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Vertriebene unter Verdacht: Die neue Logik der Angst im Libanon

Die israelischen Angriffe und die Angst, selbst zum Ziel zu werden, verändern das Zusammenleben im Land. Schiitische Vertriebene geraten unter Generalverdacht, zur Hisbollah zu gehören – und werden ausgegrenzt.
Aftermath of Israeli strikes in Beirut

Von Antonia Baumgartner

Hussein hat einen Rat an seinen jüngeren Bruder. Wenn er in Beirut unterwegs ist, soll er seinen Akzent verstellen, damit niemand hört, dass er aus dem Südlibanon kommt. Auch Hussein selbst ist vorsichtig geworden. Er ist 30 Jahre alt, schiitischer Muslim. Normalerweise, sagt er, hätte er kein Problem damit, seinen echten Namen in der Zeitung zu lesen oder offen über Politik zu sprechen. Diesmal aber schon, denn: „So viel Angst und Misstrauen wie heute gab es noch nie.“

Als Anfang März 2026 die Gewalt zwischen Israel und dem Libanon eskalierte, floh Husseins Familie aus dem Süden des Landes in die Hauptstadt. Wie mehr als eine Million andere Menschen mussten auch sie ihr Zuhause verlassen und sich in Sicherheit bringen. Doch statt auf Solidarität stießen sie auf Misstrauen. Die Nachbarn wollten die Familie nicht im Haus haben. Sie befürchteten, die Anwesenheit schiitischer Vertriebener könnte das Gebäude zum Ziel israelischer Angriffe machen.

Angst vor Vertriebenen

Die schiitische Glaubensgemeinschaft ist eine der größten im Libanon. Weil die Hisbollah – zugleich politische Partei und Terrormiliz – vor allem in schiitischen Regionen verankert ist, werden Schiiten oft mit der Organisation in Verbindung gebracht. „Für sie“, sagt Hussein und meint damit die Christen, Drusen und sunnitischen Muslime im Land, „sind Schiiten jene, die den Krieg in den Libanon gebracht haben“.

Und doch verstehe er, woher das Misstrauen komme: „Die Menschen haben Angst. Sie wollen nicht sterben.“ Israel verknüpfe die Hisbollah gezielt mit schiitisch geprägten Gebieten und Gemeinden.

So wie am 8. April. An diesem Tag, der von vielen Bewohnern Beiruts als „Schwarzer Mittwoch“ bezeichnet wird, griff Israel mehrere Ziele in der Hauptstadt an, unter anderem ein Wohngebäude im dicht besiedelten Viertel Tallet al-Khayyat. Ein Viertel, für das es zuvor keinen Evakuierungsaufruf gegeben hatte. Israel erklärte, Personen mit Verbindungen zur Hisbollah ins Visier genommen zu haben. Mehr als 250 Menschen wurden nach Angaben des libanesischen Zivilschutzes bei den Angriffen getötet.

Genau deshalb seien viele Menschen gegenüber neuen Nachbarn aus dem Süden misstrauisch geworden, erzählt eine Frau mittleren Alters, die auf einem Markt in Ost-Beirut ihre handgefertigten Produkte verkauft. Die Vertriebenen täten ihr leid. Auf die Frage, ob sie selbst eine Flüchtlingsfamilie bei sich unterbringen würde, schüttelt sie jedoch den Kopf. Es sei einfach nicht sicher, Leute bei sich aufzunehmen.

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Religiös gespalten

Ausgelöst hatte die Krise die Hisbollah selbst: Als Reaktion auf den US-israelischen Krieg gegen den Iran begann die Terrormiliz im März mit Raketenangriffen auf Israel. Die libanesische Regierung verurteilte den Bruch des Waffenstillstands und untersagte jegliche militärische Aktivität; Israel reagierte mit Luftangriffen im ganzen Land und einer Bodenoffensive.

Dass Religion dabei so leicht zu Spaltungen innerhalb der Gesellschaft führt, überrascht Sabrina Kaschowitz nicht. Sie war zuletzt in Beirut als politische Analystin für die Friedrich-Ebert-Stiftung tätig.

Seit der Unabhängigkeit 1943 teilt das sogenannte konfessionelle System die politische Macht im Land zwischen den Religionsgemeinschaften auf – so ist der Präsident etwa immer Christ, der Ministerpräsident Sunnit und der Parlamentspräsident Schiit. Das sollte Stabilität schaffen, hat religiöse Identitäten aber gleichzeitig tief im politischen und gesellschaftlichen Leben verankert.

„Der Libanon wird oft als pluralistisches Land wahrgenommen. Gleichzeitig hat das konfessionelle System immer wieder Krisen hervorgebracht und die Entstehung einer gemeinsamen nationalen Identität erschwert“, erklärt Kaschowitz.

Israel launches wide-scale air attacks on Beirut and multiple areas throughout Lebanon

Nach jedem Angriff fliehen tausende Schiiten in den Norden.

Häufige Fragen

Die Expertin sprach mit Menschen auf der Straße, in Cafés und auf Märkten. Viele berichten, sie würden heute häufiger gefragt, woher sie kommen, welcher Religionsgemeinschaft sie angehören oder wer neu in die Nachbarschaft gezogen sei. Für Kaschowitz ist klar: „Das hat mit den israelischen Angriffen zu tun und wie dadurch Angst entlang konfessioneller Linien kanalisiert wird.“

Dabei verweist sie auf Berichte, wonach israelische Militärvertreter christliche und drusische Gemeinden im Südlibanon dazu aufgefordert haben sollen, schiitische Bewohner aus ihren Orten zu vertreiben. Die meisten Menschen würden schiitische Vertriebene nicht ablehnen, weil sie Schiiten seien, so Kaschowitz. Sie hätten Angst, selbst Ziel eines Angriffs zu werden.

Inzwischen hat Husseins Familie ihre Unterkunft in Beirut verlassen und ist in ein Dorf östlich der Hauptstadt gezogen. Bleiben wollen sie aber nicht. Sobald sich die Lage verbessert, möchten sie zurück in den Süden. Hussein hofft auf eine Rückkehr zur Normalität, in der die Menschen aufhören, einander als Bedrohung zu sehen – und in der niemand überlegen muss, ob sein Akzent ihn verdächtig macht.

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