Politik | Ausland
08.01.2018

Im Land der Frauen

Im Schatten des Krieges legten Kurden im Norden Syriens ein selbstgezimmertes Fundament für eine eigene Machtbastion. Wo eben noch die Terrormiliz IS Frauen brutal unterdrückt hat, nehmen nun Bürgermeisterinnen und Polizistinnen den Kampf um eine neue Ordnung auf.

In Kobani kommt man kaum an Arin Mirkan vorbei: An der Zufahrt zur Stadt erinnert eine Skulptur an die 30-jährige Frau. In jedem Gespräch wird ihr Raum gegeben. Die zweifache Mutter stürmte im Oktober 2014 auf eine Stellung der Terrormiliz "Islamischer Staat", IS, und sprengte sich und Dutzende Dschihadisten in die Luft.

Stolz erzählt etwa Nashbir Tajar von dieser "Märtyrerin": "Dass wir die Terroristen in Kobani schlussendlich besiegt haben, war ein Schritt von immenser Bedeutung: Nicht nur für uns Kurden oder Syrien, sondern für den Rest der Welt", betont Tajar, die als "Außenministerin" der 100.000-Einwohner-Stadt Kobani fungiert: "Wir waren der Anfang vom Ende des ,Islamischen Staates‘. Vor allem wir Kämpferinnen."

Es war aber auch der Anfang einer neuen Ordnung, die in jenen Gebieten Syriens Gestalt annahm, die von diesen kurdischen Milizen erst vom IS befreit und dann kontrolliert wurden. Heute ist es ein Viertel des Landes. "Unser Kampf ist jetzt mit Sicherheit nicht zu Ende, wenn der IS geschlagen ist", gibt sich die 27-jährige neue Kommandantin der weiblichen Polizei-Einheiten Kobanis siegessicher. Sie nennt sich nur "Shilan". "Wie ich noch heiße?" – "Schreib Shilan Kobani. Das genügt. Ich muss gut auf mich aufpassen." – Für Höflichkeiten hat die resolute Frau in Camouflage wenig Zeit.

Gegen häusliche Gewalt

Ungeduldig rattert sie ihre To-do-Liste ab: "Unser Job als Polizistinnen ist es, für Sicherheit bei Hochzeiten und bei Feiern zu sorgen und wir werden gerufen, wenn es zu häuslicher Gewalt kommt. Wir Frauen geben die Waffen und die Macht nicht mehr aus der Hand", so Shilan im Stakkato: "Wir kämpfen für die Befreiung von Frauen gegen jede Unterdrückung. Und dazu gehört für mich auch, dass ich mich nicht unter die Kontrolle eines Ehemannes begebe und verheiratet bleibe."

Es sind sehr große Töne, die sie dann in ihrem Büro von sich gibt, das eher einem Schrein denn einer Kommando-Zentrale gleicht. Kunstblumen in weiß und rot sind auf einen Kreis aus Pappe geklebt, dazu grünes Plastikgras mit dem Schriftzug: "Jin" – "Frau". Überschattet wird das verstaubte Bouquet von einem Porträt Abdullah Öcalans, dem inhaftierten Führer der kurdischen Arbeiterpartei PKK.

Kolonie Öcalan

Auch auf den Straßen der von den Kurden kontrollierten Teilen Syriens ist sein Konterfei omnipräsent: Ein Indiz dafür, wie die Ideologie der "Volksverteidigungseinheiten" (Yekîneyên Parastina Gel), die meist mit dem Akronym "YPG" bezeichnet werden, einen Teil des Landes quasi kolonialisiert. Sie sind der bewaffnete Arm der "Partei der Demokratischen Union", eine "Schwesternpartei" der kurdischen Arbeiterpartei PKK. Radikale Gleichberechtigung von Mann und Frau ist aber nur eine Facette der fundamentalistisch-marxistischen Agenda dieser Gruppe, die sowohl von den meisten EU-Staaten als auch der Türkei als "Terrororganisation" eingestuft wird.

Diese Milizen stellten zu einem Großteil die Einheiten der "Syrischen Verteidigungskräfte", die unter Anleitung der USA nach der erfolg-reichen Verteidigung Kobanis zu Bodentruppen gegen den IS hochgerüstet wurden. "Diese Kurden zu bewaffnen, ist die beste von vielen schlechten Varianten, um die Terrormiliz zu bekämpfen," kommentierte der ehemalige US-Präsident Barack Obama damals die haarige Entscheidung.

Die Taktik hatte militärischen Erfolg. Lediglich fünf Prozent Syriens sind heute noch unter der Kontrolle der Terroristen des "Islamischen Staates". Doch die Allianz mit den Erzfeinden der Türkei war ein heikler Balanceakt: Fast ein Dutzend Militär-Stützpunkte errichteten die USA in der Kurden-Region, die vom Großraum Aleppo bis an die Grenze zum Irak reicht und im Süden bis zur Stadt Rakka, der ehemaligen IS-Hauptstadt, die in diesem Oktober eingenommen wurde: also tief ins arabische Kernland hinein.

Auch hier in Rakka spielt schon eine Frau die entscheidende Rolle. "Viele ehemalige Bewohner finden nicht einmal noch nach Hause, weil alles in Trümmern liegt. 80 Prozent der Stadt sind Ruinen", sagt Leila Mustafa: "Sie vertrauen uns, dass wir wie in Kobani einen Neustart schaffen." Die 29-jährige Ingenieurin wurde vor Kurzem zur Stadt-Chefin gewählt. Dabei übt die junge Kurdin ihr Amt nicht alleine aus; sondern gemeinsam mit einem 55-jährigen Mann, der zu der arabischen Mehrheit der ostsyrischen Provinzhauptstadt gehört. Solche doppelte Führungsposten sind Basis der Ordnung in diesem Teil des Landes.

Die als "Allianz des Norden Syriens" bezeichnete Region wurde vor zwei Jahren gegründet, auch in Koordination mit arabischen Milizen. Heuer im September gab es erste Wahlen auf Gemeinde-Ebene, Anfang Dezember wählten die Bezirke und im Jänner sollen die drei Provinzen hier eine neue Vertretung wählen. Zeitgleich entstehen Universitäten und Volkshochschulen, wo der Schock der IS-Ära mit Lehren des PKK-Gründers Öcalan verdaut werden und gleich eine neue Gesellschaft entstehen soll. "Es ist ein krasses Kontrastprogramm, aber notwendig", wie die 43-jährige Soziologin Nergez Ismail zugibt. Sie gibt an Frauenakademien Kurse für mehr Selbstwertgefühl und spornt zum Kampf um Gleichberechtigung an: "Manche meiner Schützlinge halten sich für so wertlos wie ein Stück Vieh im Stall. Die IS-Ideologie hat sie seelisch zerstört."

Kampf-Feminismus

Doch die kurdische Dominanz stößt vor allem der arabischen Mehrheit in dieser Region sauer auf. Aber nicht nur ihnen: Flächendeckend ist der öffentliche Raum von Porträts Abdullah Öcalans dominiert, politische Opposition wird laut Berichten von Menschenrechtsaktivisten unterdrückt, zwangsweise Rekrutierung von Kämpfern soll an der Tagesordnung sein.

"Wir waren erst unter Kontrolle Assads, dann unter dem IS und nun der Kurden mit ihrem Kampf-Feminismus. Wir sind abermals die, die draufzahlen", sagt Ahmad Kotiba, ein Englisch-Lehrer, der aus Rakka floh: "Ich muss allerdings sagen, wir sind froh, dass bei allen Mängeln der Kurden uns jetzt nicht Assads schiitische Milizen besetzen."

Solche Positionen sind trotz aller ideologischer Differenzen auch international derzeit en vogue. Die Kurden-Einheiten sollen nach der Schlacht gegen den IS ein Bollwerk gegen die wachsende Dominanz des Iran in der Region sein, ließ US-Verteidigungsminister James Mattis durchblicken.

Auch Assad-Verbündeter Wladimir Putin scheint sich auf die Milizen hinzubewegen. Bei dem "Nationalkongress" in Sotschi, der auf Betreiben des russischen Präsidenten in einem Monat erneut die Lösung des Syrien-Konflikts vorantreiben sollen, sollen Vertreter der politischen Führung der syrischen Kurden erstmals eingeladen sein.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan wehrt sich erbost gegen solche Pläne und kündigte in den vergangenen Tagen militärische Offensiven gegen diese "kurdischen Terrornester in Syrien" an. Auch Syriens Präsident Baschar al-Assad verschärft jetzt die Tonart, diskreditierte die kurdische Führung zuletzt als "Verräter". Doch im Chaos des Bürgerkrieges ist jedes Quäntchen Stabilität ein Hoffnungsschimmer.

Darauf setzt nun die politische Führungselite des kurdischen Para-Staates. "Uns ist es ehrlich gesagt völlig egal, ob Bashar al-Assad an der Macht bleibt oder nicht", sagt Aldar Khalil, der Co-Präsident der "Partei der Demokratischen Union", gelassen. "Was ändert sich, wenn sich die Person des Präsidenten ändert? Nichts. Syrien braucht eine grundlegende Veränderung des Systems. Und das zeigen wir."

Von Sandra Ramsauer