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Reportage
09/22/2021

Grün war die Hoffnung: Annalena Baerbocks Kampf ums Kanzleramt

Sie wollte für die Grünen das Kanzleramt erobern – und hat einen Wahlkampf mit vielen Höhen und Tiefen erlebt. Als Nummer eins wird sie nicht mehr gehandelt, fürs Mitregieren kämpft sie weiter.

von Sandra Lumetsberger

Annalena Baerbock betritt die Bühne und muss zuerst einmal gegen Trillerpfeifen anreden. Freitagmittag, Theaterplatz in Chemnitz, Sachsen. Dass dies kein Wohlfühltermin wird, war klar. In Ostdeutschland hatten die Grünen schon immer einen schweren Stand. Baerbock, eingewickelt in einen blauen Mantel, redet ungeachtet der Pfiffe und Buhrufe weiter, hält das Mikrofon mit beiden Händen. Ihre Stimme ist fest. Dieses Gefühl von Gegenwind ist ihr nicht fremd. Es zieht sich durch ihren Wahlkampf.

Dieser hätte anders laufen können. Als die 40-Jährige vor fünf Monaten zur Kanzlerkandidatin nominiert wurde, schnellten die Umfragewerte nach oben. Alles schien möglich, Platz eins, das Kanzleramt, eine Wende.

Diese kam – zu ihrem Nachteil: Im Netz tauchten zuerst falsche Nachrichten auf, dann folgten echte: über nachgemeldete Nebeneinkünfte; Unstimmigkeiten in ihrem Lebenslauf; Vorwürfe, sie habe in ihrem Buch abgeschrieben. Baerbock entschuldigte sich, räumte Fehler ein. Parteifreunde zürnten, sprachen von Rufmord. Den Grünen schien der Wahlkampf kurz zu entgleiten.

Zurück in Chemnitz, wo Baerbock auf der Bühne weiter gegen Zwischenrufe anredet. In den Reihen vor ihr sind sie bemüht, zu klatschen – viele Schüler und Studenten. Einer ärgert sich über die Reporter von Spiegel TV, die Schreihälse interviewen und ihnen eine Plattform geben. Aber auch darüber, welches Bild sich wieder von der Stadt verbreitet. Chemnitz – „voll mit Nazis, Rentnern und Hools“, singt die Band Kraftklub, die von hier stammt.

Die Stadtbewohner kennen das, die vielen angereisten Journalisten haben es erwartet. Sie wieseln auf dem Theaterplatz herum, befragen Menschen, die ihre Meinung rausbrüllen, aber auf Fragen ungern antworten. Und wenn, dann mit Sonnenbrille und anonym.

Frust im Osten

So wie eine Frau, die wir hier Erika nennen. Sie ist arbeitslos, hat früher im Öffentlichen Dienst gearbeitet. Aus ihrer Sicht geht alles den Bach runter. Seit zehn Jahren fahre hier keine Bahn mehr, sagt sie. Jene, die stündlich nach Leipzig geht, will sie nicht anerkennen: „Nennen Sie das nicht Zug, das Ding ist aus der DDR.“

Von der Rente könnten Menschen wie sie nicht leben, „und, wenn das kommt, was die sagt, dann…“ Sie zeigt auf Baerbock. „Wir hatten schon mal eine Wende, die ist nicht gut gegangen“, setzt sie fort. Dabei spricht Baerbock gar nicht von -Steuer oder E-Autos, sondern von einem höheren Mindestlohn und mehr Geld für Pflegekräfte und gleichwertigen Lebensverhältnissen. „Kommt sowieso alles nicht“, raunt die Frau.

Auch von wohlgesinnter Seite schlägt der Grünen-Politikerin Enttäuschung entgegen. Aktivisten konfrontieren sie damit, dass ihre Positionen beim Klimaschutz zu weich seien. Sie unterstützen jene Gruppe, die vor dem Bundestag campiert und Nahrung verweigert. Sie wollen so Gespräche mit Politikern erzwingen. Baerbock kritisiert dies als „falschen Weg des Dialogs“. Generell soll man in einer Demokratie immer miteinander reden – das gilt den Buhrufern.

Freundlicher wird es für Baerbock später doch noch in Leipzig, wo sie am Abend auf der Bühne steht. Dort ist die Welt eine andere. Menschen kommen auf Fahrrädern, haben ihre Kinder mit, ganz ähnlich wie in Berlin.

Auch Co-Chef Robert Habeck tritt auf. Seit dem Sommer tourt er meist alleine durchs Land – ohne die Last der Kanzlerkandidatur. Vor den 2.000 Zuhörern liefern Habeck und Baerbock die Choreografie, die sie erfolgreich gemacht hat: Habeck erzählt vom Aufbruch, knüpft an die historische Bedeutung Leipzigs an. Mal blumig, dann philosophisch. Baerbock gibt die Sachpolitikerin, wirbt für eine Grundsicherung für alle Studierende und Auszubildende, mehr Blick auf Schulen und Kitas, Förderung für E-Autos. Und ruft schließlich auf: „Wir brauchen bei den Umfragezahlen noch ein paar Stimmen mehr, damit wir wirklich dieses Land verändern und erneuern können.“

Das Wort Kanzleramt fällt nicht mehr. Für die Grünen geht es jetzt ums Mitregieren; und darum, am Verhandlungstisch möglichst viel Gewicht zu haben.

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