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Politik Ausland
03/18/2020

Herdenimmunität erreichen? Niederlande rudern zurück

Zuerst hieß es, dass sich so viele junge Menschen wie möglich mit dem Coronavirus infizieren sollen. Premier Rutte ruderte jetzt zurück.

von Michael Hammerl

Während Großbritannien zurückruderte, wollten es die Niederlande wagen: Das riskante Corona-Experiment. Es sollten sich so viele junge und gesunde Menschen wie möglich mit dem Virus infizieren. Sie wären dann immun gegen die Krankheit, könnten sie nicht mehr weiterverbreiten und das wäre eine Art Immunitätsschutz für alte Menschen und solche mit Vorerkrankungen. Weil: Diese könnten dann ja nicht mehr von den Jungen angesteckt werden. Das ist zumindest die Logik hinter dem Plan.

"Wir können die Ausbreitung des Virus verlangsamen und gleichzeitig eine kontrollierte Gruppenimmunität aufbauen", rechtfertigte sich der rechtsliberale Premier Mark Rutte am Montag in einer TV-Ansprache. "Die Realität ist, dass in naher Zukunft ein großer Teil der niederländischen Bevölkerung mit dem Virus infiziert sein wird."

Rutte hat das Konzept vom britischen Premier Boris Johnson abgeschaut. Die britische Regierung hat aber selbst davon Abstand genommen, nachdem sie bemerkt hat, dass das Experiment Hunderttausenden Menschen das Leben kosten könnte.

Italienische Verhältnisse?

Rutte ließ sich davon anfangs nicht beirren. Er berief sich an seinen Berater, den niederländischen Virologen Jaap van Dissel, der zuletzt meinte: "Der Gedanke ist: Wir wollen das Virus kontrolliert unter jenen sich verbreiten lassen, die damit wenig Probleme haben." In der Niederlande gibt es deshalb keine Ausgangssperre. Schulen, Bars und Restaurants haben allerdings geschlossen und ab 100 Personen gilt ein Versammlungsverbot. Die Bevölkerung hamstert Cannabis.

Sind diese Maßnahmen ausreichend? Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagt: Nein. Herdenimmunität erreichen zu wollen, sei gefährlich. Erstens sei es nicht erwiesen, dass infizierte Patienten nach der Genesung immun sind. Und zweitens könnte die Lage in den Krankenhäusern völlig außer Kontrolle geraten. Ähnlich wie Österreich haben die Niederlande nur etwas mehr als 1000 Intensivbetten - bei einer Bevölkerung von 17 Millionen.

Damit eine Gruppenimmunität aufgebaut werden kann, müssen laut Immunologen allerdings mindestens 60 Prozent der Gesamtbevölkerung infiziert sein, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. Im Fall der Niederlande wären das knapp über zehn Millionen Menschen. Immunologen gehen bei diesem Szenario von 40.000 bis 80.000 Toten aus. Bei einer Todesrate von etwa einem Prozent würden zumindest 10.000 Menschen am Virus sterben. Auch wenn Rutte betonte, dass alte und gefährdete Menschen sich sehr wohl isolieren sollen.

Auch Rutte rudert zurück

Aber: Ähnlich wie Boris Johnson, ruderte am Mittwoch auch Rutte zurück, wie die Süddeutsche Zeitung berichtete. Seine Regierung habe "Gruppenimmunität" doch nicht als Ziel angestrebt, sagte er im Parlament. Sie könne langfristig aber die Folge der Pandemie sein.

Es sei nicht das Ziel, dass sich die Menschen ansteckten. Vielmehr wolle man dafür sorgen, "dass die Intensivpflege in der Lage ist, mit der Zahl der Kranken zurechtzukommen, dass Ältere und Verletzliche beschützt werden".

Einreiseverbot für Nicht-EU-Bürger

Abgesehen davon haben die Niederlande zur Eindämmung der Corona-Pandemie auch ein faktisches Einreiseverbot für Nicht-EU-Bürger angeordnet. Es gelte ab Donnerstag 18.00 Uhr für zunächst 30 Tage, teilte das Presseamt der Regierung mit. Zuvor hatten sich die Regierungen der 27 EU-Staaten auf zusätzliche Einreisebeschränkungen für den Schengenraum verständigt; Deutschland setzte dies bereits am Dienstag um.

Auch sonst schließe die Regierung in Den Haag weitere Maßnahmen im Kampf gegen das neuartige Coronavirus nicht aus, berichtete die niederländische Nachrichtenagentur ANP. Allerdings seien das Kabinett und eine große Mehrheit der Abgeordneten bisher gegen eine totale Ausgangssperre. Das sei bei einer Debatte im Parlament mit Ministerpräsident Mark Rutte am Mittwoch erneut deutlich gemacht worden.