Verwandte des auf bestialische Weise ermordeten jordanischen Piloten bei einer Kundgebung am Mittwoch in Amman.

© REUTERS/MUHAMMAD HAMED

IS-Terror
02/04/2015

Kairoer Imam fordert Aug’ um Aug’

Kreuzigungen und Steinigungen gegen Milizionär empfohlen. Jordanien richtet Terroristen hin.

von Andreas Schwarz

Die Empörung des Westens über die barbarischen Geiseltötungen der Terrormiliz "Islamischer Staat" ist bekannt – jedes Video von der Köpfung eines amerikanischen, britischen oder zuletzt japanischen Gefangenen hat die internationale Allianz gegen die IS-Milizen bisher noch fester zusammengeschlossen.

Doch zunehmend werden die IS-Mörder, die ja auf ihrem Feldzug in Syrien und im Irak vor allem andere Muslime auf dem nicht vorhandenen Gewissen haben, auch in der islamischen Welt verurteilt und verdammt. Gestern vom zuletzt unmittelbar betroffenen Jordanien und von einem einflussreichen Großmufti in Ägypten.

Rache-Hinrichtungen

Nur wenige Stunden nach der Veröffentlichung eines Videos, das die Verbrennung des im Dezember gefangen genommenen jordanischen Kampfpiloten Muath al-Kassaesbeh bei lebendigem Leib zeigt (mehr dazu hier), hatte Jordanien am Mittwochabend bereits die Hinrichtung einer irakische Terroristin angekündigt. Und zwar genau jener Sadschida al-Rischawi, die wegen eines Bombenanschlags in Amman mit 60 Toten längst zum Tode verurteilt worden war und seit zehn Jahren in Haft saß. Der "Islamische Staat" hatte die Terroristin im Tausch gegen den jordanischen Piloten aus ihrer Haft freipressen wollen – obwohl einige Experten stark vermuten, dass der Pilot schon Anfang Jänner getötet worden sein dürfte. Die "Verhandlungen" zwischen IS und Jordanien bzw. auch Japan (der IS forderte Lösegeld für zwei Geiseln) wären damit von vornherein nur Hohn gewesen.

Am frühen Mittwochmorgen jedenfalls wurden Al-Rischawi und ein weiterer Islamist in Jordanien hingerichtet. Amman drohte dem IS zudem eine "Welt-erschütternde Antwort" an. Auch der Vater des Piloten forderte Rache: "Das Blut meines Sohnes ist noch nicht gesühnt." Die Forderung Safi al-Kasaesbehs hat durchaus reales Gewicht: Er stammt aus dem einflussreichen Bararsheh-Stamm im Süden Jordaniens, der loyal zum Königshaus steht, aber zugleich über politischen Einfluss verfügt.

"Kreuzigungen"

Gleichzeitig hat die in der islamischen Welt viel geachtete Azhar-Universität in Kairo die Gewaltakte des "Islamischen Staates" scharf verurteilt. Der IS sei eine "teuflische" Organisation, die einen Krieg gegen Gott führe, sagte Großmufti Scheich Ahmed al-Tajib in einer am Mittwoch in Kairo veröffentlichten Erklärung.

Ihre Barbarei werde von Gott nicht anerkannt, fügte der Imam an, und: Man müsse die Terroristen auf die gleiche Weise bestrafen – Kreuzigungen und Verstümmelungen inbegriffen.

Obwohl die Dschihadisten sich auf islamische Rechtsprechungen beriefen, gebe es keinerlei Grundlagen, die die von ihnen verübte Art der "Strafe" rechtfertigen, sagte Al-Tajib. "Das ist ein bösartiger Akt, der von allen Religionen abgelehnt wird."

Der Imam sprach dem jordanischen König Abdullah II. und der jordanischen Bevölkerung sein Beileid zum Tod des Piloten aus.

Al-Tajib ist Imam der Al-Azhar-Moschee, die zur Universität gehört. Die Al-Azhar ist mit ihrer Rechtsprechung für Millionen Muslime sunnitischer Glaubensrichtung wegweisend. Der "Islamische Staat" rekrutiert sich ausschließlich aus Sunniten und Wahabiten.

Koran-Streit um Feuertod

Die Verbrennung einer Geisel des IS hat auch in islamistischen Kreisen theologische Debatten losgetreten. Denn im Koran steht: "Niemand darf mit dem Feuer betrafen außer Gott." Das IS-Ministerium für "Rechtsgutachten und Forschung" veröffentlichte rasch eine Fatwa. Darin heißt es, der Ausspruch des Propheten sei nicht wörtlich gemeint, sondern "Ausdruck menschlicher Demut". Beachtenswert – denn an sich beansprucht der IS für sich den Koran streng wörtlich auszulegen.

Berlin bremst Islamisten-Reisen

Die Bundesregierung will den Zug deutscher Islamisten in die Kriegsgebiete des Dschihad eindämmen. Dazu beschloss das Kabinett die Erhöhung des Strafmaßes für Personen, die "zum Zweck einer schweren staatsgefährdenden Straftat" ins Ausland reisen. Darunter fällt neben schweren Gewalttaten auch Ausbildung. Bereits der Versuch der Ausreise zu dem Zweck kann künftig mit sechs Monaten bis zehn Jahren Haft bestraft werden.

Die Gesetzesnovelle verschärft auch den Tatbestand der Terrorismusfinanzierung: Ab jetzt ist jede Art von Sammlung und Unterstützung strafbar, bisher galt das nur für "nicht unerhebliche Vermögenswerte".

"Wir machen Deutschland sicherer", sagte Justizminister Heiko Maas (SPD) im Hinblick auf die Gefährdung durch Rückkehrer aus dem Dschihad. Die Behörden rechnen mit gut 550 ausgereisten deutschen Kämpfern, ein Zehntel davon soll umgekommen sein, 180 sollen inzwischen zurückgekehrt sein. 230 Islamisten gelten als "Gefährder".

Skeptisch zu den Strafverschärfungen sind die Grünen, sie hegen Verfassungsbedenken. Die Gewerkschaft der Polizei begrüßte den Vorstoß, warnte aber vor Überlastung: Es werde schwer sein, im Einzelfall gerichtsfeste Beweise zu beschaffen. Die meisten Tipps auf ausreisende Islamisten kommen aus dem Verwandtenkreis.

Mit der Novelle erfüllt Berlin eine UN-Resolution gegen "ausländische Kämpfer" aus dem Vorjahr.

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