Politik | Ausland
05.12.2011

Gaddafi verscherbelte tonnenweise Gold

Vor seinem Sturz soll Libyens Ex-Diktator 29 Tonnen Gold zu Geld gemacht haben. In einer Botschaft dementierte er, nach Niger geflüchtet zu sein.

Mehr als 700 Millionen Euro: Diese gigantische Geldsumme dürfte der libysche Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi kurz vor der endgültigen Eskalation des Bürgerkrieges in seinem Land an sich gerissen haben. Offenbar verkaufte der 69-Jährige im April oder Mai über 20 Prozent der Goldreserven Libyens - insgesamt habe er 29 Tonnen Gold zu Geld gemacht, sagte der Zentralbank-Gouverneur des Landes, Kassem Assos, am Donnerstag in Tripolis. Der Wert des verkauften Anteils belaufe sich auf mehr als eine Milliarde Dollar (711 Millionen Euro).

Zentralbank-Chef Assos berichtete weiter, Gaddafi habe mit dem Geld in der Endphase seiner Herrschaft Gehälter zahlen wollen. Es wird vermutet, dass das Gold wahrscheinlich über Tunesien außer Landes geschafft wurde. Apropos Gold: Hätte der ehemalige Machthaber mit dem Goldverkauf noch einige Monate gewartet, wäre er jetzt wohl um etliche Millionen Euro reicher: Der Goldpreis lag Anfang Mai noch bei etwa 1530 US-Dollar pro Unze (rund 31 Gramm) - inzwischen ist er auf rekordverdächtige 1920 Dollar gestiegen. Somit hätte Gaddafi heute um knapp 30 Prozent mehr für das Gold bekommen.

Gaddafi dementiert Flucht nach Niger

Indes ist weiterhin unklar, wo sich der ehemalige Machthaber Libyens aufhält. In einer neuen Audiobotschaft hatte Gaddafi Gerüchte über seine Flucht nach Niger dementiert. Seinen Gegnern bleibe "nichts mehr als psychologischer Krieg und Lügen", sagte Gaddafi am Donnerstag in der vom syrischen Fernsehsender Arrai übertragenen Botschaft. Die Afrikanische Union (AU) kritisierte unterdessen Übergriffe auf Schwarze, die für Söldner Gaddafis gehalten werden.

Der untergetauchte Diktator bestritt, sich in einem libyschen Militärkonvoi befunden zu haben, der die nigerische Grenze Anfang der Woche überquert hatte. An dem Konvoi sei nichts Besonderes gewesen, habe Gaddafi gesagt. Es gebe eine Menge Transporte zwischen den Nachbarländern. Am Dienstag hatten die neuen Machthaber des "Nationalen Übergangsrats" gemeldet, dass ein Konvoi die Grenze zu Niger überquert habe. Spekulationen arabischer Medien zufolge könnte Gaddafi versuchen, über Niger Burkina Faso zu erreichen. Meldungen, wonach Gaddafi dort Unterschlupf angeboten worden sei, wurden aber von der Regierung des westafrikanischen Landes zurückgewiesen. Auch Niger und die USA dementierten, dass sich Gaddafi oder einer seiner Söhne in dem Konvoi befunden habe.

Gaddafi "kann nicht mehr fliehen"

Am Mittwoch hatten ein Rebellensprecher dem Sender Libya TV gesagt, Kämpfer hätten Gaddafi eingekreist. Er könne nicht mehr fliehen. Der arabische TV-Sender Al-Jazeera berichtete unter Berufung auf den Militärrat in Tripolis, es sei nur eine Frage der Zeit, bis der Despot gefangen genommen oder getötet werde. Dagegen sagte ein Sprecher des Übergangsrates in Benghazi der Deutschen Presse-Agentur, alle Berichte über ein mögliches Versteck Gaddafis seien Spekulation. "Wir wissen es nicht. Es sind alles nur Theorien", sagte er.

Gaddafi sagte in der Audiobotschaft, die nach mehreren Tagen Schweigen kam, er sei überzeugt, dass die NATO besiegt werde. Er versicherte, dass die Angriffe gegen die "Ratten und Söldner" verstärkt würden. Gerüchte über seine Flucht nach Niger dementierte er.

Vor dem Hintergrund einer möglichen Flucht Gaddafis nach Westafrika haben die USA die Länder der Region zur Wachsamkeit aufgerufen. Die Grenzen sollten gesichert und Mitglieder des Gaddafi-Regimes festgenommen werden, sagte US-Außenamtssprecherin Victoria Nuland in Washington. Die Regierung Nigers sieht sich jedoch außerstande, die Grenze zum nördlichen Nachbarn Libyen dichtzumachen. "Wir haben keine Mittel, die Grenze zu schließen", sagte Außenminister Mohamed Bazoum der britischen BBC. Am Rande einer Sahel-Konferenz in Algier räumte Bazoum ein, dass unter anderen Gaddafis Sicherheitschef Abdallah Mansour sowie ein "sehr wichtiger" Verantwortlicher des Geheimdienstes nach Niger gereist seien.

AU-Kommissionspräsident Jean Ping (Gabun) rief den Übergangsrat auf, sich von Angriffen auf Schwarze zu distanzieren, die unter dem Vorwand verübt würden, dass es sich um "Söldner" Gaddafis handle. "Es gibt Söldner in Libyen, viele davon sind schwarz, aber nicht alle sind schwarz und nicht alle Schwarzen sind Söldner. Manchmal, wenn sie weiß sind, nennt man sie auch 'technische Berater'", sagte Ping. "Wenn Schwarzen die Kehle durchgeschnitten wird, machen wir dafür nicht den Übergangsrat verantwortlich, aber wir wollen, dass sich der Übergangsrat von den Taten distanziert."

Waffen aus Libyen

Der AU-Kommissionpräsident warnte auch vor den Gefahren libyscher Waffen für die Nachbarländer. Auch Bazoum warnte vor den Folgen des libyschen Konflikts für die Sahel-Zone. Die Region sei zu einem "Pulverfass" geworden. Die Menge an Waffen in der ohnehin instabilen Region, die mit Drogenschmuggel und Terrorismus zu kämpfen hat, habe weiter zugenommen. Neben zahlreichen Handfeuerwaffen seien im Juni auch 500 Kilogramm des Sprengstoffs Semtex sichergestellt worden, sagte der nigerische Chefdiplomat.

Der Anti-Terror-Berater von US-Präsident Barack Obama, John Brennan, äußerte sich ebenfalls besorgt über die Sicherung von Waffen und anderem Militärmaterial in Libyen. Der Verbleib von Massenvernichtungswaffen ebenso wie von tragbaren Raketen bereite ihnen Sorgen, sagte Brennan bei einer Konferenz in Washington. Der US-Botschafter in Tripolis, Gene Cretz, warnte, Gaddafi und seine Söhne blieben eine Gefahr für die Stabilität Libyens, solange sie in Freiheit seien.

Der algerische Afrika- und Maghreb-Minister Abdelkader Messahel sagte, sein Land sei bereit, mit der nächsten Regierung in Libyen zusammenzuarbeiten. Auch er äußerte sich besorgt über die Verbreitung von Waffen in der Region.