© Reuters/RUPAK DE CHOWDHURI

Subkontinent
04/07/2014

Indien beginnt Wahl der Superlative

Fünf Wochen wird die Abstimmung dauern. Die regierende Kongresspartei könnte bitter abgestraft werden.

Indien wählt ab Montag fünf Wochen lang ein neues Parlament. 815 Millionen Menschen sind zur Abstimmung aufgerufen - das können weder die Wahlhelfer noch die Sicherheitskräfte an einem Tag bewältigen. Deswegen wird an neun verschiedenen Tagen abgestimmt. Ergebnisse werden erst Mitte Mai erwartet.

Umfragen sehen die größte Oppositionspartei, die hindu-nationalistische BJP, klar in Führung. Die derzeit regierende Kongresspartei könnte mehr als die Hälfte ihrer Sitze verlieren. Viele Menschen wollen einen Politikwechsel, weil sie der Regierung grassierende Korruption und die hohe Inflation anlasten. Zudem halbierte sich das Wirtschaftswachstum innerhalb weniger Jahre. Die große Unbekannte bei der Wahl ist die junge Antikorruptionspartei AAP, die auch gegen die Verflechtung von Wirtschaft und Politik kämpft.

Daneben treten rund 60 Regional- und Splitterparteien an. Ihnen könnte eine Schlüsselrolle bei der Koalitionsbildung zukommen. Seit 30 Jahren hat keine Partei mehr die absolute Mehrheit der Abgeordneten im Unterhaus gestellt. Das dürfte allen Umfragen zufolge auch diesmal wieder so sein.

Etwa ein Dutzend kleine Parteien gründeten vor der Wahl eine "Dritte Front" - die wegen den großen Unterschiede aber schnell wieder zerbrach. Aus dem Pool der Kleinen ragen drei schillernde Politikerinnen heraus, die als derzeitige oder ehemalige Ministerpräsidentinnen ihrer Bundesstaaten sehr beliebt sind: Mamata Baerjee aus Westbengalen, J. Jayalalithaa aus Tamil Nadu und Mayawati Kumari aus Uttar Pradesh.

Alles hängt laut Analysten nun von der Stärke der BJP ab. Kommt sie auf weit über 200 der 543 Sitze, dürften viele der kleinen Parteien ohne größere Zugeständnisse zu einer Koalition bereit sein. Schneidet die BJP aber schwächer ab als gedacht, dürfte ihr Premierministerkandidat Narendra Modi wackeln. Dann könnte die Zeit für eine Frau aus dem Dreigestirn gekommen sein.

Die wichtigsten Köpfe

Der Wahlkampf war bisher so stark auf Personen bezogen wie nie zuvor. Analysten sprechen von einem fast präsidialen Kampf - obwohl die Abgeordneten des Parlaments gewählt werden und nicht direkt der Premierminister. Die wichtigsten Personen:

- NARENDRA MODI, BJP: Er brüstet sich, einen Brustkorbumfang wie ein Bodybuilder zu haben. Soll heißen: Ich stehe für ein starkes, männliches, kraftvolles Indien, das die Wirtschaft wieder ankurbelt und sich vom Nachbarn China nicht vorführen lässt. Gerne wirbt der 63-Jährige vor seinen Anhängern, die Faust in die Luft gereckt, für einen "Sieg für Mutter Indien". Dabei ist der Subkontinent für ihn vor allem das Land der Hindus, weswegen viele Muslime und andere Minderheiten Angst vor ihm haben. Anhänger halten Modi zugute, dass er sich vom Teeverkäufer nach oben gearbeitet hat. Kritiker bemerken, er sei autoritär und dulde niemanden neben sich.
- RAHUL GANDHI, Kongresspartei: Sein Urgroßvater war der erste Premierminister Indiens, danach diente jede Generation dem Land. Der 43-Jährige ist seit zehn Jahren Politiker - doch betont er, dass die Familienverpflichtung eine Bürde sei. Macht bezeichnet er als Gift. Trotzdem stieg er in der Partei auf, wollte sie von innen reformieren, die Verantwortungen verteilen - weit kam er damit nicht. Er gilt als ehrlich und nicht korrupt, auf der anderen Seite aber als reserviert und wenig charismatisch. Politisch kämpft er für mehr Frauenrechte, Mitbestimmung für die Jugend und eine Dezentralisierung der Macht.
- ARVIND KEJRIWAL, AAP: Der oberste Aktivist des Landes führt eine Partei, die erst 2012 aus der Protestbewegung gegen Korruption hervorgegangen ist. Pausenlos und medienwirksam beschuldigt er seine politischen Gegner, korrupt zu sein und Nepotismus zu betreiben. Parteisymbol: ein Besen, um die Amtsstuben zu säubern. Viele Analysten halten dem 45-Jährigen vor, seine Bewegung beschränke sich auf Aktionismus und sei keine kompromissfähige Partei mit einem kompletten Programm. Andere meinen: Endlich frischer Wind in dem verkrusteten System. Er selbst, ein früher Finanzbeamter, bezeichnete sich schon als "Anarchist".

Der größte demokratische Urnengang

Nie wurde ein größeres Ereignis organisiert als die Parlamentswahl 2014 in Indien. Einige Zahlen:

- 814,5 Millionen Wahlberechtigte. Darunter sind etwa 150 Millionen Erstwähler.

- 930.000 Wahllokale. Einige der 1,9 Millionen elektronischen Wahlmaschinen werden mit Kamelen in die Wüste Thar gebracht, auf Booten in Küstengegenden und per Helikopter in abgelegene Himalaya-Dörfer.

- Fast drei Millionen Wahlberechtigte bestimmen in Malkajgiri einen einzigen Abgeordneten - der größte Wahlkreis. Der kleinste ist das Inselreich Lakshadweep mit 47.972 Stimmberechtigten.

- 28.314 Menschen, die weder als Männer noch als Frauen registriert sind, dürfen abstimmen. Erstmals gibt es auf den Wählerlisten die Geschlechtsangabe "andere".

- 11 Millionen Wahlhelfer und Sicherheitskräfte sorgen für den Ablauf.

- 543 Parlamentarier werden per Direktwahl bestimmt, zwei vom Präsidenten ernannt. Einer wird Premierminister.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.