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Interview
09/21/2019

Hongkong: "Wir hoffen auch auf Antworten aus Europa"

KURIER-Interview mit Agnes Chow - die Ikone der Protestbewegung ruft die EU auf, sich für Demokratie in Hongkong einzusetzen.

von Karoline Krause-Sandner

Agnes Chow (22) gilt als eines der „Gesichter“ der prinzipiell führerlos agierenden Protestbewegung in Hongkong. Im August war sie wegen eines Protests vor einer Polizeistation verhaftet worden, ihr Prozess beginnt im November. Sie ist auf Kaution frei und nur mit einer speziellen Genehmigung des Gerichts in Österreich. In Wien traf sie den KURIER zu einem Interview.

Die Regierung und Carrie Lam zeigen Gesprächsbereitschaft. Nehmen Sie die wahr oder sehen Sie das als Taktik, um die Protestierenden zu beschwichtigen?

Auch wenn Carrie Lam immer gern betont, dass sie einen Dialog will: Die Unterdrückung durch Regierung und Polizei geht weiter. Wir haben jede Woche Proteste. Jede Woche werden Demonstranten festgenommen und von Polizisten attackiert. Wenn die Regierung weiter so einen harten Kurs verfolgt und die Polizei missbraucht, um die Bewegung zu unterdrücken, dann können wir keinen Willen erkennen, dass man das Volk wirklich anhören will. Denn unsere fünf Forderungen sind eigentlich ziemlich klar.

Also sehen Sie auch die Rücknahme des Auslieferungsgesetzes nicht als ernsthaften Schritt in Richtung Protestbewegung?

Das kommt zu spät. Und es ist auch zu wenig. Denn wir haben fünf Forderungen. Eine davon ist die Rücknahme des Auslieferungsgesetzes. Doch in den vergangenen drei Monaten, in denen Millionen Menschen auf der Straße waren,  wurde die Bewegung stark unterdrückt. Es gab mehrere Opfer, manche verübten Suizid, zwei Demonstranten starben wegen Polizeigewalt. Junge Menschen, die ihr Leben opferten, andere ihre Zukunft, alles für diesen Protest. Wir sehen nicht, dass die Regierung wirklich versucht, das politische Problem zu lösen.

Müssen um jeden Preis alle fünf Forderungen erfüllt werden oder sind auch Sie gesprächsbereit?

Alle fünf Forderungen sind sehr wichtig für Hongkonger sind. Wir fordern ja etwa auch eine unabhängige Untersuchung der Polizeigewalt. Die Polizei ist unkontrollierbar geworden. Es scheint, als ob sie für ihr Verhalten überhaupt keine Verantwortung trage. Nicht einmal die Regierung scheint die Polizei zu kontrollieren.

Am 1. Oktober feiert die Volksrepublik China ihr 70. Jubiläum. Allein in Peking sind 180.000 Sicherheitskräfte abgestellt, um für Ruhe zu sorgen. Was erwarten Sie an diesem Tag für Hongkong?

Unterdrückung und Gewalt der Behörden werden sich vor dem 1. Oktober verschärfen. Wir sehen, dass die Regierung mit ihrem harten Kurs versucht, die Menschen  davon abzuhalten, ihre Meinung zu äußern. Sie wollen einfach nicht zuhören, was die Leute wirklich wollen! Sie versuchen nicht, die politischen Probleme  zu lösen. Das ist die Wurzel des Problems in Hongkong.

Der US-Kongress überlegt ein Gesetz gegen Menschenrechtsverletzungen in Hongkong (Hongkong Human Rights Democracy Act). Ist das nicht Einmischung in die Angelegenheiten eines anderen Staates?

Die Unterstützung und der Druck der internationalen Gemeinschaft ist sehr wichtig für uns. Besonders, weil Hongkong eine internationale Finanzmetropole ist. Wir haben dort Menschen, Information, Kapital, Unternehmen aus der ganzen Welt. Ich denke, die ganze Welt hat die Verantwortung, sich dafür zu interessieren, was dort passiert. Wir hoffen sehr, dass das Gesetz vom US-Kongress angenommen wird. Und wir hoffen, dass andere Länder – inklusive die Europäische Union –  aktiv werden.

Derzeit sieht es in Hongkong nach einer Pattsituation aus. Kann der David den Goliath wirklich besiegen? Oder was ist Ihre Hoffnung?

Alle Hongkonger wissen, dass die chinesische KP ein sehr mächtiges Regime führt. Es ist immer schwer, für unsere grundlegenden Rechte zu kämpfen – Menschenrechte, Freiheit, Demokratie. Doch es geht nicht nur darum, unsere Meinung zu sagen. Es geht um unsere Würde. Um die aller Hongkonger. Warum können wir unsere Unzufriedenheit, unsere Wut gegenüber der Regierung nicht äußern? Warum respektiert die respektiert die Regierung die Meinung des Volkes nicht? In Österreich wäre es normal, dass Menschen wählen dürfen, protestieren dürfen. Wenn die Regierung etwas Falsches macht, muss sie zurücktreten. In Hongkong ist das nicht der Fall. Zwei von sieben Millionen Menschen gehen auf die Straße und sagen „Nein“ – und die Regierung bleibt an der Macht. Deshalb verschärft sich die Wut der Leute immer mehr. Und wir werden weiter für unsere grundlegende Würde kämpfen.

Die Proteste haben auch ein soziales Momentum. Das Leben in Hongkong ist sehr teuer. Gibt es eine Verbindung zu der Bewegung?

Die Proteste starteten wegen dem Unmut über das Auslieferungsgesetz. Und gehen weiter, auch wegen politischer Unterdrückung durch das Regime und die Polizei. Aber es ist ein Fakt, dass es viele soziale Probleme gibt. Wir haben die weltweit höchsten Grundstückspreise und immens hohe Mieten. Teilweise mehr als New York oder London. Das sind ernsthafte soziale Probleme, die Hongkonger täglich leiden lassen.

Sie sagten, dass viele junge Menschen ihr Leben und ihre Zukunft opfern. Wie sehen Sie Ihre Zukunft?

Ich bin 22 und Studentin. Viele - teils noch jüngere - Demonstranten haben hundert Mal mehr geopfert als ich. Sie sind attackiert oder bedrängt wurden, andere verloren ihr Leben. Viele haben Opfer für diese Bewegung gebracht. Das könnte die letzte soziale Bewegung in Hongkong sein. Es könnte die letzte Chance für Hongkonger sein, für Veränderung, für Demokratie zu kämpfen, für grundlegende Rechte. Wir haben jede Menge sozialer Probleme in Hongkong. Wir haben keine Demokratie. Hongkong ist ein Polizeistaat geworden. Die Polizei ist völlig unkontrollierbar. Sie hat eine sehr freundliche Beziehung mit der Mafia, die in Hongkong alles kontrolliert. Doch mit einer sozialen Bewegung, mit den Menschen von Hongkong, mit deren Einheit, deren Solidarität – könnte es noch Hoffnung geben. Deshalb kämpft jeder so hart.