Politik | Ausland
07/24/2014

"Das Motiv ist nicht immer antisemitisch"

Der Nahost-Experte und Israelkritiker John Bunzl warnt vor einem "inflationären" Begriffsgebrauch.

In Berlin skandierten Demonstranten antijüdische Parolen ("Jude, Jude, feiges Schwein"), in Paris kam es zu Ausschreitungen gegenüber der jüdischen Bevölkerung und am Bosporus wirft der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan Israel vor, Hitler in Sachen Barbarei übertroffen zu haben.

Nun stellt sich eine alte Frage erneut: Wo hört Israelkritik auf, wo fängt Antisemitismus an? Im KURIER-Gespräch erklärt der Nahost-Experte John Bunzl, warum Israel ein ambivalentes Verhältnis zum Antisemitismus hat und eine Differenzierung der Begriffsverwendung nötig wäre.

KURIER: Herr Bunzl, seit Beginn der Operation "Fels in der Brandung" häufen sich die Demonstrationen gegen Israels Vorgehensweise im Gazastreifen. Oft schlägt der Protest jedoch in Judenhass um. Wie kommt das?

John Bunzl: Ich bin vorsichtig bei der Charakterisierung der Demonstrationen als antisemitisch. Es handelt sich nicht um einen Antisemitismus im klassischen Sinne, also um eine Verurteilung der Juden weil sie Juden sind – sondern um eine verschobene Solidarisierung mit den Palästinensern. Die Proteste sind punktuell gegen das israelische Militär, gegen die Unterdrückung der Palästinenser, gegen die drakonischen Strafen etc. gerichtet.

Und doch gibt es Ausschreitungen in Paris und antisemitische Parolen in Berlin...

Ja, diese Auswirkungen sind antisemitisch, sie sind gegen Juden gerichtet. Es ist absolut zu verurteilen. Der Kontext ist nur nicht der des klassischen Antisemitismus: Es ist nicht wie in der Reichskristallnacht 1938, als die Tempelgasse-Synagoge in Wien völlig zerstört wurde, weil sie eine Synagoge war. Aber dass es antisemitische Äußerungen gab und noch immer gibt, ist eine traurige Tatsache.

Nach Meinung des französischen Premierministers Manuel Valls würden sich Antisemiten in einem antizionistischen Kostüm verstecken. Wie kann man das verstehen?

Neben dem Antizionismus, der die Existenz oder die Strukturen des Staates Israel ablehnt, gibt es jenen Antizionismus, der tatsächlich antisemitisch konnotiert ist. Das ist dann der Fall, wenn Israel attackiert wird, entweder weil es jüdisch ist oder weil die Gefühle gegen den Zionismus in Wirklichkeit dem eigenen psychischen Haushalt dienen. Das sieht man besonders häufig, wenn Staaten das israelische Vorgehen mit dem Nazi-Verbrechen gleichsetzen. Dadurch fühlen sich viele von ihren vergangenen Taten entlastet. Das ist eine Israelfeindlichkeit mit antisemitischen Motiven.

Bei den Demonstrationen auch?

Wenn man sich die Proteste ansieht, muss man differenzieren. Wenn jemand gegen die Bombardierung von Gaza protestiert, gegen die Siedlungspolitik, gegen Verfolgung und Unterdrückung, dann muss das Motiv zwangsläufig nicht antisemitisch sein. Auch in Israel wird gegen das Vorgehen protestiert. Den Teilnehmern wird dann Antizionismus vorgeworfen.

Israel und andere Staaten sehen trotzdem einen Anstieg von Judenfeindlichkeit.

Die Grenze zwischen israelkritischen und antisemitischen Äußerungen ist schwammig. Es ist problematisch, wenn eine Kritik gegen den Staat Israel als Antisemitismus gewertet wird. Laut einer Umfrage gilt der Nahost-Konflikt als der gefährlichste Konflikt weltweit. Das wurde zunächst als antisemitisch gewertet. Aber auch die Gefährlichkeit der Gegner oder die Gefährlichkeit der Region müssen miteinbezogen werden. Es wird zu oft pauschalisiert.

Woher kommt die häufige Verwendung des Begriffes?

Die israelische Einstellung gegenüber Antisemitismus ist ambivalent. Israel versteht sich als Staat der Juden, nur hier sind Juden sicher und frei. Und wenn in anderen Ländern hohe Werte von antisemitischen Ressentiments gemessen werden, dann legitimiert sich der Staat Israel. Deshalb werden israelkritische Äußerungen sehr schnell als antisemitisch gedeutet. Eine Verharmlosung von Antisemitismus ist eine sehr unangenehme Nebenwirkung des inflationären Gebrauchs des Vorwurfes.

Kommen wir noch kurz zum Konflikt im Gazastreifen. Wie könnte dieser doch noch gelöst werden?

Kurzfristig kann es nur um einen Waffenstillstand gehen. Dieser würde die Gesamtsituation aber nicht wirklich verändern.

Und langfristig ...

... läuft es auf ein riesiges, instabiles Gefängnis mit Gefängnisrevolten hinaus. Die israelische Herrschaft zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan inklusive Gaza wird sich konsolidieren. Es wird ein paar autonome Flecken von palästinensischen Selbstverwaltungen geben, die von Israel abhängig sein werden. Utopisch ist derzeit ein demokratischer Staat, in dem alle Bevölkerungsschichten die gleichen Rechte haben. Dieser wäre letztendlich aber eine Perspektive, der man nachgehen sollte.

John Bunzl

Der in London geborene Politikwissenschaftler und Nahost-Experte Univ.-Doz. Dr. John Bunzl arbeitet als Senior Fellow am Österreichischen Institut für Internationale Politik in Wien. Zu seinen Schwerpunkten gehören unter anderem ethnische und kulturelle Konflikte, Terrorismus, jüdische Geschichte und Antisemitismus.

Obwohl er selbst jüdischer Herkunft ist, hat sich der Politikwissenschaftler besonders für das Anliegen der Palästinenser eingesetzt und dafür Anerkennung, aber auch scharfe Kritik von der jüdischen Gemeinde geerntet.

Für das Werk „Islamophobie in Österreich“ ist er gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Farid Hafez mit dem Bruno-Kreisky-Anerkennungspreis für das politische Buch des Jahres 2009 ausgezeichnet worden.