Merkel in Marxloh: 64 Prozent der Bewohner haben Migrationshintergrund.

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Integration
08/25/2015

Merkel zu Gast in der Problemzone

Marxloh gilt als "Bronx Deutschlands". Die Kanzlerin sprach dort mit Bürgern – Antworten gab sie kaum.

von Evelyn Peternel

Lange hat sie geschwiegen. Zu den Neonazi-Krawallen in Sachsen, zu den brennenden Asylheimen, zur Stimmung im ganzen Land. Erst zu Beginn dieser Woche fand Angela Merkel erstmals konkrete Worte. Zu spät für viele Kritiker – in Politik wie Gesellschaft.

Entsprechend angespannt ist die Stimmung, als die deutsche Kanzlerin am Dienstag in Duisburg-Marxloh eintrifft. Im Hotel Montan, ein Haus mit dem unrenovierten Charme der 60er-Jahre, trifft sie auf Bürger eines Stadtteils, der als einer der ärmsten ihres Landes gilt. 64 Prozent der knapp 19.000 Bewohner dort haben Migrationshintergrund, die meisten sind aus der Türkei als Gastarbeiter in die ehemalige Industriehochburg im Ruhrpott gezogen. Der Aufschwung ist längst vergessen, heute herrscht Tristesse: 16 Prozent der Bewohner sind arbeitslos, mehr als 43 Prozent auf staatliche Unterstützung angewiesen. "Willkommen in der Bronx Deutschlands", sagt ein älterer Herr im Publikum, er lacht dabei.

Er und knapp 60 andere warten auf Antworten Merkels, denn ihre Problemlage ist bitterernst. Marxloh, das steht mittlerweile als Synonym für Gettoisierung, für nicht gelungene Integration in Deutschland. Seit etwa drei Jahren kommen immer mehr Menschen aus Bulgarien und Rumänien, Armutszuwanderer hauptsächlich. "Sie wohnen in Massenquartieren, zahlen dort hohe Mieten und bekommen keine guten Arbeitsverträge", sagt Monika Al-Daghistani, selbst gebürtige Bulgarin . Sie ist bei der Arbeiterwohlfahrt engagiert, weiß um den sozialen Sprengstoff, den die Armutsmigration birgt. Seit Ende 2012 hat sich der Anteil an Zuwanderern in der Marxloher Bevölkerung fast verdreifacht. Dass nun zusätzlich Flüchtlinge in dem Duisburger Problembezirk Unterschlupf suchen, macht die Lage noch komplizierter.

No-go-Areas

"Die Polizei ist überfordert, die hat selbst Angst", sagt eine grauhaarige Dame aus dem Publikum zur Kanzlerin. Tatsächlich hat die Exekutive vor Kurzem von No-go-Areas im Bezirk gesprochen. Rockerbanden würden mit mafiösen Clans um die Vorherrschaft im Viertel kämpfen. Man spricht von Männern, die breitbeinig durch die Straßen stolzieren, Gruppen, die die Polizei umringen, wenn diese zu einem Einsatz anrückt. "Wir wurden gestern mit Knallkörpern und Raketen beschossen", sagt ein Herr im Publikum, der sich bei der Freiwilligen Feuerwehr engagiert. Die Kanzlerin hört gewissenhaft zu, sie nickt viel, stellt oft Gegenfragen. "Was würden Sie an meiner Stelle tun?", fragt sie etwa Pater Oliver, der sich gemeinsam mit Ärzten um jene Zuwanderer kümmert, die medizinische Behandlung brauchen und nicht versichert sind; 10.000 sollen es in ganz Duisburg sein, sagt der Geistliche: "Wir können das nicht mehr allein stemmen". Was er an ihrer Stelle tun würde, kann er nicht sagen. Aber auch Merkel bleibt ihm eine konkrete Antwort schuldig. Sie werde zumindest mit den Vertretungen Bulgariens und Rumäniens reden, wegen des Versicherungsproblems, meint sie. Und bedankt sich für sein Engagement.

"Nichts dreinreden"

Deniz Güner, ein Vertreter der Alevitischen Gemeinde Marxloh, scheint mit Merkels Reaktion nicht ganz zufrieden. Der Türke, selbst bei der CDU aktiv, ärgert sich, dass in der Bezirksvertretung niemand mit Migrationshintergrund sitze. "Na ja, wenn da gar keiner drinsitzt, ist das nicht repräsentativ", sagt Merkel. Aber dem Bürgermeister, einem SPDler, wolle sie nicht dreinreden. Und schließlich könne sich Güner ja selbst aufstellen lassen, als politisch Aktiver.

Selbstverantwortung ist das, woran Merkel an diesem Dienstag am meisten appelliert. Auch dann, wenn ihr von den Bürgern beschrieben wird, wie unwohl ihnen zumute ist: "Immer mehr Menschen hassen. Das macht mir Angst", sagt eine junge Frau aus dem Publikum – und meint damit nicht nur die Kriminellen, die in Marxloh ihr Unwesen treiben, sondern auch Aktivisten von "Pro NRW". Die rechtsextreme Kleinpartei, die gegen die Zuwanderer mobil macht, demonstriert in der Nachbarschaft. "Diese Leute müssen wissen, dass sie nicht in der Mehrheit sind", sagt Merkel. Man müsse entschlossen gegen solche Kräfte auftreten – "meine Rückendeckung dafür haben Sie."

Besuch in Heidenau

Dass Antworten nötig sind, hat Merkel erkannt – dennoch bleiben die Aussagen der Kanzlerin vage, Versprechungen macht sie erst gar nicht – trotz des Drucks im Vorfeld. Gespannt warten Beobachter deshalb darauf, was sie am Mittwoch sagen wird. Da hat sich Merkel nämlich in Heidenau angekündigt – an jenem Ort, in dem Rechtsextreme wegen eines Flüchtlingsheimes für massive Ausschreitungen gesorgt haben.

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