Größte Migration seit Jahrzehnten: Hunderttausende verlassen Kuba
Seine blinkenden Sneakers musste der vierjährige Aramis kurz vor dem riesigen Grenzzaun zu Arizona ausziehen. Seine Eltern hatten Angst, dass das Leuchten der Kinderschuhe die amerikanische Grenzpolizei auf die kubanische Familie aufmerksam machen würde.
Über einen Monat lang war die Familie unterwegs gewesen, hatte für kubanische Verhältnisse ein unfassbares Vermögen von 16.000 Dollar ausgegeben. Flog von Kuba nach Nicaragua und schlug sich dann mit Bus, Taxi oder zu Fuß durch drei lateinamerikanische Staaten bis an Mexikos nördliche Grenze durch. Da standen sie nun, mitten in der Nacht, und hofften, wie sie einem Reporter der Washington Post schilderten, endlich die USA zu erreichen.
Dabei hätte der kleine Aramis seine leuchtenden Schuhe gar nicht ausziehen müssen. Kubanische Flüchtlinge, die in den USA um Asyl ansuchen, werden nur selten nach Kuba zurückgeführt. Nur wenn die US-Marine Flüchtlingsboote auf See abfängt, werden Kubaner wieder auf die Insel geschickt.
Nicaragua als Tor zur Welt
Doch wer es schafft, auf dem Landweg zu kommen, der hat seinen US-Aufenthaltsstatus schon fast in der Tasche: Geflohene aus dem kommunistisch regierten Kuba erhalten in den USA viel schneller ein Aufenthaltsrecht als Zuwanderer aus anderen Staaten. Zudem verweigert die Regierung in Havanna derzeit die Rücknahme von abgewiesenen kubanischen Asylwerbern.
Noch nie seit dem Machtantritt Fidel Castros 1959 haben sich so viele Kubaner in so kurzer Zeit in Richtung USA aufgemacht: Knapp 180.000 Menschen sind in den vergangenen zehn Monaten auf irregulären Migrationsrouten in den Vereinigten Staaten eingetroffen – und noch viele Tausende Kubaner mehr sind unterwegs.
Ein Grund dafür: Eine neue, viel weniger gefährliche Fluchtroute, als mit wackeligen Booten über das Meer Florida anzupeilen, hat sich aufgetan. Vergangenen November hob Nicaragua die Visapflicht für Kubaner auf.
Kuba erlebt schwere wirtschaftliche Krise
Seither hat ein regelrechter Massenansturm auf die Hauptstadt Managua eingesetzt: Danach müssen die Kubaner zwar immer noch Honduras, Guatemala und Mexiko durchqueren, bis sie an der Grenze zu den USA stehen. Doch die Wahrscheinlichkeit, in den USA, einmal dort angekommen, auch bleiben zu dürfen, ist hoch – und die wirtschaftliche Lage daheim erdrückend wie selten zuvor.
Eingeklemmt zwischen den Folgen der Corona-Krise und den US-Sanktionen hat sich die Krise auf der Insel besonders unter Ex-US-Präsident Donald Trump noch einmal verschlimmert: Er ließ alle legalen Migrationswege von Kuba in die USA streichen – 20.000 Aufenthaltsgenehmigungen pro Jahr. Zudem gab er Order, die Überweisungen der in den USA lebenden Kubaner für deren Verwandte auf der Insel extrem zu limitieren. Millionen Kubanern auf der Insel schnitt dies die überlebenswichtigen Zuwendungen ab – und verschärfte die Not weiter.
US-Präsident Joe Biden machte diese fatale Maßnahme wieder rückgängig: Jetzt dürfen wieder maximal 330 Dollar pro Monat an Kubaner auf der Insel überwiesen werden. Zudem werden wieder 20.000 reguläre Aufenthaltstitel pro Jahr an Kubaner vergeben. Doch wie die USA der jüngsten Auswanderungswelle aus Kuba generell begegnen will, darauf hat Washington noch keine Antwort.
Die Hiobsbotschaften für die kommunistisch regierte Karibikinsel nehmen kein Ende: Erst kam Ex-US-Präsident Trump, der alle Lockerungen zwischen den USA und Kuba wieder abstellte. Dann kam Corona. Und kaum hatte der Tourismus wieder Schwung, blieben die russischen Touristen aus. Es herrscht Mangel an Lebensmitteln, Medikamenten, Wasser
Energieknappheit
Zum ohnehin eklatanten Energiemangel kam vor zwei Wochen ein Großbrand in den wichtigsten Treibstofflagern der Insel
45 Dollar bzw. 44,8 Euro beträgt derzeit der durchschnittliche Monatslohn
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