Politik | Ausland
22.08.2018

"Im EU-Parlament herrscht immer Action - und ich liebe Action"

Wer ist die EU? Ohne Parlamentsassistenten wie Doris Dialer stünde das Europäische Parlament still.

Jetzt ist sie wieder zu spüren, „diese aufgeladene Stimmung im Parlament. Das Brodeln, wenige Monate vor den EU-Wahlen“, das Doris Dialer nur zu gut kennt. Zum dritten Mal erlebt die erfahrene Bürochefin des Delegationsleiters der österreichischen Grünen im EU-Parlament nun bereits einen EU-Wahlkampf mit und sie weiß: Ende Mai, wenn die Wahlen geschlagen sind, werden die Karten neu gemischt – und damit auch jene der rund 2000 sogenannten APAs  – der Akkreditierten Parlamentarischen Assistenten. So wie Dialer sind sie die unerlässlichen Mitarbeiter, die Helfer, Stützen, Experten, Vertrauten und zuweilen Ratgeber, ohne die die 751 europäischen Abgeordneten die Fülle an Arbeit nicht bewältigen könnten.

„Unser Leben funktioniert in Legislaturperioden“, erzählt die 47-jährige gebürtige Tirolerin. „Im Grunde hast du immer ein Ablaufdatum, das mit deinem Abgeordneten zusammenhängt.“ Geht der Parlamentarier, endet automatisch auch der Auftrag des Assistenten.

Dialers Abgeordneter ist Michel Reimon. Ob dem Grünen nächstes Jahr der Wiedereinzug ins EU-Parlament gelingt?  „Ich gehe davon aus“, so Dialer, aber Garantien gibt es keine in der Politik. „Die Hälfte aller EU-Abgeordneten schafft keine zweite Amtsperiode“, weiß die promovierte Politologin.

Von der Verkehrspolitik zum Wettbewerbsrecht

Seit 12 Jahren ist sie in Brüssel und Straßburg mit dabei. Sie kennt die Abläufe im europäischen Abgeordnetenhaus mittlerweile in- und auswendig, hat das erste Handbuch in deutscher Sprache über das EU-Parlament verfasst.
Mit  ihrer ersten Abgeordneten, der Tirolerin Eva Lichtenberger, hat sich Doris Dialer auf die europäische Verkehrs- und Tourismuspolitik konzentriert. Im 3-Frauen-Team von Michel Reimon, der im Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten, im Kulturausschuss und Wirtschafts- und Währungsausschuss „sitzt“, ackert sie sich durchs EU-Wettbewerbsrecht und Fusionskontrolle (z.B. Bayer-Monsanto).

Wer im EU-Parlament arbeitet, lernt nie aus. Immer neue Themen stehen an. Die Legislativorschläge der Europäischen Kommission landen in den 20 parlamentarischen Ausschüssen und vom müssen vom Plenum abgesegnet werden. Nahezu immer fordern die Abgeordneten  –  nicht zuletzt dank der Expertise ihrer Mitarbeiter –  Abänderungen im Sinne der Bürger. Oder sie verlangen die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses wie zu den Panama Papiers, zu Steuerhinterziehungen und Korruption. Pro Woche gibt oft bis zu 40 hausinterne Veranstaltungen: öffentliche Anhörungen, Ausstellungen oder Lobbying-Events.

Ein Fan des Parlamentarismus

 „Im Parlament herrscht immer Action“, lacht Dialer, „und ich liebe Action.“ Man glaubt es der quirligen Tochter einer Gastwirtin aus  Westendorf im Brixental sofort. Als Studentin hat sie selbst jahrelang als Kellnerin gejobbt –  eine der vielen Etappen auf dem Weg nach Brüssel. Entschieden hat sie sich schlussendlich für eine akademische Laufbahn und studierte Politikwissenschaften. Erhalten blieb ihr die Kontaktfreudigkeit und der Tiroler Dialekt. Fünf Sprachen spricht die Parlamentsexpertin insgesamt, aber darüber verliert sie keine großen Worte. Das beherrschen Viele, die in Brüssel arbeiten. Und was die Österreicherin überdies mit Tausenden Zugereisten in der europäischen Hauptstadt vereint: „Ich bin viel länger geblieben, als ich eigentlich wollte.“

Warum? Arbeit und die Aufgaben erwiesen sich als viel faszinierender als erwartet. Der Freundeskreis ist bunt und sehr international; der Lebensgefährte ein Belgier.  „Der europäische Parlamentarismus, das ist etwas, für das ich lebe. Davon bin ich als Mensch und Politologin überzeugt. Es wird mich auch in 50 Jahren noch begeistern“, ist sie sich sicher. Das Großartige sieht sie in der europäischen Vielfalt. Aber auch darin, „angesichts der  vielen verschiedenen Befindlichkeiten in der EU auf einen Konsens zu kommen. Und es ist bei weitem nicht immer nur der kleinste gemeinsame Nenner.“

"Ein gewisser Geist der Servilität"

Allianzen bilden, quer über die Parteigrenzen hinweg, das ist im EU-Parlament unerlässlich, ansonsten, sagt Dialer, „geht legislativ nichts weiter“. Auch mit den Abgeordneten anderer politischer Fraktionen haben sich die österreichischen Grünen im EU-Parlament zu koordinieren. Meist geht es dann auch darum, wie die Grüne Bürochefin schildert, Besuchergruppen aus Österreich zu betreuen, oder gute auf Dauer belastbare Arbeitsbeziehungen aufzubauen. Überhaupt: Politische Äußerungen und persönliche Befindlichkeiten haben die parlamentarischen Assistenten hintan zu stellen. „Dieser Job verlangt viel diplomatisches Geschick und einen gewissen Geist der Servilität“, weiß die langgediente Expertin im Hintergrund. „Man muss die eigenen Person zurücknehmen. Wenn man das nicht kann, ist man hier fehl am Platz.“

Erfahrung hingegen ist von Vorteil : „Man sollte das Haifischbecken Brüssel kennen und natürlich auch die nationalen Gegebenheiten. Der parlamentarische Assistent muss oft vorausahnen, für welche Terminanfragen der Abgeordnete nicht zu Verfügung steht.

Ansturm auf die Assistentenjobs

Durch den Vertrag von Lissabon wurden die bis dato eher gering geschätzten APAs  rechtlichen aufgewertet. Seither ist der Ansturm groß. Von hier aus gelingt Vielen der  Sprung in die Kommission, in den Lobbyismus –  Brüssel ist mit über 20.000 Lobbyisten nach Washington D.C. ein Hot Spot –  oder in die Politik.

Für Dialers Job trudeln jede Woche drei bis vier Bewerbungen ein. „Das sind alles Leute mit Spitzenqualitäten“, erzählt sie, „oft auch aus Drittstaaten, Asien oder den USA.“  Sorgen vor der Konkurrenz macht sie sich dennoch keine. Über ihre wissenschaftlichen  Publikationen zum EU-Parlament und zum Lobbyismus hat sich die Politologin ein weiteres Standbein geschaffen. Doch möchte sie auch die nächste Legislaturperiode (2019-2024) im Parlament arbeiten, sagt Doris Dialer. „Die gelebte Politik im europäischen Parlament mit der akademischen Lehre zu verbinden, das ist das Faszinierende an meinen Leben. Ich bin dankbar dafür, dass ich mich in diesen beiden Welten bewegen darf.“