Politik | Ausland
06.04.2017

Wie verhindert man Krieg zwischen den USA und China?

US-Verteidigungsexperte David Gompert hat für den US-staatsnahen Think Tank RAND studiert, wie ein Krieg zwischen den USA und China ablaufen könnte. Im Gespräch mit kurier.at spricht er über Erkenntnisse daraus.

Derzeit treffen einander in Florida US-Präsident Donald Trump und Chinas Präsident Xi Jinping. Die Liste an Gesprächsthemen ist lang, über einen militärischen Krieg wird man aber höchstwahrscheinlich nicht sprechen. Das Thema köchelte in den vergangenen Jahren jedoch gelegentlich in den Überlegungen von Experten hoch. Krisen in Nordkorea und im Ost- und Südchinesischen Meer gelten dem Experten David Gompert als mögliche Auslöser. Anders als etwa Trumps Chefstratege Stephen Bannon hält er einen Krieg aber nicht für wahrscheinlich, wenn auch nicht unmöglich. Die Welt müsse sich auf Krisen vorbereiten, damit sie im Fall der Fälle nicht eskalieren. Zudem sollen dritte Länder die Konflikte nicht noch verkomplizieren.

Kurier.at: Warum sollte man über einen Krieg zwischen den USA und China nachdenken?
David Gompert: Um beide Seiten aufzuklären, wie desaströs die Konsequenzen für sie wären. Und um eine gemeinsame Perspektive zu schaffen, dass Krisen eskalieren könnten und deshalb verhindert oder straff gemanagt werden müssen.

Ist ein Krieg zwischen den USA und China nicht sehr unwahrscheinlich?
Unter normalen Friedensbedingungen ist er höchst unwahrscheinlich. Allerdings könnte die Wahrscheinlichkeit während einer Krise stark ansteigen. Wir müssen davon ausgehen, dass Krisen auftreten, wenn wir die konkurrierenden Interessen in verschiedenen Fragen betrachten.

Was sind die wichtigsten derzeitigen Konfliktfelder, die bei schlechtem Handling zu Krieg führen könnten?
Es gibt vier: Das Wahrscheinlichste ist Chinas Versuch die Kontrolle über das Südchinesische Meer zu erlangen – durch die Errichtung von militärischen Konstruktionen und Stationierungen. Das könnte mit größeren US-Stationierungen zusammenfallen, vor allem in Gewässern, die China beansprucht und die USA als internationales Gebiet befindet. Das Zweite wäre ein Konflikt zwischen Japan und China über Gebiete im Ostchinesischen Meer. Die Vereinigten Staaten könnten durch den Verteidigungspakt mit Japan zur Unterstützung des Verbündeten auf den Plan gerufen werden.

Drittens könnte ein Kollaps des nordkoreanischen Regimes eine chinesische Intervention aus Norden und eine südkoreanisch-amerikanische aus dem Süden auslösen, mit einer potentiellen Kollision. Viertens könnte eine schlechte Handhabung der Beziehungen mit Taiwan zu einem Säbelrasseln durch China führen, nach der die USA das Gefühl haben könnten, reagieren zu müssen.

Leute in der Trump-Regierung – etwa Stephe Bannon – sagten in der Vergangenheit, dass so ein Krieg auftreten wird. Andere plädieren zumindest für eine Konfrontation in Handelsfragen. Ist die Kriegswahrscheinlichkeit durch die neue Regierung gestiegen?
Die Gefahr an der neuen Regierung ist, dass sie nicht so gut vorbereitet ist, wie sie sollte, um eine Krise zu vermeiden oder handzuhaben. Frühere Stellungnahmen von Beratern des Weißen Hauses kann man ignorieren, solange sie nicht wiederholt werden. Was die Probleme bei Handelsbeziehungen anbelangt ist es essentiell, dass beide Regierungen sich davon nicht abhalten lassen, direkt und klar miteinander zu kommunizieren.

Laut Ihrer Forschung wird es für die USA über die nächsten Jahre immer schwieriger, einen erfolgreichen Krieg mit China zu führen, weil dieses in die Rüstung investiert. Erhöht dieser Ausblick die Wahrscheinlichkeit, dass ein solcher Krieg bald geführt wird?
China könnte sich davon bestärkt fühlen, Intervention für die USA schwieriger zu machen. Ungeachtet der militärischen Kapazitäten Chinas können die Vereinigten Staaten sich nicht leisten, die eigenen Interessen und Allianzverpflichtungen nicht zu wahren. Also ja: Es könnte eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Feindseligkeiten im Falle einer Krise geben. Aber das ist nicht unvermeidbar. China muss verstehen, dass die Verbesserung seiner militärischen Fähigkeiten in Relation zu denen der USA ihm nicht ermöglichen wird, einen Krieg zu gewinnen oder dabei auch nur enorme militärische und wirtschaftliche Verluste zu vermeiden. Die USA müssen sich wiederum mit der Aussicht anfreunden, dass ein Krieg nicht schnell und einseitig sein würde. Deshalb müssen sie vernünftig handeln.

Ein Erstschlag würde einen großen militärischen Vorteil bringen. Wie kann man diesen Anreiz begrenzen?
Das Problem eines vorteilhaften Erstschlags ist militärisch durch die modernen Waffen und Sensoren ein sehr reales. Die zivilen Anführer beider Länder müssen darauf bestehen, dass ihre Militärs auch andere Pläne vorbereiten, als zuzuschlagen, bevor man angegriffen wird. Und diese Anführer müssen bei einer Konfrontation permanent Kontakt halten. Überlässt man die Sache militärischer Logik und unilateralem Aktions-Reaktions-Entscheidungsdenken, wächst die Gefahr von präemptiven militärischen Handlungen, gefolgt von einer schnellen Eskalation.

In ihrer Studie diskutieren sie mehrere Szenarien, China gewinnt keines davon?
Für China ist die einzige vernünftige Annahme, dass die Vereinigten Staaten durch Drohungen, Feindseligkeiten und bei einer Konfrontation nicht einlenken würden. Die Chinesen würden einen Riesenfehler machen, irgendein anderes Szenario zu beschwören und danach zu planen.

Warum halten Sie nukleare Waffen nicht für einen Faktor?
Ein konventioneller Konflikt mit großer Intensität, der sich auf die Region ausweitet, würde für beide Länder schwerwiegende Kosten bedeuten – aber deutlich schlimmere für China. Ein Konflikt mit Nuklearwaffen wäre noch um ein Vielfaches schlimmer. Die USA haben zwar weit bessere strategische nukleare Fähigkeiten, trotzdem müssten sie davon ausgehen, dass Chinas nukleare Vergeltung einen Schaden verursacht, der alle Einsätze deutlich übertreffen würde, die in jedem Disput im Westpazifik am Spiel stünden. Die “gute Nachricht” bezüglich nuklearer Feindseligkeiten ist, dass wahrscheinlich beide Staaten davon abgeschreckt werden, ganz egal, wie schlimm ein konventioneller Konflikt laufen würde.

Aber wäre nicht schon ein konventioneller Krieg enorm irrational? Warum würden die Entscheidungsträger unvernünftig genug dafür sein, aber vernünftig genug, um nukleare Waffen nicht einzusetzen?
Es ist eine plausible Gefahr, dass ein Streit zu einer Krise führt, die zu einer militärischen Konfrontation führt, die zum Einsatz konventioneller Waffen führt, was dann schnell eskalieren könnte. Aus der Sicht in Friedenszeiten wirkt das unvernünftig. Das tut es aber nicht unbedingt in einer Serie von Entscheidungen, die dann jeweils vernünftig wirken. Glaubt eine Seite, dass die andere sich auf einen Schlag vorbereitet, ist ein präemptiver Schlag nicht unvernünftig. Deshalb ist es ja wichtig, gar nicht erst dorthin zu kommen. Im Gegensatz dazu ist die Entscheidung Atomwaffen einzusetzen immer unvernünftig, weil man immer von vernichtender und unvermeidbarer Vergeltung ausgehen müsste.

Sind Atomwaffen dann noch ein Faktor, der die Kriegswahrscheinlichkeit begrenzt? Oder wäre eine nukleare Abrüstung vorteilhaft?
Unter den Bedingungen beidseitiger nuklearer Abschreckung, wie sie derzeit zwischen den USA und China existiert, wird keine Seite Vorteile in ihrer Verwendung sehen. Daher mag der mögliche Wert von Atomwaffen bei der Konfliktvermeidung geschmälert sein. Aber beide Staaten verstehen sicher: Der sicherste Weg einen Atomkonflikt zu vermeiden ist, Konflikte ganz zu vermeiden. Die Existenz von nuklearen Arsenalen sollte auch im Falle gegenseitiger Abschreckung als Hemmschwelle dienen.

Wenn ich die verschiedenen Szenarios ihre Studie richtig verstanden habe, würde ein zurückhaltender Krieg zwischen den USA und China teurer und länger sein. Sollte man dann in so einem Fall zumindest auf einen kurzen, möglichst intensiven hoffen?
Bei allen Szenarios, von “kurz und mild” bis “lang und intensiv”, ist Letzteres natürlich das verheerendste für beide Seiten.

Warum würde es dann je dazu kommen?
Meine Sorge ist, dass das zunehmend wahrscheinlich wird, wenn Feindseligkeiten auftreten. Es gibt einen starken militärischen Anreiz zu eskalieren, aber kein Staat würde sich wohl ergeben, bis er absolut besiegt ist. Die Geschichte zeigt, dass die Zerstörungskraft von Kriegen allein die Parteien noch nicht dazu bringt, Frieden zu schließen, solange sie noch Krieg führen können.

Sie limitieren den Ausblick auf einen Krieg in Ostasien, aber es gibt ja zum Beispiel die Beistandspflicht der NATO. Sehen Sie das nicht in einen Weltkrieg ausarten?
Man kann sich vorstellen, dass er sich in andere Regionen ausbreitet. Zum Beispiel könnte Russland das als Chance wahrnehmen, Gebiete an seiner westlichen Grenze einzunehmen. Aber sogar wenn die USA in einen Konflikt mit China verwickelt wären, hätte die NATO die Fähigkeiten, solche Aggressionen zu verhindern - solange man den Willen und den Zusammenhalt hat. Die NATO als Ganzes könnte sich aber nicht einig sein, dass man in einen Krieg mit China eintreten sollte. Viel wahrscheinlicher würden die USA Unterstützung durch ihre westpazifischen Alliierten bekommen. Davon wäre Japan der Wichtigste.

Was könnte die Welt sonst tun, um die Chance noch zu verringern?
Das Wichtigste ist, das Krisenmanagement nicht noch komplizierter zu machen. Das betrifft natürlich vor allem Länder der Region: Japan, Südkorea, Australien, Taiwan und andere. Deshalb müssen die USA mit ihnen gemeinsam planen, wie man mit chinesischen Drohungen umgeht. Die Vereinigten Staaten müssen alles tun, um Aktionen Dritter zu vermeiden, die Krisen provozieren könnten. Eine gute Idee wäre, das innerhalb der NATO zu diskutieren. Und sei es nur, um die europäischen Verbündeten für die Risiken und US-Positionen zu sensibilisieren und dafür, was im Falle einer Krise oder eines Konflikts mit China hilfreich wäre, und was nicht.

Probieren wir es am Schluss andersrum: Warum werden China und die USA keinen Krieg beginnen?
Weil es beiden signifikante, militärische Verluste zufügen und die jeweilige Wirtschaft stark schädigen würde. Zwar wären die chinesischen Kosten viel höher, aber die USA könnten ihre Interessen in den genannten Konflikten nicht für wichtig genug halten, um die eigenen Kosten zu rechtfertigen.

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