Islamischer Staat, das Utopia des Islamismus – kommuniziert werden Heldenmythen und Freundschaft zwischen Gleichgesinnten. Die Realität hingegen ist blutig und brutal.

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Islamischer Staat
10/05/2014

Al-Rakka: Wo das Gesetz der Gotteskrieger herrscht

Hinter der Miliz steckt eine raffinierte PR-Maschine – die Glanz und Gloria predigt. Die Realität sieht ganz anders aus.

von Stefan Schocher

Der Islamische Staat, das ist mehr als eine Terrormiliz. Mehr als ein Haufen mordender Gewaltfanatiker. Es ist eine Marketingmaschine, ein PR-Exportgut, ein System, das seine Methoden hat und weltweit seine Zielgruppen bedient. Das wichtigste Kommunikationsmittel: Bilder und Videos.

Da sind die bekannten Videos, in denen Gewalt auf das grausamste zelebriert wird, gerechtfertigt durch Glauben und Unglauben. Da sind die Hochglanz-Videos, in denen zur Schau gestellte Männlichkeit gegen den Unglauben kämpft, ein durchdringender Opfer-Mythos inszeniert wird (man verteidigt sich ja nur gegen Aggressoren), unterlegt mit kriegerischen Liedern, deren Texte auch auf Deutsch gesungen werden. Und dann sind da die Wohlfühl-Nachrichten: Lachende Menschen, Kämpfer in voller Montur mit leuchtenden Augen und perfekten Zähnen mit Kindern am Arm oder Schaukeln anstupsend, die Muslime aller Welt dazu einladen, zu kommen. Süßigkeiten werden verteilt. Ein Mann, der angibt aus Südafrika zu stammen, sagt auf einem dieser Videos: "Kommt, es ist eine riesige Party hier." Ein anderer, er sagt, er sei Brite, behauptet: "Hier sind wir frei, wir werden nicht unterdrückt, wir leben nicht unter dem Diktat der Ungläubigen – wir brauchen keine Demokratie, wir brauchen keinen Kommunismus, wir brauchen nur den Koran und die Sharia."

"Wir werden nicht unterdrückt, wir leben nicht unter dem Diktat der Ungläubigen"

Zitat aus einem IS-Propagandavideo

Von der Realität in diesem vermeintlichen Paradies zu berichten, weiß Abo Ward al Rakki. So nennt er sich selbst, der junge Mann. Seinen wirklichen Namen preiszugeben, käme Selbstmord gleich. Denn dadurch, was er tut, macht er sich im Islamischen Staat zu so etwas wie einem Staatsfeind. Er berichtet. Er dokumentiert das Geschehen in einem Gebiet, das zu einem schwarzen Informationsloch geworden ist. Ausländische Journalisten haben keinen Zugang. Abo Ward al Rakki gehört der Aktivisten-Gruppe "Rakka is being slaughtered silently" an und liefert der Welt die Videos, die der IS nicht zeigen möchte. Es sind verwackelte Aufnahmen von Kreuzigungen, Hinrichtungen oder einfach ungeschönte Alltagsszenen.

Detail am Rande: Fotografieren oder Filmen ist streng verboten – außer die Propaganda-Truppe Al-Hayat rückt an. Und so dreht sich die Welt des jungen Mannes um solche Begriffe wie "sicheres Haus" oder "sichere Leitung". Ein Freund wurde gefangen und weggebracht, weil er filmte. Nach drei Tagen wurde seiner Familie die Leiche zugestellt. "Für die sind wir keine Muslime", sagt Abo Ward. Pause: "Vielleicht bin ich der Nächste."

"Es ist ruhig geworden in der Stadt", berichtet er dem KURIER. Seit Beginn der Luftangriffe seien die meisten Kämpfer aus Rakka abgezogen und in kleinen Verbänden nahe der Stadt stationiert worden, um den Luftangriffen zu entgehen.

"Niemand geht aus dem Haus, die Läden haben meist nur wenige Stunden offen – die Menschen gehen nur schnell das Nötigste besorgen und danach gleich wieder nach Hause – es ist kein Leben in der Stadt." Als alles umfassende Angst beschreibt er die Situation – Angst vor den Bewaffneten, vor deren Willkür. "Nur keiner tut etwas." Wer sich erhebe, werde einfach getötet. "Töten", so sagt der Aktivist, "das ist hier so einfach geworden."

"Töten, das ist hier so einfach geworden."

Abo Ward al Rakki, Aktivist

Aber anders als die afghanischen Taliban, die als einziges Hightech-Gerät eine AK-47 akzeptieren, ist der IS ein hochtechnologisierter Apparat. "Sie haben Leute, die die sozialen Medien auswerten, Profile anlegen, Passwörter knacken, die hacken und Daten auswerten", sagt Abo Ward. Und sie haben schwere Waffen – und reichlich Zulauf. Schweizer hat er gesehen, Amerikaner, Australier und Briten. Die Mehrzahl der Kämpfer seien Syrer – in den wichtigen Positionen aber säßen die Ausländer, die sich jetzt alle versteckten vor den Luftangriffen.

Bisher, so sagt Abo Ward, würden diese Angriffe präzise verlaufen. Zivile Opfer gäbe es zumindest in Rakka noch nicht. Für ihn besteht auch noch Hoffnung, dass sich die Angriffe auf Assads Armee ausweiten werden. "Assad hat uns abgeschlachtet und niemand hat einen Finger gerührt – als sie den IS bekämpfen wollen, haben sie auch nicht die UNO gefragt. Assad ist nicht besser als der IS." Nur mit Luftangriffen werde man nicht gewinnen können, ein Ausweg sei die Aufrüstung der Freien Syrischen Armee: "Diese Leute sitzen hier in Rakka, aber sie haben keine Waffen."

"In zwei oder drei Stunden werden wieder die Bomben fallen", sagt Abo Ward. Das Gespräch ist zu Ende. Und morgen wird er wieder einen ganz normalen Tag im Islamischen Staat durchleben. "Ich kann nicht gehen, ich habe meine ganze Familie hier, wir können nicht weg – aber jetzt", und damit meint er diesen Augenblick, "ist alles okay, alles ist ruhig."

Syrien-Hilfe: Weil der Krieg auch uns treffen kann

Szenen aus "Hauptstadt des IS"

Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS)

An die 30.000 Männer kämpfen derzeit in Syrien und im Irak in den Reihen des dschihadistischen "Islamischen Staates". Etwa ein Zehntel von ihnen sind Europäer, die in den "Heiligen Krieg" zogen. Allein aus Österreich haben sich an die 140 Männer und auch einige Frauen dem IS angeschlossen.

Das Kalifat

Nach der Eroberung der irakischen Stadt Mossul rief der IS Ende Juni das Kalifat aus. Das Gebiet reicht durchgehend vom Westen Syriens bis in die irakische Provinz Diyala im Osten des Zweistromlandes. IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi wurde zum Kalifen bestimmt, also zum "Nachfolger" oder "Stellvertreter des Gesandten Gottes". Hier wollen die radikal-sunnitischen Kämpfer ihren "Gottesstaat" realisieren – nach den Vorgaben der Scharia und ihren eigenen, extrem grausamen Regeln. Hunderttausende Menschen wurden aus ihren Gebieten vertrieben. Andersgläubige, Minderheiten, aber auch moderate Sunniten wurden von den IS-Milizionären zu Tausenden massakriert.

Wo IS Gebiete kontrolliert

Das Schicksal der Flüchtlinge aus Syrien bewegt die Österreicher. Viele wollen helfen. Der KURIER zeigt, wie und wo Ihre Unterstützung am wirkungsvollsten ist. Beteiligen Sie sich an der Aktion, helfen Sie den Menschen in Not aus Syrien. Wie das geht, erfahren Sie hier.

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