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Politik Ausland
05/11/2020

Große Disziplin, verhaltene Stimmung: Frankreich öffnet sich wieder

Erste Öffnung in Frankreich. Das Leben, vor allem in Paris, kommt nur allmählich in Schwung

von Danny Leder

Die überwältigende Mehrheit der Franzosen hat wieder einmal das Klischee über ihre „mangelnde Disziplin“ Lügen gestraft. Gestern, Montag, dem ersten Tag nach Beendigung der fast zweimonatigen Ausgangssperre, zeigte sich die Bevölkerung besonnen und folgsam gegenüber den Behörden.

Verkehrschaos blieb aus

Im Großraum Paris blieb das befürchtete Verkehrschaos auf den Straßen aus. Gleichzeitig konnten die Öffis die neuen Abstandstandregeln weitgehend ohne Zwischenfälle durchsetzen. Dabei musste die Passagierzahl von täglich zehn Millionen (vor der Corona-Krise) auf zwei Millionen reduziert werden. Diese Meisterleistung kam durch ein minutiöses Zusammenspiel zustande: etliche Unternehmen hatten einen maximalen Teil ihrer Arbeitnehmer im Homeoffice belassen und die Arbeitsantritte der übrigen Mitarbeiter zeitlich breit gestreut.

Nur mit Bescheinigung

Die Maskenpflicht in den Öffis wurde fast ausnahmslos eingehalten. Während der Stoßzeiten hatten Fahrgäste eine Bescheinigung des Arbeitnehmers mit sich zu führen.

Es handelt sich also um „keine Rückkehr zu vorherigen Verhältnissen“, wie Gesundheitsminister Olivier Veran betonte. Die Lockerung erfolgt schrittweise und kann im Fall eines Wiederanstiegs der Ansteckungen jederzeit rückgängig gemacht werden. Entsprechend verhalten blieb die Stimmung. Für den Abend hatten viele Freunde eingeladen, mehr als zehn Gäste durften es nicht sein.

„Alles mit Rabatt“

Das Geschäftsleben kam nur zaghaft in Schwung. Auf der Prachtavenue der Champs-Elysée öffnete etwa die Hälfte der Kaufhäuser, für die vergleichsweise eher spärlichen Kunden gab es Willkommens-Chöre. Aber von der Zuversicht des Luxus-Handels und der großen Marken-Boutiquen war in den kleinen Läden der bescheideneren Bezirke wenig zu spüren. „Sie können jetzt hier alles mit Rabatt haben, die Schuhe – und auch das Geschäft könnten sie günstig übernehmen,“ witzelte der Inhaber eines Laufshops in der Nähe der Stadtgrenze. Nachsatz: „Wenn ich zwei Kunden am Tag habe, kann ich die Stromrechnung bezahlen.“

"Kein Zusatztarif"

Im Friseurladen um die Ecke, wo normalerweise sechs Personen Platz haben, ist wegen der Abstandsregeln nur mehr die Chefin und ein Kunde zugegen. Ein Plakat verspricht: „Kein Zusatztarif für unsere Hygiene-Ausgaben!“

Die Buchhandlung im selben Grätzel ist auch zu klein, um Kunden drinnen stöbern zu lassen. Sie müssen ihre Wünsche von der Straße aus mitteilen, dann bekommen sie Bücher auf einem Tischchen am Eingang präsentiert. Nach diesem Prinzip, also der Bestellung durch die Tür und dem Übergabe-Tisch am Eingang, verfahren auch Bistros und Restaurants. So umgehen sie das Öffnungsverbot, das für alle Gaststätten, aber auch Kinos oder Theater gilt.

Zweite Phase ab 2. Juni

Ab 2. Juni tritt eine „zweite Phase“ in Kraft. Die dann einsetzenden eventuellen Lockerungen werden aber nicht landesweit gelten. Frankreich ist zurzeit von Amtswegen farblich zweigeteilt. Das nordöstliche Viertel, darunter der Pariser Großraum, wurde als „rot“ eingestuft. In diesen Verwaltungsbezirken besteht noch eine relativ hohe Infektionsgefahr. Die restlichen drei Viertel Frankreichs sind „grün“, weil das Virus dort bisher kaum auftrat. Bleiben sie „grün“, könnten dort ab Juni auch wieder Gaststätten öffnen. In Paris besteht weniger Hoffnung.

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