Wie geht es weiter? 3 Zukunftsszenarien für den Iran

Bürgerkrieg, neues repressives System, Demokratie sind mögliche Folgen für den Iran. Die eigentliche Opposition sieht der Experte in der Zivilgesellschaft.
IRAN-ISRAEL-US-WAR

Der gebürtige Iraner und ehemalige UNO-Diplomat Homayoun Alizadeh sieht für den Iran drei mögliche Zukunftsszenarien: Bürgerkrieg, ein neues repressives System oder einen schrittweisen Übergang zur Demokratie. Trotz des Todes von Revolutionsführer Ali Khamenei schätzt er das Regime im Gespräch mit der APA am Montag als stabil ein. Die eigentliche Opposition im Land sieht er in der Zivilgesellschaft, weniger im Monarchen-Sohn Reza Pahlavi.

Als erstes Szenario skizziert Alizadeh angesichts der militärischen Angriffe der USA und Israels innerstaatliche Konflikte. Iran sei ein Vielvölkerstaat, "ich kann mir durchaus vorstellen, dass ethnische Minderheiten einen bewaffneten Kampf ausrufen könnten." In der Folge könnte dem Iran ein Bürgerkrieg wie in Syrien, Libyen oder dem Irak drohen.

Revolutionsgarde entscheidende Macht in Zukunft Irans

Als zweite Möglichkeit sieht Alizadeh einen Putsch der Revolutionsgardisten. Der Umsturz könnte die geistliche Führung des Landes entfernen und ein neues, repressives System ausrufen. "Der Iran könnte zu einem zweiten Nordkorea werden", warnt der Experte. 

In einem dritten Szenario würde der gemäßigtere Arm der Revolutionsgarde die Macht ergreifen und mithilfe einer Verfassungsänderung das Land gegenüber demokratischen Prozessen öffnen. In diesem Fall könne es zur Freilassung von politischen Gefangenen kommen, freien Wahlen und einem relativen Parlamentarismus. "Aber das ist alles Zukunftsmusik", so Alizadeh.

In allen Szenarien würde die Revolutionsgarde eine Schlüsselrolle spielen. "Es gibt eine eigene Oligarchie innerhalb dieser Revolutionsgardisten, die sich durch die Sanktionen bereichert haben", sagte der Experte. Ihr Einfluss reiche über die Wirtschaft hinaus auch in alle anderen Bereiche Irans, bis hin zum Kulturleben.

Zivilgesellschaft Irans als eigentliche Opposition

Eine organisierte Opposition im Land habe sich aufgrund der Repression des Regimes kaum entwickeln können. "Die Köpfe der iranischen Opposition sitzen in Gefängnissen oder sind in Hausarrest", sagte Alizadeh. Die eigentliche Opposition sieht Alizadeh jedoch nicht in prominenten Exilfiguren, sondern in der organisierten Zivilgesellschaft, etwa das Lastwagenfahrersyndikat, die Lehrergewerkschaft oder die Krankenhauspersonalsyndikate. Diese Institutionen hätten Millionen Mitglieder und seien gut miteinander vernetzt, wovor das Regime große Angst habe, erklärte der Experte: "Ich würde sagen, 80 oder 90 Prozent dieser Institutionen sind gegen das Regime gerichtet."

Vor allem im Ausland habe sich Shah-Sohn Reza Pahlavi als zentrale Oppositionsfigur etabliert. Doch seine Unterstützung im Iran dürfe "nicht überbewertet" werden, so Alizadeh. Pahlavi sei vor allem bei der Diaspora beliebt, im Iran selbst habe er keine große Massenbasis. Alizadeh bezweifelt, dass die mächtige Revolutionsgarde ihm den Weg zur Macht ebnen würde.

Unklar seien für den ehemaligen Mitarbeiter des österreichischen Innenministeriums außerdem die Ziele des gemeinsamen Angriffs der USA und Israels. "Es heißt, es sei ein Präventivschlag gegen die Atomanlagen Irans. Aber die wurden schon im Juni letzten Jahres zerstört." Stattdessen vermutet Alizadeh vorrangig Israel als treibende Kraft hinter den Angriffen. Israel, so der Experte, wolle seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2022 eine "Änderung der Geografie des Nahen Ostens" - dazu gehöre auch der Iran.

Militärschläge schaden Demokratisierung Irans

Was sich die Iraner und Iranerinnen für ihr Land wünschen würden? "Ganz einfach", so der Experte: Demokratie. Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Achtung der Menschenrechte. "Aber mit Bomben und Militärschlägen werden wir keine Demokratie schaffen." Im Gegenteil - ein militärischer Angriff würde den Demokratisierungsprozess um Jahre zurückwerfen, warnt Alizadeh.

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