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Politik Ausland
01/21/2019

Hammelsprünge und Zepter: Zehn skurrile Regeln im britischen Unterhaus

Hammelsprünge, zwei Schwertlängen Abstand, ein Zepter, ohne das nichts geht - das House of Commons unterliegt eigenwilligen Regeln.

von Armin Arbeiter

Wird im House of Commons ein neuer Speaker gewählt, muss er von den Parlamentariern auf seinen Platz gezerrt werden. Dieser Brauch hat seine Wurzeln in den Zeiten, als der Speaker dem Monarchen die Position des Hauses mitteilen musste, was oft mit dem Zorn des Königs endete. Damals mussten Politiker lange dazu überredet werden, sich zum Speaker wählen zu lassen.

Im Unterhaus herrscht oft dichtes Gedrängel – es gibt nur 427 Sitze, aber 650 Abgeordnete. Wer also zu spät kommt, muss stehen.

Damit sich die Parlamentarier nicht physisch attackieren, sind vor den Bänken rote Linien gezogen – zueinander im Abstand von etwas mehr als zwei Schwertlängen. Das ist einigermaßen verwunderlich, da Rüstungen und Schwerter bereits 1313 aus dem Unterhaus verbannt wurden.

Abstimmungen im Unterhaus laufen zuerst mündlich ab, die Abgeordneten antworten entweder mit „Aye“ oder „No“. Ist es unmöglich, eine Mehrheit auszumachen, kommt es zum sogenannten Hammelsprungverfahren: Das bedeutet, dass die Abgeordneten in die beiden Vorräume (Lobbies) der Unterhauskammer gehen müssen, wobei eine „Aye“ und die andere „No“ bedeutet. Dort werden die Namen von Sekretären aufgenommen. Kommt es zum Gleichstand, gibt der Speaker seine entscheidende Stimme ab.

Jeder Sitzungstag wird durch eine feierliche Prozession eröffnet, bei der ein königlicher Zeremonienstab (The Mace) an seinen Platz in der Mitte der Kammer getragen wird. Ist der Stab nicht an seinem Platz, kann nicht getagt werden. Es gilt als außergewöhnliche Form des Protests, wenn Abgeordnete sich den Stab schnappen und damit die Sitzung unterbrechen. 

Es ist den Abgeordneten strengstens verboten, andere Abgeordnete direkt anzusprechen. Aus diesem Grund beginnen die Reden meist mit „Mr. Speaker“, da er die einzige Person ist, die angesprochen werden darf. Alle anderen Parlamentarier sind mit der dritten Person anzureden.

Es sieht ein bisschen aus wie in der Kirche: Parlamentarier im „House of Commons“ stehen von den grün bezogenen Bänken auf – und setzen sich gleich wieder hin. Der Grund dafür: Wer etwas sagen möchte im Unterhaus, muss vom Speaker das Rederecht erteilt bekommen. Damit der weiß, dass jemand etwas sagen möchte, stehen die Parlamentarier auf, erheben sich manchmal auch nur halb von der Bank: Das nennt sich „Catching the Speaker’s eye“, es geht also darum, dem Speaker ins Auge zu fallen.

Wenige Chancen auf Redezeit haben Abgeordnete im T-Shirt – das Unterhaus hat eine strikte Kleiderordnung: Männer sollen in Hemd und Krawatte kommen, während Frauen Kleider oder Business-Kleidung tragen sollten. Auch Beschimpfungen sind strengstens verboten, etwa „Schwein“, „Ratte“, aber auch „Heuchler“ und „Lügner“. Wer jemanden als Lügner beschimpft, muss diese Beschimpfung entweder offiziell zurückziehen oder kann suspendiert werden.

Einmal im Jahr hält die Queen eine Rede vor dem gesamten Parlament – also dem House of Lords und dem House of Commons. Um die Abgeordneten des Unterhauses abzuholen, geht der „Gentleman Usher of the Black Rod“, ein hoher Beamter, zum Unterhaus, wo ihm die Türe vor der Nase zugeschlagen wird. Das Unterhaus demonstriert so seine Unabhängigkeit. Der Black Rod klopft dann dreimal an der Tür, wird eingelassen und sagt: "Mr. Speaker, die Königin befiehlt, dieses Hohe Haus Ihrer Majestät sofort im Haus der Peers aufzusuchen.”