© Reuters/EPA

D-Day-Feiern
06/05/2014

Hollande dealt mit Putin und streitet mit Obama

Hinter den Kulissen der Befreiungsfeiern in der Normandie.

von Danny Leder

Für Francois Hollande, dessen Anzüge sich in letzter Zeit wieder verdächtig um die Körpermitte spannen, barg der Donnerstag Abend gleich zwei gefährliche Versuchungen: der französische Staatschef musste zweimal hintereinander zum Dinner bitten. Um 19 Uhr speiste er mit US-Präsident Barack Obama in einer Pariser Feinschmecker-Stube. Zwei Stunden später tafelt er mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin im Elysée-Palast.

Sieht man einmal vom mehrgängigen Menü ab, war letzteres Treffen für Hollande ein ziemlicher Opfergang. Der gemütlich auftretende französische Sozialdemokrat und der sich athletisch gebende, gebieterische Kremlherrscher hatten nie ein Hehl aus ihrer gegenseitigen Aversion gemacht. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz nach ihrem ersten Zusammentreffen 2012 hatte Putin auf die Frage, was er von Hollande halte, so lange mit seiner Antwort gezögert bis ihm der scharfzüngige Franzose das Wort aus dem Mund nahm: „Der erste Eindruck ist immer der richtige“, höhnte Hollande bar jeder diplomatischen Zurückhaltung.

Frankreichs Kreuzer für Russland

Aber am Donnerstag mussten die beiden einander gutes tun. Hollande ist zwar sowohl im syrischen Konflikt als auch in der Ukraine-Krise scharf mit Putin ins Gericht gegangen, und Frankreich ist auch, dank seiner AKWs, kaum von russischen Gaslieferungen abhängig. Aber Hollande sorgt sich um zwei ultramoderne Kriegsschiffe, die gerade von einer französischen Werft fertiggestellt und demnächst an Russland geliefert werden sollen. Russlands Marine-Generalstabschef, Wladimir Wysotsky, hatte diesen Ankauf folgendermaßen bejubelt: Mit dem „Wladiwostok“ und dem „Sewastopol“ (so die künftigen Namen der Kreuzer) hätte die russische Militär-Operation gegen Georgien 2008 „statt 26 Stunden nur 40 Minuten gedauert“.

Grund genug, dass von Polen über Kanada bis zu den USA alle möglichen Westalliierten in Paris auf den Verkaufsverzicht an Russland dringen. Für Frankreich stehen aber 1,2 Milliarden Euro (von denen die Hälfte bereits von Moskau überwiesen wurde) und der Fortbestand der Atlantikwerften auf dem Spiel – was Hollande umso weniger egal sein kann, als Industrieabbau und Jobkrise auch in der Normandie zuletzt die Rechtspartei „Front national“ auf Rekordhöhe trieb.

Putin will wiederum als Entspannungspolitiker erscheinen, um die Sanktionsfront gegen Russland aufzubrechen. Deshalb dürfte das von Hollande forcierte Treffen zwischen Putin und dem neuen Präsidenten der Ukraine, Petro Porochenko, am Freitag zustande kommen. Ein Gespräch Obama-Putin schien hingegen an Donnerstag noch ausgeschlossen. Öffentlich hält Obama am Bestrafungskurs gegenüber Putin fest, de facto kommt aber dem US-Präsidenten die Deeskalationstaktik von Hollande und Merkel zupass in Hinblick auf den von ihm betriebenen Rückzug von US-Truppen weltweit und namentlich in Europa.

Spannungen mit den USA

Hollande konnte am Donnerstag auch Obama einen Vorwurf präsentieren: im Syrien-Konflikt stand nach dem ersten, erwiesenen Großeinsatz von Chemiewaffen durch das Regime von Assad Frankreichs Luftwaffe in Absprache mit den USA für einen Angriff auf Assads Basen startklar. Obama blies aber die Aktion ab ohne Vorwarnung an seinen engagiertesten Alliierten Hollande.

Bei dem Dinner zwischen Hollande und Obama stand sogar der Austausch von Drohungen auf dem Menü: der französischen Großbank BNP droht in den USA eine Pönale von zehn Milliarden Dollar wegen Verstöße gegen das Embargo gegenüber dem Iran. Hollande verlangt eine Strafmilderung, andernfalls könnte sich Frankreich bei den Verhandlungen über ein künftiges Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU quer legen.

Mythos D-Day als Kriegslegitimation

"Okay, let’s go", lautete der knappe Befehl am 6. Juni 1944, ausgesprochen von Dwight D. Eisenhower, Oberbefehlshaber der alliierten Invasionsarmee. Er startete die größte Landungsoperation der Geschichte, die die Niederlage Nazi-Deutschlands einleitete.

Beim ersten großen Jubiläum 1954 weigerte sich Eisenhower, inzwischen US-Präsident, den Tag zu feiern. Zu klar waren ihm die Tausenden Toten und Verletzten vor Augen, die auf seinen Befehl hin den Strand gestürmt hatten und von deutschen Maschinengewehren niedergemetzelt worden waren.

Spektakel

Trotz der großen Verluste galt der D-Day jahrzehntelang als militärischer Erfolg schlechthin. Kriegsveteranen werden verehrt, Hollywood-Filme nähren den Mythos, Touristen pilgern in die Normandie. Dort wird der D-Day heuer mit einem Spektakel begangen: Fallschirmspringer, Boote, Amphibienfahrzeuge und historische Panzer bieten eine grandiose Show. In der Nacht auf Freitag waren Feuerwerke an den wichtigsten Landungspunkten von 1944 geplant.

Der D-Day wurde stets auch politisch verwertet. Immer wieder diente er US-Regierungen als Legitimation für Kriegseinsätze. Die USA als siegreiche Befreier – dieser Erfolg konnte aber nie wiederholt werden. Die Einsätze in Korea, Vietnam, Afghanistan und im Irak sowie der Krieg gegen den Terror wurden zu Debakeln. Insgesamt weit mehr als 100.000 US-Soldaten ließen ihr Leben. Die politischen Ziele wurden nur teils erreicht: Nordkorea und Vietnam sind immer noch kommunistisch, in Afghanistan und Irak wurden zwar die autoritären Regime gestürzt, nun herrschen aber Chaos und Gewalt. El Kaida ist geschwächt, aber noch aktiv.

Ernüchterung

Während sich US-Präsident George W. Bush noch als Kriegsherr gerierte, gibt sich sein Nachfolger Barack Obama nüchterner. Es sei leichter, einen Krieg anzufangen, als ihn zu beenden, sagte der Friedensnobelpreisträger von 2009. Aus dem Irak sind die USA abgezogen, Afghanistan soll bis Ende 2016 folgen. Bei den Bürgerkriegen in Libyen und Syrien war von einer Truppenentsendung bisher nicht die Rede. Wohl auch mit Blick auf die öffentliche Meinung, die Einsätzen im Ausland inzwischen kritisch gegenübersteht – dem Mythos D-Day zum Trotz.

USA als "Befreier". Militärischer Erfolg vom Juni 1944 konnte nie wiederholt werden.

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