, wo Familien lebten. Es werden medizinische Einrichtungen angegriffen, die Opferzahl unter dem Gesundheitspersonal liegt bei mehr als 120, dazu kommen mehr als 300 Verletzte."
Seit Beginn der Eskalation sind auch zwei von Penningers Kollegen bei Luftschlägen getötet worden. Erst am Montag wurden im Süden des Landes vier weitere verletzt. „2024 haben wir so etwas nicht erlebt. Das humanitäre Völkerrecht wird in dem Konflikt weniger respektiert“, kritisiert die Helferin. In der kommenden Woche wollen die Vereinten Nationen Ermittler wegen möglicher Völkerrechtsverstöße in den Libanon entsenden.
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