Politik | Ausland
20.12.2017

"Geschichte für politische Zwecke missbraucht"

Vor den Wahlen in Katalonien kocht die unverarbeitete Vergangenheit hoch.

Ein Vortrag über Geschichte ist nicht unbedingt das, was man sich vom Portier im Rathaus von Cornella erwartet hätte, aber Jordi muss so viel davon loswerden, dass er den Gast aus Österreich noch beim Gehen an der Türschwelle aufhält. Ob man eigentlich wisse, dass die Habsburger der Ursprung des ganzen Konflikts in Katalonien seien. Dann folgt ein Ausflug ins frühe 18. Jahrhundert und die Rolle der Habsburger bei der Schlacht um Barcelona, die quasi am Beginn der neuen spanischen Nation stünde.

Eines von vielen historischen Themen, die vor den Wahlen zum Regionalparlament in Katalonien morgen, Donnerstag, ständig aufs Tapet kommen – und das nicht nur in der Portiersloge in einem Rathaus, sondern auch in Kaffeehäusern, beim Einkaufen und natürlich bei jeder Wahlkampfveranstaltung. Vor allem die Parteien, die für die Unabhängigkeit der Region von Spanien eintreten, kommen bei ihren Auftritten sehr rasch darauf zu sprechen, was Spanien und die Regierung in Madrid Katalonien schon immer angetan hätten.

Das wichtigste Thema ist da natürlich die Diktatur unter General Franco, der das Land bis 1975 in seiner Gewalt hatte und Katalonien und seine Kultur und Sprache brutal unterdrückte. Der Vergleich mit der heute in Madrid sitzenden konservativen Regierung ist da sehr schnell bei der Hand. "Faschisten" seien die heute wie damals unter Franco, wird da auf der Wahlkampfbühne gewettert. Und dass Madrid die Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Anfang Oktober für illegal erklärt und die Regionalregierung abgesetzt hat, dient als Beweis dafür, dass hier Demokratie mit Gewalt unterdrückt werde.

Kataloniens Nelson Mandela

"Geschichte wird derzeit sehr schnell für politische Zwecke missbraucht", analysiert der an der Universität in Barcelona lehrende Historiker Steven Forti den Wahlkampf: "Da geht man soweit, katalanische Politiker mit Nelson Mandela und anderen Freiheitskämpfern zu vergleichen."

Dass die Geschichte jetzt im Wahlkampf derart hochkocht und den inzwischen völlig unversöhnlichen Separatisten und Pro-Spaniern ständig als Argument dient, liegt auch daran, dass Spanien bis heute viel davon nicht aufgearbeitet hat. Vor allem der Bürgerkrieg in den 1930er-Jahren und die folgenden Jahrzehnte der Franco-Diktatur wurden in den Anfangsjahren der Demokratie rasch begraben, um die nur ja nicht zu gefährden.

Doch die Debatten, die man damals vermieden hat, werden jetzt in Katalonien umso heftiger geführt. Dass Spaniens Höchstgericht die Spitzen der Regionalregierung nach dem Referendum nicht nur absetzte, sondern auch ins Gefängnis steckte, weckt vor allem bei älteren Katalanen dunkle Erinnerungen an Diktatur und Unterdrückung. "Freiheit für die politischen Gefangenen" ist daher eine der Parolen, die nicht nur bei den Wahlkampfveranstaltungen der Separatisten ständig skandiert werden, sondern auch an Hauswänden und Straßenlaternen überall plakatiert sind. Für jene Katalanen, die die Unabhängigkeit, vor allem aber die Strategie der Separatisten eher skeptisch sehen, ist das blanke politische Polemik. "Das sind keine politischen Gefangenen", meint ein besorgter Sozialdemokrat, "sondern gefangene Politiker. Wer so etwas behauptet, macht aus dem Rechtsstaat Spanien einen Unrechtsstaat, und spielt so gerade in diesem Land mit dem Feuer."