Das Flüchtlingslager Harran in Sanliurfa im Südosten der Türkei

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Politik | Ausland
04/28/2016

Türkei: Flüchtlinge träumen von Heimkehr

EU-Kommissar Hahn besuchte ein Camp in der Türkei

Ayche Shari schreibt arabische Ziffern auf eine große Tafel. Die ehemalige Französisch-Lehrerin aus Raqqa unterrichtet jetzt fünfjährige Kinder im Harran Camp im Südosten der Türkei, nur 15 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Die 30-jährige flüchtete vor drei Jahren mit Mann und vier Kindern, das fünfte wurde vor zwei Monaten geboren, vor den Angriffen der Terrormiliz IS. Jetzt ist ihre Familie sicher. "Ich wünsche mir aber nichts mehr, als zurückzukehren, wenn die Daesh-Leute und Assad weg sind. Beide sind schlimm und verfolgen uns", sagt sie dem KURIER.

So wie sie denken viele im Lager, in dem 14.000 Menschen leben, darunter auch Kurden. "Wir wollen zurück in unser Dorf, um es wieder aufzubauen", sagt Mehmet. Hier bäckt er in einem der Container, den er mit acht Leuten bewohnt, täglich frisches Brot und verkauft es auf der Straße. So fettet er die staatliche Unterstützung von 30 Euro pro Monat etwas auf.

Harran Camp (geführt von der türkischen Flüchtlingsbehörde AFAD, UNICEF, World Food Programme und türkischem Roten Kreuz) gilt als Vorzeige-Lager mit Kindergarten, Schulen, Förderkursen für Begabte, einem Krankenhaus und Sozialarbeitern. Harran ist aber auch ein Beispiel, wie EU-Gelder für Flüchtlinge in der Türkei eingesetzt werden.

UNICEF, das für die Bildung zuständig ist, bekommt die Mittel direkt von der EU, ebenso das World Food Programme, das die Nahrungsmittel kauft und einen Supermarkt zu günstigen Preisen betreibt. Rund 200 Millionen hat die EU kürzlich an die beiden Organisationen überwiesen.

Türkisch lernen

Am Dienstag machte sich EU-Kommissar Johannes Hahn, zuständig für Erweiterung und Nachbarschaftspolitik, persönlich ein Bild von dem Camp und der Provinzstadt Șanliurfa. 1,9 Millionen Menschen leben hier, davon sind 20 bis 25 Prozent Flüchtlinge.

"Ich bin da, um zu sehen, welche Bedürfnisse die Flüchtlinge haben", sagt Hahn und lässt leise Kritik an der türkischen Regierung anklingen. "Es ist schwierig, Informationen aus Ankara zu bekommen,was hier wirklich gebraucht wird."

Der Gouverneur von Șanliurfa, Izettin Küçük, weiß genau, woran es fehlt, und was er von der EU will: "Geld, um Lehrer für Türkisch-Kurse zu bezahlen. Wenn die Flüchtlinge die Sprache nicht können, ist ihre Integration sehr schwierig." Das klingt bekannt. Hahn hat Unterstützung aus dem Drei-Milliarden-Topf zugesagt: "Das ist machbar."

Noch ein Problem belastet den Politiker. Die Spitäler und Arztpraxen sind wegen der Flüchtlinge überfüllt, die medizinische Versorgung ist für jeden gratis. Türkische Patienten müssen lange warten und fühlen sich benachteiligt. Hahn lässt jetzt prüfen, ob es auch für medizinische Einrichtungen und zusätzliche Ärzte EU-Mittel gibt.

Șanliurfa hat – im Vergleich mit anderen Regionen – in den vergangenen drei Jahren besonders viele Flüchtlinge aufgenommen. Auch wenn die fast 1000 Kilometer lange Grenze zu Syrien derzeit dicht ist, kommen täglich welche hinzu. Menschenrechtsorganisationen kritisieren scharf, dass türkische Sicherheitskräfte Schutzsuchende wieder zurückschicken. Von offizieller Seite wird das dementiert.

Kein Interesse an EU

Der Anwalt aus Aleppo, der kürzlich im Harran Camp untergekommen ist, will das Vorgehen an der Grenze nicht kommentieren. Eines sagt er aber ganz offen: "In die EU will ich nicht, ich hoffe, dass der Krieg bald zu Ende ist und ich wieder in der Kanzlei arbeiten kann."

Nur ganz wenige, die wir treffen, wollen in die EU oder besser, nach Deutschland. Ein Vater zweier behinderter Kinder stellte einen Antrag für eine Umsiedlung.

In Șanliurfa sind nur 109.000 von rund 500.000 Flüchtlingen in Lagern untergebracht, der Rest lebt bei Bekannten, in Parks oder auf der Straße. "Sie kommen durch, wir sind gastfreundlich", bemerkt eine ältere Frau am Markt. Hahn will auch für diese Flüchtlinge etwas tun. Er denkt an Ausbildung und Kleinkredite für Türken, die damit zusätzliche Arbeitsplätze schaffen, um dann Flüchtlingen Jobs zu geben. Für den EU-Kommissar ist das auch "ein Beitrag zur Stabilität in dieser Region".