Politik | Ausland
07.05.2017

Das Pariser Palais, in dem einst "die Hure des Königs" residierte

Hinter diesen Mauern wohnten Madame Pompadour, die Mätresse des Königs, und Napoleon mit beiden Ehefrauen. So mancher Staatspräsident stand den liebestollen Monarchen um nichts nach.

Madame Pompadour, die berühmteste aller Mätressen, empfing hier ihren königlichen Liebhaber. Napoleon unterzeichnete im Élysée-Palast seine Abdankung, und seit 1873 ist das Schloss im Herzen von Paris der offizielle Amtssitz des französischen Präsidenten. Politiker wie Charles de Gaulle, François Mitterrand und Jacques Chirac schrieben im Élysée Geschichte, doch die dicken Mauern des Palasts erzählen auch von Tragödien, Skandalen und amourösen Verwicklungen. Wer immer heute zum Präsidenten der Republik gewählt wird – ihn oder sie erwartet eines der prunkvollsten und geschichtsträchtigsten Palais Europas.

Das teuerste Geschenk

Es war das teuerste unter den vielen teuren Geschenken, die Ludwig XV. seiner Mätresse machte, und es diente wohl auch seinem Komfort, wenn die Geliebte ab 1753 über ein luxuriöses Heim für intime Stunden verfügte. Die Pariser hingegen verfluchten den Pomp der Pompadour und schrieben auf den Zaun des Palasts: "Wohnsitz der Hure des Königs". Das Palais de l’Élysée hieß in den Tagen, als die Pompadour hier zum Tête-à-tête empfing, nach seinem Vorbesitzer noch Hôtel d’Evreux, war aber nie ein Hotel – so nannte man die Stadthäuser des Adels. Nach dem Tod der Pompadour ging der Palast mit seinem rechteckigen Ehrenhof und dem riesigen Park in das Eigentum des Königs über, wurde von verschiedenen Aristokraten bewohnt und erhielt gegen Ende des 18. Jahrhunderts den Namen Élysée – nach dem nahen Prachtboulevard, den Champs-Élysées.

Spielhölle im Palais

Während der Palast in den Jahren der Französischen Revolution zum Lager, Eissalon und zur Spielhölle verkam, entdeckte Napoleon das Luxusdomizil für sich und erklärte es, seinem Geltungsdrang entsprechend, zum Palais de l’Élysée-Napoleon. Hier erlebte er den Höhepunkt seiner Macht, aber auch den Niedergang: 1809 sah sich der Korse in dem Palais als Herr über Europa, drei Jahre später brach er von hier aus zum Russland-Feldzug auf, der den Anfang vom Ende einläuten sollte.Dazwischen verstieß er Gemahlin Joséphine aus dem Élysée, um den Einzug seiner zweiten Frau, der Österreicherin Marie-Luise, zu ermöglichen. Sie schenkte ihm den ersehnten Thronfolger, der freilich nie an die Macht kam. 1814 unterschrieb Napoleon im Élysée-Palast seine Abdankung als Kaiser; der Tisch aus Florentiner Marmor, an dem er sie unterzeichnete, steht heute noch im Élysée-Palast.

Verschwiegene Absteige

Für Napoleons Neffen, Napoleon III., war das Schloss wieder nichts anderes als verschwiegene Absteige für amouröse Treffen, ehe es 1873 zum offiziellen Amts- und Wohnsitz der bisher 24 französischen Präsidenten erklärt wurde. Und Lust- und Liebestempel blieb: Félix Faure war einer der ersten republikanischen Staatschefs, die in den Genuss des feudalen Ambientes mit prunkvoller Möblage, vergoldeten Spiegeln, Samtvorhängen und dicken Teppichen gelangten. Als am 16. Februar 1899 aus seinen Gemächern der Schreckensschrei einer jungen Dame drang, stürmte sein Sekretär in den Salon und traf den 58-jährigen Präsidenten sterbend in den Armen seiner Geliebten Marguerite Steinheil an. Während der herbeieilende Arzt dem Staatschef nicht mehr helfen konnte, verließ Mademoiselle Marguerite – kaum bekleidet und ihr Korsett vergessend – fluchtartig den Palast. In den Pariser Journalen las man, der Präsident sei in den Armen seiner Frau gestorben.

Zweitfamilie

Ähnlich diskret wurden die prominenten Bewohner des Élysée-Palasts noch ein Jahrhundert lang behandelt. Bis Paris Match am 3. November 1994 aufdeckte, dass François Mitterrand seit 20 Jahren eine Zweitfamilie hatte. Der Präsident führte ein Doppelleben, verbrachte die Sonntage bei Ehefrau Danielle im Élysée-Palast, die Abende unter der Woche jedoch bei der Geliebten Anne Pingeot mit gemeinsamer Tochter Mazarine. "Die Bevölkerung", schrieb Mazarine später in ihren Memoiren, "fand das romantisch", die Franzosen waren ihrem Präsidenten nicht gram. Als Mitterrand 1996 starb, standen seine zwei Frauen und die Kinder aus beiden Verbindungen nebeneinander an seinem Grab.

Dianas Tod in ParisMit dem "Fall Mitterrand" war das Tabu gebrochen, und so ist’s kein Wunder, dass auch das Intimleben seines Nachfolgers Jacques Chirac durchleuchtet wurde. Während sich Chirac als treu sorgender Ehemann gab, enthüllte die Presse, dass Monsieur le Président das Leben eines Casanovas führte. Chirac ist unauffindbarWirklich peinlich wurde jener Seitensprung Chiracs in der Nacht zum 31. August 1997, als man ihn in sämtlichen Flügeln des Élysée vergeblich suchte. Denn eben war Prinzessin Diana in Paris tödlich verunglückt, und es wäre Chiracs Aufgabe gewesen, dem britischen Botschafter Bescheid zu geben und sein Beileid auszudrücken. Da er nicht im Präsidenten-Palast, sondern unerreichbar bei einer Geliebten weilte, blieb Chiracs Frau Bernadette nichts anderes übrig, als "im Namen des Präsidenten" zu kondolieren.

Sarkozy & Carla

Nicolas Sarkozy nützte sein umtriebiges Privatleben ganz bewusst für persönliche Propaganda. Er wusste, dass seine Landsleute Liebesaffären eher bewundern als verurteilen, und so führte er mit seiner Geliebten Carla Bruni – bis zu ihrer Heirat im Februar 2008 – die erste wilde Ehe im Élysée-Palast. Auch der noch amtierende Präsident François Hollande büßte seine Popularität eher durch politisches Ungeschick als durch sein verwirrendes Liebesleben ein. Er beendete nach zweijähriger Amtszeit seine Beziehung mit der Journalistin Valérie Trierweiler und mietete an ihrer Stelle die Schauspielerin Julie Gayet im Élysée ein. Alles in allem stehen die Präsidenten der Grande Nation den einstigen Königen in Sachen l’amour also um nichts nach.Im Élysée ereigneten sich aber auch wirkliche Tragödien. So erschoss sich 1994, in der Amtszeit Mitterrands, einer seiner engsten Berater, François de Grossouvre, in seinem Büro im Präsidentenplast. Der Mitarbeiter hatte sich zuletzt von Mitterrand übergangen gefühlt und "an einem sicheren Platz" ein Enthüllungsdossier deponiert, das auch veröffentlicht wurde.

Geschichte im ÉlyséeVor allem aber wurde im Élysée Geschichte geschrieben. Etwa am 22. Jänner 1963, als Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer hier den "Élysée-Vertrag" unterzeichneten, der nach jahrhundertelangen Kriegen die Aussöhnung zwischen den Völkern Frankreichs und Deutschlands besiegelte und zum Meilenstein auf dem Weg zu einem vereinten Europa wurde.

Es wäre ein Treppenwitz der Geschichte, wenn nach den heutigen Wahlen eine Präsidentin den Élysée-Palast beziehen würde, deren erklärtes Ziel es ist, eben dieses vereinte Europa zu zerschlagen.